Am 30. Oktober 2026 ist an vielen Hochschulen in Niedersachsen und Bremen der Start ins neue Studienjahr längst gelaufen. Während in den Fluren die ersten Gespräche über Stundenpläne, Mensaessen und verpasste Busse geführt werden, wächst das Angebot: In Niedersachsen gibt es 32 neue Studiengänge, mit Promotions- und Teilstudiengängen sogar 45. Einige Hochschulen haben ihr Programm allerdings nicht verändert.

Auch an der TU Clausthal lohnt der Blick über den Harzrand. Denn die neuen Fächer erzählen viel darüber, wohin sich Wissenschaft, Arbeitswelt und Gesellschaft bewegen. Die Nachfrage ist vielerorts hoch: Der neue Bachelorstudiengang an der Hochschule Hannover ist bereits ausgebucht, an der Universität Hannover gingen mehr Bewerbungen ein als Studienplätze vorhanden sind. Die Universität Bremen berichtet von großer, sehr hoher oder sehr guter Nachfrage.

Neue Wege ins Klassenzimmer

Im Mittelpunkt steht der neue Quereinstiegs-Master für das Lehramt an Haupt- und Realschulen. Er richtet sich an Bachelorabsolventinnen und -absolventen mit einem fachwissenschaftlichen Abschluss und eröffnet den Zugang zum Vorbereitungsdienst. Nach dem Abschluss können sie in der Sekundarstufe I an Haupt-, Real-, Ober- und Gesamtschulen unterrichten.

Der zweijährige Master startet als Pilotprojekt an den Universitäten Lüneburg und Hildesheim. Rund 50 zusätzliche Absolventinnen und Absolventen sollen dadurch Studienplätze erhalten. Voraussetzung ist ein Bachelorabschluss mit Bezug zu mindestens einem Unterrichtsfach. Wer im zweiten Fach noch Grundlagen nachholen muss, kann dies in einem gesonderten Programm tun.

Zum Wintersemester 2026/27 beginnen die Leuphana Universität Lüneburg sowie die Universitäten Hildesheim und Braunschweig zunächst ein vorgeschaltetes Brückenprogramm. Es ist für Studieninteressierte gedacht, die die Zugangsvoraussetzungen für den Master noch nicht oder nicht vollständig erfüllen. Das individuell zugeschnittene Programm soll auf den eigentlichen Master of Education vorbereiten; dieser beginnt zum Sommersemester 2027. Gleichwertige bereits erbrachte Studienleistungen können die Hochschulen individuell anrechnen.

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Im Studium stehen unter anderem die Fachwissenschaft des zweiten Faches, Fachdidaktik, Bildungswissenschaften und schulpraktische Anteile auf dem Plan. Niedersachsen will damit zusätzliche qualifizierte Lehrkräfte für den besonders stark betroffenen Haupt- und Realschulbereich gewinnen. Der Quereinstieg soll ein regulärer, vollwertiger Weg in die niedersächsische Lehrkräftebildung werden, keine Sonderlösung neben dem bestehenden System. Die beteiligten Hochschulen versprechen individuelle Beratung, enge Begleitung und maßgeschneiderte Studienprogramme.

Grundlage sind Beschlüsse der Kultusministerkonferenz aus dem Jahr 2024, die erstmals bundesweite Standards für zusätzliche Wege ins Lehramt festlegen. Die KMK verbindet damit zwei Ziele: den Lehrkräftemangel zu bekämpfen und zugleich Qualität, Vergleichbarkeit und Durchlässigkeit der Lehrkräftebildung zu sichern.

Von Batterie bis Gehhilfe

In Bremen beginnen fünf neue Studiengänge: zwei Master zu Prozessentwicklung und Nachhaltigkeit, ein Master zu digitalen Medien sowie zwei Bachelorstudiengänge zu Sport und Gesundheit und zum öffentlichen Gesundheitswesen. Der Master Digital Media soll außerdem zur Internationalisierung beitragen und eine größere Zielgruppe ansprechen.

An der TU Braunschweig startet ein Masterstudiengang zu Batterie- und Wasserstofftechnologien. Die Hochschule will bestehende Forschungskompetenzen mit aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen verbinden und Studierende an der Entwicklung neuer Technologien beteiligen. Nach eigenen Angaben verfügt sie gerade in diesen Bereichen über besondere Forschungskompetenzen.

Die Universität Göttingen bietet erstmals den Bachelor Angewandte Statistik an. Promovierende der Theologischen Fakultät können künftig den Titel „PhD“ erwerben. An der Hochschule Hannover kommt ein Master zur erweiterten Pflegepraxis hinzu. Er reagiert auf steigende Anforderungen im Pflegeberuf – getrieben unter anderem vom demografischen Wandel und der zunehmenden Komplexität des Gesundheitswesens.

An der Universität Hannover beginnen die Bachelorstudiengänge Digital Business und Medizintechnik, letzterer in Zusammenarbeit mit der Medizinischen Hochschule Hannover. Im Medizintechnik-Studium geht es unter anderem um Künstliche Intelligenz und Robotik in der Medizin, um die Arbeit mit Stammzellen und um die Entwicklung von Gehhilfen für Menschen mit eingeschränkter Gehfähigkeit.

