Schwäbisch Gmünd startet Pilotprojekt für Nachrichtenkompetenz im KI-Zeitalter
In der „eule gmünder wissenswerkstatt“ in Schwäbisch Gmünd sitzen an diesem 8.10.2026 rund 40 Schülerinnen und Schüler und 15 Lehrkräfte. Die Luft ist konzentriert, aber nicht steif: Es geht um Social Media, KI-Chatbots, Nachrichten und Desinformation – also um Dinge, die längst zum Schulalltag gehören, manchmal hilfreich sind und manchmal gehörig durcheinanderbringen.
Die Robert Bosch Stiftung und die Initiative #UseTheNews starten gemeinsam mit der Pädagogischen Hochschule Schwäbisch Gmünd ein Pilotprojekt zur Förderung von Nachrichten-, Informations- und Kommunikationskompetenz, kurz NIK. Zunächst wird es an vier Schulen in Schwäbisch Gmünd erprobt. Das Zentrum für Medienbildung der Pädagogischen Hochschule koordiniert die Modellregion, begleitet die Umsetzung wissenschaftlich und dokumentiert die Ergebnisse. Später könnte das Konzept auf weitere Regionen Baden-Württembergs ausgeweitet werden.
Vom Lokalradio bis zur künstlichen Intelligenz
Zum Auftakt an der PH Gmünd sprachen die Teilnehmenden mit SWR-Redakteur Tilo Spanhel und dem journalistischen Creator Chris Müller. Danach ging es in verschiedene Themenfelder: Audio- und Lokaljournalismus, Auslandsberichterstattung, künstliche Intelligenz und Desinformation. Nicht nur zuhören, sondern selbst ausprobieren – das ist der Plan. Die Schülerinnen und Schüler entwickelten eigene Ideen für medienpraktische Projekte, die im laufenden Schuljahr an ihren Schulen weiterentwickelt und umgesetzt werden sollen.
Beteiligt sind die Adalbert-Stifter-Realschule, das Hans-Baldung-Gymnasium, die Friedensschule Rehnenhof und die Mozartschule Hussenhofen. Neben der praktischen Medienarbeit umfasst das Projekt die Qualifizierung von Lehrkräften, Schulentwicklungsarbeit und die Zusammenarbeit zwischen Schulen und außerschulischen Akteuren im Quartier. NIK soll auf verschiedenen Ebenen des Schulalltags gestärkt und als Bestandteil der Demokratieförderung verankert werden.
Beim Auftakt wirkten unter anderem die Akademie für Innovative Bildung und Management Heilbronn-Franken, die eule gmünder wissenswerkstatt, die Gmünder Tagespost, Journalismus macht Schule e.V., das Kreismedienzentrum Ostalbkreis, die Landesanstalt für Kommunikation, die Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg, Radio 7, der Südwestrundfunk und der Verband Südwestdeutscher Zeitungsverleger e.V. mit. Im weiteren Projektverlauf sollen zusätzliche Partner aus Baden-Württemberg dazukommen.
Die Robert Bosch Stiftung fördert Projekte in den Bereichen Gesundheit, Bildung und globale Fragen und finanziert sich aus der Dividende der Robert Bosch GmbH. #UseTheNews entwickelt Informations- und Bildungsangebote für junge Menschen und will Nachrichtenkompetenz bis 2030 an allen Schulen in Deutschland verankern. Gegründet wurde die Initiative 2020 von der Deutschen Presse-Agentur und der Hamburger Behörde für Kultur und Medien.
Nachrichten selbst machen, Falschmeldungen prüfen
Im bundesweiten Projekt stellen Medienschaffende, Wissenschaftler und Medienanstalten – darunter die Landesanstalt für Kommunikation, kurz LFK – Informationen und Angebote zur Nachrichtenkompetenz bereit. Anlaufstelle ist www.usethenews.de. Zu den Formaten gehören Newscamps, die LFK und SWR gemeinsam organisieren. Dort geht es um Pressefreiheit, Journalismus und das Erkennen von Falschmeldungen.
Schülerinnen und Schüler produzieren eigene Nachrichten und Reels, überprüfen Aussagen und tauschen sich in Live-Schalten mit Auslandskorrespondentinnen und -korrespondenten aus. Eine andere Form der Informationsvermittlung ist der Dokumentarfilm: In der Doku Klasse können Schulklassen über Online-Angebote, Kinovorführungen und Workshops den Dokumentarfilm kennenlernen und sich mit gesellschaftlich relevanten Themen auseinandersetzen. Informationen dazu gibt es unter swr.de/unternehmen/medienkompetenz/doku-klasse-100.html.
Warum solche Angebote gebraucht werden, zeigen mehrere Untersuchungen. Laut ICILS 2023 verfügen 40 Prozent der deutschen Achtklässlerinnen und Achtklässler nur über rudimentäre digitale Kompetenzen. 2018 lag der Anteil noch bei 30 Prozent und stieg damit auf mehr als 40 Prozent; zugleich sanken die durchschnittlichen Kompetenzwerte von 518 auf 502 Punkte. Vielen Jugendlichen fällt es besonders schwer, die Qualität von Informationen im Internet einzuschätzen.
