Mundgeruch entsteht meist auf der Zunge: Was Probiotika, Speichel und Zahnpflege wirklich bewirken
Med Hamburg, 3.10.2026 – Man putzt sich gründlich die Zähne, benutzt vielleicht Zahnseide und trotzdem ist da dieser unangenehme Geschmack, dieser kleine Moment beim Ausatmen: Mundgeruch. Das ist kein Zeichen mangelnder Hygiene. Er kann trotz sorgfältiger Zahnpflege auftreten und hat mehrere mögliche Ursachen.
In den meisten Fällen liegt der Ursprung im Mund – besonders häufig am hinteren Zungenrücken. Dort ist die Oberfläche strukturiert und bietet geruchsbildenden Bakterien viele Nischen. Auf dem sauerstoffarmen Zungenabschnitt können sich Gemeinschaften bilden, die Schwefelverbindungen produzieren. Nicht die reine Menge der Bakterien entscheidet, sondern die Zusammensetzung der Mundflora und ihre Stoffwechselprodukte.
Warum die Zunge so oft beteiligt ist
Bakterien bauen Eiweiße und schwefelhaltige Aminosäuren ab. Dabei entstehen flüchtige Schwefelverbindungen wie Schwefelwasserstoff und Methylmercaptan. Schon geringe Konzentrationen können unangenehm riechen. Das orale Mikrobiom unterscheidet sich bei Menschen mit und ohne Mundgeruch, eine klare Liste mit ausschließlich „guten“ und „schlechten“ Bakterien gibt es aber nicht.
Neben dem Zungenbelag kommen Zahnfleischtaschen, Gingivitis, Parodontitis, Karies, schlecht gereinigte Prothesen und ein verminderter Speichelfluss infrage. Die Zunge wird bei der täglichen Pflege laut dem Zahnarzt trotzdem häufig unterschätzt. Dabei weisen frühere Untersuchungen darauf hin, dass Zähneputzen plus Zungenreinigung wirksamer sein kann als Zähneputzen allein. Regelmäßig sollte die Zunge gereinigt werden – aber nicht aggressiv.
Das zeigte auch eine randomisierte Studie mit 80 Teilnehmenden. Untersucht wurden Zungenreinigung, Streptococcus-salivarius-K12-Probiotika und die Kombination beider Maßnahmen. Alle aktiven Gruppen reduzierten flüchtige Schwefelverbindungen. Am stärksten und nachhaltigsten wirkte die Kombination.
Probiotika: interessant, aber kein Zaubertrick
Probiotika könnten Mundgeruch kurzfristig verringern. In Studien wurden unter anderem Streptococcus salivarius, Weissella cibaria und verschiedene Lactobacillus-Stämme untersucht. Systematische Reviews und Metaanalysen zeigen mögliche Verbesserungen bei der Konzentration flüchtiger Schwefelverbindungen und bei der klinischen Geruchsbewertung.
Allerdings unterscheiden sich die Untersuchungen deutlich: bei den Bakterienstämmen, der Dosierung, der Darreichungsform und der Behandlungsdauer. Langzeitdaten sind begrenzt. Probiotika gelten deshalb derzeit als ergänzender Ansatz, nicht als Standardtherapie und schon gar nicht als Ersatz für die Behandlung der Ursache.
Das orale Mikrobiom lässt sich durch Mundhygiene, Ernährung, Speichelfluss, Rauchen, Medikamente und Entzündungen beeinflussen – möglicherweise auch durch Probiotika. Eine dauerhafte „Umprogrammierung“ des gesamten Mikrobioms ist bislang nicht ausreichend belegt. Ziel ist eher ein gesundes Mundmilieu, in dem sich krankheits- und geruchsassoziierte Bakterien weniger stark ausbreiten.
Mundspülung, Fasten und trockener Mund
Bei Mundspülungen kommt es auf das Präparat an. Aromatisierende Produkte überdecken den Geruch meist nur vorübergehend. Zink kann flüchtige Schwefelverbindungen binden oder neutralisieren, Cetylpyridiniumchlorid die bakterielle Zusammensetzung beeinflussen. Chlorhexidin kann wirksam sein, ist wegen möglicher Nebenwirkungen und Verfärbungen aber nicht für eine dauerhafte Anwendung gedacht. Eine Spülung behandelt weder Parodontitis noch starken Zungenbelag allein.