Die Universität Osnabrück bietet zum Wintersemester keinen neuen Studiengang an. In Bremen wurde der Master Romanistik International wegen zu geringer Nachfrage eingestellt. Das gehört ebenfalls zur Hochschulrealität: In Niedersachsen entstehen an den 20 staatlichen Hochschulen nahezu jedes Jahr neue Studiengänge, gleichzeitig werden bestehende Angebote verändert oder geschlossen. Wenn sich Inhalte und Anforderungen kräftig verschieben, ändern sich teilweise auch die Namen.

Neue Themen wandern dabei nicht nur in neue Fächer. Auch bestehende Studiengänge nehmen zusätzliche Kompetenzen auf. An der Universität Hannover gewinnen Nachhaltigkeit, KI-Kompetenzen und Gründungskompetenzen zunehmend Raum. Weiterentwicklungen können sogar dazu führen, dass Studiengänge zusammengelegt werden.

Quereinstieg ist längst Alltag

Der neue niedersächsische Master kommt in eine angespannte Lage. Quer- und Seiteneinsteiger stellen bundesweit mehr als 10 Prozent der Lehrkräfte und sind angesichts des Lehrkräftemangels in den meisten Bundesländern unverzichtbar. Die Bildungsministerkonferenz prognostizierte am 11. Februar 2025 bis 2035 insgesamt 49.000 fehlende ausgebildete Lehrkräfte.

Die Begriffe werden allerdings nicht überall gleich verwendet. Beim Seiteneinstieg gibt es weder ein abgeschlossenes Lehramtsstudium noch eine reguläre Referendariatsausbildung; der Einstieg erfolgt direkt in den Schuldienst, meist mit berufsbegleitender Qualifizierung. Beim Quereinstieg fehlt zwar das Lehramtsstudium, ein Referendariat beziehungsweise Vorbereitungsdienst ist aber verpflichtend.

Im Schuljahr 2023/24 hatten an allgemeinbildenden Schulen 10,5 Prozent der Lehrkräfte keine anerkannte Lehramtsprüfung – rund 77.600 von 739.500. Im Schuljahr 2022/23 waren es 9,8 Prozent. An Berufsschulen lag der Anteil 2023/24 bei 16,6 Prozent, also bei rund 20.600 von 123.800 Lehrkräften.

Besonders sichtbar ist der Einsatz in den MINT-Fächern. Der IQB-Bildungstrend 2024 nennt für Quer- und Seiteneinsteiger Anteile von 12,1 Prozent in Mathematik, 24 Prozent in Physik, 20,5 Prozent in Chemie und 15,8 Prozent in Biologie. Die Werte liegen über denen von 2018: In Mathematik stieg der Anteil von 4,1 auf 8,1 Prozent, in Physik von 7,9 auf 16,6 Prozent und in Chemie von 6,8 auf 14,1 Prozent. Der Anteil von Seiteneinsteigern ist an nichtgymnasialen Schularten höher als an Gymnasien; bei Quereinsteigern gilt das ebenfalls, außer im Fach Mathematik.

Reguläre Lehramtsabschlüsse werden derweil nicht mehr. 2023 bestanden rund 29.000 Studierende eine Lehramtsprüfung mit Masterabschluss oder erstem Staatsexamen. Das waren etwa 300 mehr als 2022, aber 12,6 Prozent weniger als zehn Jahre zuvor.

Die KMK-Reform vom 15. März 2024 sieht ein berufsbegleitendes duales Studium für bereits unterrichtende Quer- und Seiteneinsteiger vor, außerdem die Ausbildung zu Ein-Fach-Lehrkräften für weiterführende und berufsbildende Schulen. Möglich werden soll auch der Zugang zum Vorbereitungsdienst für Masterabsolventen mit nur einem Unterrichtsfach sowie ein Quereinstiegs-Master für die Sekundarstufen I und II, insbesondere für Bachelorabsolventen und Berufstätige.

Die Ständige Wissenschaftliche Kommission warnt allerdings, dass sich die Länderregelungen stark unterscheiden und teilweise Standards der Lehrerbildung unterschreiten. Sie empfiehlt wissenschaftlich fundierte Ein-Fach-Masterstudiengänge für Fachabsolventen und Berufstätige. Diese sollen Inhalte regulärer Lehramtsstudiengänge enthalten und im zweiten Jahr Praxisphasen vorsehen. In Mangelfächern sollte außerdem ein Teilzeitstudium neben dem bisherigen Beruf mit Stipendium möglich sein.

Die Forschungslage ist noch dünn, vor allem bei Unterrichtsqualität und Lernerfolg. Der IQB-Bildungstrend 2024 erklärt den Kompetenzrückgang in den MINT-Fächern nicht mit dem wachsenden Anteil von Quer- und Seiteneinsteigern. Negative Leistungseffekte hängen demnach zu einem großen Teil damit zusammen, dass diese Lehrkräfte häufiger in Klassen mit schwierigeren Lernvoraussetzungen eingesetzt werden.

Bei der Berufszufriedenheit lagen regulär ausgebildete Lehrkräfte auf einer Skala bei 2,95,