Eine Vodafone-Studie von 2025 befragte mehr als 1.000 Jugendliche zwischen 14 und 20 Jahren. Fast 70 Prozent nutzen soziale Medien mehr als zwei Stunden täglich, fast ein Drittel sogar mindestens fünf Stunden. 47 Prozent halten ihre Nutzung selbst für zu hoch. Die Hälfte möchte weniger soziale Medien nutzen, schafft es aber nicht. Mehr als 80 Prozent wünschen sich Unterstützung durch die Schule – etwa durch Unterrichtseinheiten, Projekte oder Sprechstunden.
Eine qualitative #UseTheNews-Studie von 2025 zu TikTok zeigt ein zwiespältiges Bild: Jugendliche wissen, dass Falschinformationen verbreitet werden. Algorithmische Manipulationen unterschätzen sie jedoch, und bei der Weitergabe personenbezogener Daten haben sie geringe Bedenken. Zugleich ist TikTok ein wichtiger Ort für politische Kommunikation und Nachrichten.
Was zur Medienkompetenz gehört
Eine PISA-Sonderauswertung zur Nachrichtenkompetenz von 2022, veröffentlicht 2025, ergab: 69 Prozent der 15-Jährigen fühlen sich sicher, Informationen im Internet zu finden. Nur 47 Prozent trauen sich zu, deren Qualität fundiert zu beurteilen. 60 Prozent vergleichen verschiedene Quellen – im OECD-Durchschnitt sind es 72 Prozent. Rund ein Drittel prüft Online-Informationen nicht auf ihre Richtigkeit, bevor sie diese in sozialen Medien teilt.
Das Modell des Erziehungswissenschaftlers Dieter Baacke aus den 1990er-Jahren unterscheidet vier Dimensionen. Medienkritik bedeutet, Medien hinsichtlich ihrer Eignung und Qualität zu beurteilen. Medienkunde meint, technische Funktionsweisen und die Bedienung verschiedener Medien zu verstehen. Medienhandeln beziehungsweise Mediennutzung beschreibt, Medien aktiv und produktiv zu verwenden, etwa für Fotos, Videos oder Radiosendungen. Mediengestaltung schließlich steht für den kreativen und innovativen Einsatz von Medien.
Stefan Iske übertrug dieses Modell 2023 auf Plattformen wie Instagram und TikTok. Zur Medienkritik gehört dann etwa die Analyse personalisierter Werbung, vermittelter Schönheitsideale und ihrer gesellschaftlichen Auswirkungen. Medienkunde umfasst Geschäftsmodelle, Eigentumsverhältnisse sowie die Verbindungen zwischen Plattformen und Internetkonzernen. Mediennutzung heißt, eigene Inhalte zu erstellen und zu veröffentlichen, sich an Diskussionen zu beteiligen sowie sich in Gruppen zu vernetzen und zu organisieren. Mediengestaltung zeigt sich in kreativen und kritischen Beiträgen – TikTok-Videos oder Internet-Memes eingeschlossen.
Auch die Kultusministerkonferenz hat mit der Strategie „Bildung in der digitalen Welt“ von 2016 sechs Kompetenzbereiche benannt: Suchen, Verarbeiten und Aufbewahren; Kommunizieren und Kooperieren; Produzieren und Präsentieren; Schützen und sicher Agieren; Problemlösen und Handeln; Analysieren und Reflektieren. Hinzu kommen aktive gesellschaftliche Teilhabe sowie der Schutz von Natur und Umwelt. Die KMK-Empfehlung „Lehren und Lernen in der digitalen Welt“ von 2021 ergänzt fachbezogene Medienkompetenzen. Als übergreifende Fähigkeiten gelten Selbststeuerung sowie Kommunikation, Kollaboration, Kreativität und kritisches Denken.
Nachrichten- und Informationskompetenz soll helfen, Desinformation und Hassrede entgegenzuwirken. Dazu gehört, die Bedeutung digitaler Öffentlichkeiten für die Demokratie zu verstehen, ihre Funktionsweise nachzuvollziehen, sich über politisch relevante Themen zu informieren sowie Informationen zu finden, zu erkennen, zu analysieren, zu verifizieren, zu bewerten, weiterzuentwickeln, zu kommentieren und zu teilen. Redaktionelle Kompetenz meint außerdem, die eigene Verantwortung zu erkennen, journalistische Qualitätsstandards zu kennen und sie einhalten zu wollen.
Kostenfreie Angebote gibt es unter anderem von #UseTheNews mit Lehrmaterialien, Workshops und einem Whitepaper für Schulen. Journalismus macht Schule bietet Unterrichtsmaterialien, Besuche von Journalistinnen und Journalisten sowie Fortbildungen.
Informatik und KI nicht nur im Computerraum
Die Ständige Wissenschaftliche Kommission empfahl 2022 ein Pflichtfach Informatik und eine entsprechende Lehrkräfteausbildung in allen Bundesländern. Informatik soll bereits in der Grundschule im Sachunterricht vorkommen. Für die Sekundarstufe I wurden ab dem Schuljahr 2024/25 flächendeckende Angebote empfohlen – zunächst als Pflichtfach mit mindestens vier Wochenstunden, mittelfristig mit sechs Wochenstunden. Bis zur Einführung eines Pflichtfachs sollen Wahl
