Schwerkrank im Evin-Gefängnis: Iran verweigert Matleb Ahmadian weiterhin medizinische Haftentlassung
Im Evin-Gefängnis in Teheran sitzt der schwerkranke kurdische politische Gefangene Matleb Ahmadian weiterhin ein – obwohl die iranische Rechtsmedizin seine Haftunfähigkeit festgestellt und sich für seine Entlassung ausgesprochen hat. Die Staatsanwaltschaft Teheran verweigert nach Angaben des Kurdistan Human Rights Network (KHRN) trotzdem sowohl die Aussetzung seiner Haftstrafe als auch medizinischen Hafturlaub.
Ahmadian wurde 1983 in Baneh geboren und befindet sich mittlerweile im 16. Haftjahr. Sein Körper ist von schweren Erkrankungen gezeichnet: Magen- beziehungsweise Zwölffingerdarmkrebs, ein Zwerchfellbruch, eine Verengung des Wirbelkanals sowie chronische Harnwegsinfektionen gehören zu den genannten Diagnosen. Hinzu kommen Sodbrennen und Darmschwellungen. Er sei nicht mehr in der Lage zu essen und habe wegen jahrelang unzureichender medizinischer Versorgung mehr als 35 Kilogramm verloren.
Behandlung verzögert, Medikamente blockiert
Laut KHRN wurde seine Behandlung außerhalb des Gefängnisses über Jahre verschleppt. Ein zunächst als gutartig eingestufter Tumor entwickelte sich zu einem bösartigen Tumor und breitete sich in weitere Körperregionen aus. Bei mehreren Operationen wurden die Gallenblase sowie Teile der Leber und des Dickdarms entfernt.
Auch die verschriebenen Medikamente erreichten ihn wiederholt nicht. Ein Facharzt hatte die notwendigen Mittel verordnet, die Krankenstation des Evin-Gefängnisses ihre Ausgabe genehmigt. Der Gefängnisarzt in Teheran bestätigte zudem, dass die Behandlung dringend sei. Dennoch verhinderten die Gefängnisbehörden die Lieferung durch eine externe Apotheke. Ahmadians Familie versuchte mindestens viermal, die Medikamente selbst ins Gefängnis zu bringen – jedes Mal blockierten Beamte den Versuch.
Im Juni 2024 wurde Ahmadian einmal in eine medizinische Einrichtung außerhalb des Gefängnisses gebracht. Noch bevor die Behandlung abgeschlossen war, kam er wieder zurück ins Evin-Gefängnis. Nach einem israelischen Bombenangriff auf das Gefängnis am 23. Juni 2025 wurde er in das Zentralgefängnis von Groß-Teheran verlegt. Das KHRN stuft seinen Gesundheitszustand als kritisch ein.
Bereits im Januar 2020 hatte Ahmadian in einem Brief über die Zustände berichtet. Er schrieb von Infektionen im Hodenbereich und Frakturen an drei Wirbeln. Nach seinen Angaben waren diese Verletzungen durch Folter während seiner Haft verursacht worden. Die Gefängnisbehörden hätten die Kosten für Operationen und Medikamente trotz entsprechender Vorschriften der Gefängnisorganisation nicht übernommen. Aus finanziellen Gründen habe er die Behandlung abbrechen müssen.
Im Mai 2025 begann Ahmadian aus Protest gegen die verweigerte Behandlung und die abgelehnte Haftunterbrechung einen Hungerstreik. Die zweite Quelle nennt dafür den 5. Mai. Sein Protest richtete sich gegen die Behinderung der medizinischen Versorgung und gegen die Weigerung der Teheraner Staatsanwaltschaft, seine Haftstrafe auszusetzen.
Festnahme, Folter und lange Haft
Am 5. Oktober 2010 wurde Ahmadian festgenommen. Anschließend verbrachte er acht Monate in Einzelhaft und wurde in Sicherheits- beziehungsweise Geheimdiensteinrichtungen in Sardascht, Saqqez und Sanandadsch – auch als Serdeşt, Seqiz und Sine bezeichnet – festgehalten. Menschenrechtsorganisationen berichten von schwerer körperlicher Folter.