Mundtrockenheit begünstigt Mundgeruch, weil Speichel die Mundhöhle spült, Stoffwechselprodukte verdünnt und das orale Gleichgewicht unterstützt. Alkohol kann den Speichelfluss vermindern und dadurch den Atem verändern; langfristig kann hoher Alkoholkonsum zusätzlich die Mundgesundheit beeinträchtigen.
Auch längere Nahrungspausen spielen eine Rolle. Greift der Körper stärker auf Energiereserven zurück, entstehen Stoffwechselprodukte, die über die Atemluft abgegeben werden. Während eines mehrtägigen Fastens wurde in einer Studie ein signifikanter Anstieg von Dimethylsulfid in der Ausatemluft beobachtet. Bestimmte Lebensmittel können den Atem vorübergehend verändern. Kaffee wird häufig mit Mundgeruch verbunden, experimentelle Daten zeigen jedoch teilweise auch eine hemmende Wirkung bestimmter Kaffeeinhaltsstoffe auf die Bildung von Schwefelverbindungen. Komischerweise ist die Sache also nicht ganz so simpel, wie der Kaffeebecher neben dem Waschbecken vermuten lässt.
Wann die Zahnarztpraxis der richtige nächste Schritt ist
Anhaltender Mundgeruch sollte zunächst zahnmedizinisch untersucht werden. Zahnfleischbluten, tiefe Zahnfleischtaschen, lockere Zähne, starke Beläge, Karies oder entzündete Bereiche sind Hinweise auf mögliche Ursachen. Zwischen Parodontitis und Mundgeruch besteht ein gut belegter Zusammenhang.
Findet sich im Mund nichts, kommen HNO-Ursachen infrage: chronische Entzündungen im Nasen-Rachen-Raum, postnasaler Schleimfluss, stark zerklüftete oder kryptische Mandeln sowie Tonsillensteine aus bakteriellen Belägen in den Mandelkrypten. Wenn weder im Mund- noch im HNO-Bereich eine Erklärung gefunden wird, sind selten auch Stoffwechsel-, Leber- oder Nierenerkrankungen möglich.
Eine Untersuchung kann Zähne, Zahnfleisch, Zahnfleischtaschen und Zungenbelag umfassen. Je nach Situation werden flüchtige Schwefelverbindungen gemessen und HNO-Ursachen abgeklärt. Die Behandlung richtet sich dann nach dem Befund: Bei Parodontitis wird die Entzündung behandelt, bei starkem Zungenbelag die korrekte Zungenreinigung vermittelt. Bei Mundtrockenheit geht es um eine Verbesserung des Speichelflusses oder um die zugrunde liegende Ursache. Anschließend können gegebenenfalls Mundspüllösungen oder Probiotika eingesetzt werden.
Eine Vertrauensperson kann zunächst sagen, ob tatsächlich ein auffälliger Geruch wahrnehmbar ist. Sie ersetzt aber keine professionelle Untersuchung. Bei dauerhaftem Mundgeruch hilft es nicht, immer aggressiver zu putzen oder nur Aromastoffe einzusetzen.
Manche Menschen leiden unter Pseudohalitosis oder Halitophobie und nehmen Mundgeruch wahr, obwohl objektiv kein relevanter Geruch feststellbar ist. In einer deutschen Studie aus einer multidisziplinären Mundgeruch-Sprechstunde hatten von 407 Personen mit entsprechender Beschwerde nur 72,1 % objektivierbaren Mundgeruch. Bei den Personen mit nachweisbarem Mundgeruch lag die Ursache in 92,7 % der Fälle im Mundraum.
Ein frischer Atem lässt sich also nicht einfach auf eine einzelne Zahnpasta, eine Mundspülung oder ein Probiotikum reduzieren. Zunge, Speichel, Zahnfleisch, Ernährung und manchmal auch Nase und Rachen spielen zusammen. Und manchmal braucht es dafür tatsächlich jemanden, der genauer hinschaut – statt noch eine Runde kräftiger zu schrubben.
Quelle: Merkur.de
