TU-Chemnitz-Student Jost Kobusch: Solo durch die höchsten Grenzen des Alpinismus
An der TU Chemnitz ist Jost Kobusch als Student im Studiengang Sports Engineering eingeschrieben – zugleich gehört der 25-Jährige zu den Extrembergsteigern, die lieber allein losziehen. Ende September 2017 brach der gebürtig aus der Nähe von Bielefeld stammende Kobusch zu einer Expedition im Himalaya auf. Zunächst scheiterte er.
Am 3. Oktober 2017 gelang ihm dann im Alleingang die Erstbesteigung des 7296 Meter hohen Nangpai Gosum II im Osten Nepals. Der Gipfel hatte bis dahin als einer der höchsten unbestiegenen Berge der Erde gegolten. In der Bergsteigerszene wurde der Erfolg später auch dadurch anerkannt, dass die „Himalayan Database“ die Besteigung in ihr Archiv aufnahm. Darin sind rund 9500 Expeditionen an 455 Gipfeln in Nepal dokumentiert.
Ein Berg als Richtungswechsel
Kobusch ist auf Solo-Besteigungen spezialisiert und verzichtet auf Begleiter und Träger. Nach eigenen Angaben finanziert er als Profisportler mit dem Bergsteigen sein Studium. Angefangen hat alles deutlich niedriger: Im Alter von zwölf Jahren begann er mit dem Klettern.
Auf seiner eigenen Website beschreibt Kobusch, wie schwer es für ihn war, herauszufinden, welche Tätigkeit er eigentlich ausüben möchte. Er sei in einer Wohlstandsgeneration aufgewachsen, in der grundsätzlich viele Möglichkeiten offenstanden. Im Bergsteigen probierte er zunächst verschiedene Aktivitäten aus, ehe er erste Solo-Projekte startete. Das Alleinsein führte bei ihm zu einem intensiven Flow-Erlebnis.
Die Übertragung dieses Ansatzes auf Achttausender war allerdings schwierig. Das Wetterfenster ist meist kurz, viele Bergsteiger versuchen im selben Zeitraum den Aufstieg, und selbst wer ohne Sherpas und zusätzlichen Sauerstoff unterwegs ist, nutzt häufig dieselben Routen wie andere. Diese Erfahrungen lösten bei Kobusch eine Sinnkrise aus.
Der Nangpai Gosum II half ihm, wieder eine Richtung zu finden. Obwohl der Berg „nur“ ein Siebentausender war, bot er die Möglichkeit, ins Unbekannte und in unberührte Wildnis vorzudringen. Für Kobusch wurde die Expedition zum persönlichen Aha-Erlebnis: Er erkannte, dass er seine Zeit dem reinen Solobergsteigen und Alpinismus widmen möchte. Das abschließende Bild auf seiner Website zeigt ihn nach der erfolgreichen Rückkehr vom Berg.
Vom Pik Yoko bis zur Annapurna
Seine Vorgeschichte ist bereits ziemlich dicht. Im Oktober 2013 reiste Kobusch nach Kirgistan, um den Pik Lenin zu besteigen, musste den Versuch wegen schlechten Wetters jedoch abbrechen. Am 24. Dezember 2013 bestieg er um 20:12 Uhr als Erster den bis dahin namenlosen, 4048 Meter hohen Pik Yoko. Wenige Tage später erkannte Community Based Tourism Kyrgyzstan die Erstbesteigung offiziell an.
Im April 2014 folgte die Ama Dablam solo und ohne künstlichen Sauerstoff. Kobusch wurde damit zum jüngsten Solobegeher dieses Gipfels. Am 25. April 2015 filmte er vom Mount-Everest-Basislager aus eine durch ein Erdbeben ausgelöste Lawine, die Teile des Lagers zerstörte. Bei dem Unglück starben mindestens 19 Menschen, mehr als 60 weitere wurden teilweise schwer verletzt.
Das auf YouTube veröffentlichte Video machte ihn weltweit bekannt und erreichte innerhalb weniger Tage mehr als 23 Millionen Aufrufe. Danach gab er unter anderem Interviews bei Spiegel Online und im Sat.1-Frühstücksfernsehen. Ein ziemlich harter Weg ins Rampenlicht.
Am 1. Mai 2016 erreichte Kobusch ohne künstlichen Sauerstoff über die Nordflanke den 8091 Meter hohen Gipfel der Annapurna. Es war sein erster Gipfelerfolg an einem Achttausender; zugleich war er der jüngste und insgesamt achte deutsche Bergsteiger auf dem Annapurna-Gipfel. Sherpas begleiteten ihn nicht, allerdings nutzte er nach eigener Aussage von Sherpas verlegte Fixseile, die auch von 30 weiteren Gipfelbesteigern verwendet wurden.
Unterhalb des Gipfels spielte Kobusch mit dem israelischen Bergsteiger Nadav Ben Yehuda eine Partie Blitzschach. Ein US-Bergsteiger hielt die Szene filmisch fest – Schachpartie im eisigen Hochgebirge, während der Gipfel noch über ihnen stand.
Nangpai Gosum II und die nächsten Grenzen
Beim Aufstieg zum Nangpai Gosum II startete Kobusch vom Advanced Basecamp auf 5560 Metern. Über Lager auf 6400 und 6840 Metern erreichte er nach drei Tagen den Gipfel. Die Schwierigkeit bewertete er mit TD (Très Difficile) nach dem International French Adjectival System.
Der Berg galt bis dahin als vierthöchster unbestiegener Berg der Erde und zugleich als höchster unbestiegener Berg Nepals. Für die Besteigung wurde Kobusch in die Auswahlliste „Significant ascents“ des Piolet d’Or 2017 aufgenommen; bei der Preisvergabe 2018 erhielt er jedoch keine Auszeichnung.
Danach nahm er den Mount Everest ins Visier. Im Winter 2019/2020 plante Kobusch eine Solobesteigung über eine technisch anspruchsvollere Route. Laut Himalayan Database hatten zuvor nur zwei Sherpas mit Unterstützung einer Gruppe im Winter 1987/1988 den Everest bestiegen. Ende Februar 2020 brach Kobusch seinen Versuch auf 7360 Metern ab, weil er nach eigener Aussage nicht mehr in Topform war.
Im Winter 2021/2022 folgte der zweite Versuch. Kobusch erreichte 6450 Meter, doch der Jetstream brachte anhaltende Sturmwinde und verhinderte ein ausreichendes Zeitfenster für den Gipfelaufstieg. Fünf seiner Zelte wurden vom Sturm zerstört. Er erklärte später, daraus gelernt und gezeigt zu haben, dass er den unteren Teil der Everest-Route sehr schnell klettern könne.
Für 2023 plante er einen weiteren Versuch, Rückenprobleme zwangen ihn zunächst jedoch zu einer Ruhepause. Im Winter 2024/2025 startete Kobusch schließlich seinen dritten Mount-Everest-Versuch.
Winter am Denali
Am 19. Februar 2023 bestieg Kobusch den 6190 Meter hohen Denali im Winter solo. Durch das Messner-Couloir war er der erste Nicht-Amerikaner und der erste Bergsteiger, dem diese Winterbesteigung gelang. Insgesamt war er der dritte Solobegeher des Denali im Winter.
Für den Auf- und Abstieg vom Höhenlager zum Gipfel benötigte Kobusch rund 35 Stunden. Viel Zeit für kalte Finger, dünne Luft und vermutlich keinen besonders gemütlichen Kaffee. In Chemnitz geht derweil sein Studium weiter – finanziert mit jenem Bergsteigen, das bei ihm einst als Suche nach der richtigen Richtung begann.
