Die Linke vor dem Berliner Regierungstest: Regierungsfähig oder zu radikal?
Am Montag, 5. Oktober 2026, steht bei „Mitreden! Deutschland diskutiert“ eine Frage im Mittelpunkt, die nach der Berliner Abgeordnetenhauswahl ziemlich plötzlich sehr konkret geworden ist: Ist Die Linke regierungsfähig – oder zu radikal zum Regieren? Die Sendung läuft von 20:15 bis 22:00 Uhr. Moderiert wird sie von Nina Zimmermann.
Der Anlass: Die Linke ist laut Hochrechnung mit 25,6 Prozent stärkste politische Kraft in Berlin geworden – ihr bislang bestes Ergebnis bei einer Abgeordnetenhauswahl. 2001 hatte die damalige PDS 22,6 Prozent erreicht. Spitzenkandidatin Elif Eralp könnte nun als erste Linken-Politikerin Regierende Bürgermeisterin von Berlin werden. Sie dankte den Wählerinnen und Wählern für ihr Vertrauen und kündigte an, Berlin gemeinsam verändern zu wollen.
Wohnen, Enteignen, Regieren
Eralp setzte im Wahlkampf vor allem auf das Thema Wohnen. In Berlin leben 84 Prozent der Menschen zur Miete. Die Linke kündigte an, die Vergesellschaftung privater Wohnungsbaugesellschaften voranzutreiben, und will darüber mit Grünen und SPD sprechen. Gerade in der SPD gibt es dagegen Vorbehalte. In der Sendung soll deshalb auch diskutiert werden, wie umsetzbar die politischen Lösungsansätze der Partei sind – darunter Enteignungen als Antwort auf soziale Probleme.
Rechnerisch kommen nach den Hochrechnungen zwei Regierungsbündnisse infrage: Linke, SPD und Grüne oder CDU, Grüne und SPD. Berlin wird derzeit von CDU und SPD regiert; schon vor der Wahl hatten Umfragen darauf hingedeutet, dass keine Zweierkoalition eine Mehrheit schaffen würde. Berlin und seine wechselnden Koalitionsmodelle – da war schon einiges dabei.
Die CDU erreicht 18,9 Prozent, nach 28,2 Prozent im Jahr 2023. Stefan Evers, der Kai Wegner als Spitzenkandidaten ersetzt hatte, sprach von einem deutlichen Verlust, aber einem gestoppten Abwärtstrend. Wegner hatte auf eine ursprünglich geplante Kandidatur verzichtet, nachdem bekannt geworden war, dass er wiederholt die Unwahrheit über seinen Umgang mit dem großen Stromausfall in Berlin Anfang des Jahres gesagt hatte. In anderen Darstellungen wird zudem auf die „Tennis-Affäre“ und sein Krisenmanagement nach dem Anschlag auf das Stromnetz verwiesen.
Bundeskanzler Friedrich Merz bezeichnete das CDU-Ergebnis als „ordentlich“. Evers habe in einer schwierigen Situation den Spitzenkandidatenposten übernommen und die CDU mit großem Einsatz geführt, sagte Merz kurz nach Schließung der Wahllokale. Zugleich erklärte er, Unterstützung aus der Bundespolitik habe gefehlt. Nur 20 Prozent waren mit der Arbeit der CDU/SPD-Regierung zufrieden, 77 Prozent unzufrieden – laut infratest dimap der niedrigste gemessene Zufriedenheitswert vor einer Landtagswahl seit Beginn der Erhebung 1998.
Eine Stadt mit vielen politischen Signalen
Die AfD kommt auf 16,1 Prozent, gegenüber 9,1 Prozent im Jahr 2023. Besonders im Ostteil Berlins erzielte sie gute Ergebnisse. Spitzenkandidatin Kristin Brinker kündigte an, bei der Bildungspolitik Druck auf die künftige Landesregierung ausüben zu wollen. Die übrigen Parteien schließen eine Koalition mit der AfD aus; an der Regierungsbildung dürfte sie daher nicht beteiligt werden.
Die Grünen landen mit 14,3 Prozent auf Platz vier, nach 18,4 Prozent im Jahr 2023. Grünen-Chef Felix Banaszak zeigte sich enttäuscht und bezeichnete Berlin als gespaltene Stadt. Die Grünen streben ein Bündnis mit Linken und SPD an und forderten von der Linken ein klares Bekenntnis gegen Antisemitismus. Spitzenkandidat Werner Graf wertete das Ergebnis als Wunsch nach einem Regierungswechsel und bevorzugt eine rot-grün-rote Koalition. Auch die Landesparteiführung sprach sich dafür aus.
Für die SPD endet der Wahlabend mit 12,1 Prozent, nach 18,4 Prozent im Jahr 2023. Laut den vorliegenden Angaben ist das ein historischer Tiefstwert in Berlin. Gegen Spitzenkandidat Steffen Krach wird wegen des Anfangsverdachts der Vorteilsannahme im Zusammenhang mit seiner früheren Tätigkeit als Regionspräsident in Hannover ermittelt. Krach weist die Vorwürfe zurück. Er sprach von einem „katastrophalen Abend“ und sagte, die SPD könne nicht mehr als traditionelle Berlin-Partei gelten. Auf mögliche Koalitionen mit Linken oder CDU legte er sich zunächst nicht fest.