Vorgeworfen wurde ihm unter anderem die angebliche Mitgliedschaft in der Komala-Partei von Rojhilat. Wegen „Moharebeh“, also „Feindschaft gegen Gott“, verurteilte man ihn zu 30 Jahren Haft und zur Verbannung in das Gefängnis von Minab. In zwei weiteren Verfahren kamen zusätzliche Strafen hinzu: wegen des „unbefugten Überschreitens der Landesgrenzen“ eine Geldstrafe und ein Jahr Haft, wegen „Beihilfe zum Mord“ neun Jahre Haft, eine halbe Diya – Blutgeld – sowie eine weitere Geldstrafe.
Der kurdische politische Gefangene verbüßt damit eine 30-jährige Haftstrafe unter Bedingungen, in denen selbst lebenswichtige Medikamente nicht zuverlässig zu ihm gelangen. Ein ziemlich wörtlicher Kampf gegen die Zeit.
Politische Gefangene im Iran
Der Fall steht in einem größeren Zusammenhang. Seit der Machtübernahme der Mullahs während der Islamischen Revolution 1979 weist der Iran laut der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM) eine sehr schlechte Menschenrechtsbilanz auf. Auch die rhetorischen Beschwichtigungen des 2013 gewählten Präsidenten Hassan Rouhani brachten demnach keine Verbesserung.
Nach Ebrahim Raisis Machtübernahme 2021 verschärfte sich die Lage weiter. Raisi wurde für Tausende Hinrichtungen in den 1980er-Jahren verantwortlich gemacht. Er starb im Mai 2024 bei einem Hubschrauberabsturz. Anschließend gewann Masoud Pezeshkian die vorgezogenen Präsidentschaftswahlen. Die IGFM bezeichnet ihn als „Reformisten“, weist aber zugleich darauf hin, dass es im Iran keine freien Wahlen gebe. Eine wesentliche Veränderung der Menschenrechtslage sei unter Pezeshkian bislang nicht erkennbar.
Oppositionelle Bewegungen werden weiterhin niedergeschlagen. Regimegegner und Angehörige religiöser Minderheiten werden verfolgt, inhaftiert und getötet. Trotzdem engagieren sich zahlreiche Menschen unter Lebensgefahr für Freiheit und Menschenrechte: Mitglieder oppositioneller Gremien, Frauenrechts- und Studentenaktivisten, unabhängige Journalisten sowie kritische Wissenschaftler. Viele bezahlen dieses Engagement mit ihrer Freiheit oder ihrem Leben.
Nach Angaben der IGFM werden derzeit Tausende Menschen aus politischen Gründen und zu Unrecht festgehalten. Aufgeführt werden unter anderem Parsa Najafi, Pejman Zareh, Peyvand Naimi, Borna Naimi, Armin Monsaref und Navid Zarrehbin Irani. Das IGFM-Patenschaftsprogramm will inhaftierten Bürgerrechtlern, Journalisten, Demonstranten und anderen politisch Verfolgten eine öffentliche Stimme geben.
Der Zugang zu Informationen über politische Gefangene und ihre Situation ist derzeit stark erschwert; verifizierte Aktualisierungen können häufig nicht erfasst werden. Wegen des andauernden Krieges können außerdem keine Briefe direkt an Gefangene im Iran gesendet werden. Als Alternative empfiehlt die IGFM, Appellbriefe an die iranische Botschaft in Deutschland zu richten und darin eine Verbesserung der Haftbedingungen zu fordern.
Menschenrechtsarbeit kann laut IGFM Folter beenden oder verringern, den Zugang zu Angehörigen ermöglichen, Haftbedingungen verbessern und zur Freilassung von Menschenrechtlern beitragen. Oft dauert sie allerdings lange – besonders dann, wenn autoritäre Regime gesellschaftlichen Einfluss als Bedrohung wahrnehmen. Für Ahmadian bleibt währenddessen die Frage nach Medikamenten, Behandlung und Haftunterbrechung offen.