Das BSW erreicht laut Hochrechnung 4,7 Prozent und dürfte damit den Einzug ins Abgeordnetenhaus verpassen. Nach anderen Hochrechnungen liegen die Werte bei 4,8 beziehungsweise 4,9 Prozent. Sollte Rot-Grün-Rot keine Mehrheit bilden, könnten CDU, Grüne und SPD gemeinsam über eine Mandatsmehrheit verfügen. Die FDP verpasst mit 2,6 Prozent erneut den Einzug ins Parlament; die Forschungsgruppe Wahlen weist 2,5 Prozent aus.
Die Wahl fand erneut statt, weil die reguläre Wahl von 2021 wegen zahlreicher Pannen – fehlender oder vertauschter Stimmzettel, lange Wartezeiten – im Februar 2023 vollständig wiederholt werden musste. Die fünfjährige Amtszeit wurde trotzdem ab 2021 berechnet, weshalb 2026 erneut gewählt wurde. Die Beteiligung lag bei 75 Prozent, deutlich über den 62,9 Prozent der Wiederholungswahl 2023 und knapp unter den 75,35 Prozent von 2021.
Vom Ost-Image zur Stadtpartei
Die Hochrechnungen verschiedener Institute liegen nah beieinander: Infratest dimap sieht Die Linke bei 25,3 Prozent, die Forschungsgruppe Wahlen bei 25,1 Prozent. Für die CDU werden 19,0 beziehungsweise 19,2 Prozent genannt, für die AfD 16,3 beziehungsweise 15,8 Prozent, für die Grünen 14,4 beziehungsweise 14,3 Prozent und für die SPD 12,1 beziehungsweise 12,0 Prozent.
Der Sprung der Linken ist nicht nur eine Berliner Geschichte. Bundesweit stieg die Mitgliederzahl innerhalb kurzer Zeit von knapp 60.000 auf mehr als 123.000. Laut einer Analyse des Politologen Thorsten Faas wuchs die Partei in Niedersachsen, Schleswig-Holstein, Bayern, Nordrhein-Westfalen und Hamburg stärker als in Berlin oder Ostdeutschland. Aus der traditionellen Ost-Partei entwickelt sie sich, so die Einordnung, in Teilen zu einer erfolgreichen Stadtpartei. Sie mobilisierte Nichtwähler und wird jünger sowie weiblicher.
In Thüringen stellte Die Linke von 2014 bis 2024 mit Bodo Ramelow bereits den Ministerpräsidenten. Der Berliner Erfolg ist also nicht völlig aus dem Nichts gefallen, auch wenn 25 Prozent in der Hauptstadt natürlich ordentlich Lärm machen.
Offen bleibt, ob die unterschiedlichen politischen Strömungen der Partei zusammenhalten. Die Linke sieht sich mit Vorwürfen zu Antisemitismus innerhalb der Partei und mutmaßlichen Kontakten einzelner Mitglieder zu kriminellen Clanstrukturen konfrontiert. Mathias Berek vom Zentrum für Antisemitismusforschung der TU Berlin erklärte, Die Linke habe ein Antisemitismusproblem, dieses sei jedoch nicht so groß, wie konservative Kritiker es darstellten.
Die Berliner Spitzenkandidatin Elif Eralp sprach sich gegen Antisemitismus aus und veröffentlichte im Mai einen Fünf-Punkte-Plan zum Schutz jüdischen Lebens. Kritiker bemängeln allerdings, dass es bisher vor allem bei mündlichen Aussagen geblieben sei, und fordern disziplinarische Konsequenzen.
Die Diskussion am Montag
Zu Gast bei Nina Zimmermann sind Michael Koß, Professor für das Politische System der Bundesrepublik Deutschland und der EU an der Leuphana Universität Lüneburg, Kerstin Wolter, Berliner Landesvorsitzende der Partei Die Linke, und Christoph Ploß (CDU), Mitglied des Deutschen Bundestages.
Gesprochen werden soll darüber, ob Die Linke ein starkes Gegengewicht in der Parteienlandschaft bildet, ob der Zuwachs an den politischen Rändern bei gleichzeitig schrumpfenden Mitgliederzahlen von CDU und SPD besorgniserregend ist und ob Deutschland eine stärker soziale Politik benötigt. Natürlich geht es auch um die Kernfrage des Abends: regierungsfähig oder radikal?
Zuschauer können sich per E-Mail-Formular, YouTube-Kommentar oder telefonisch beteiligen. Die Sendung wird als Video-Livestream sowie im Radio unter anderem auf BR24, HR Info, MDR AKTUELL, NDR Info, rbb24 Inforadio, SWR Aktuell und WDR 5 übertragen. „Mitreden! Deutschland diskutiert“ läuft montags und donnerstags im Livestream sowie auf den genannten Radiosendern.
Heute, am 3.
