Am 11. Oktober 2026 wurde an der TU Cottbus über eine App gesprochen, die dem Muskauer Faltenbogen seine verschwundene Bergbaugeschichte zurückgeben soll. Zehn historische Objekte werden dafür virtuell rekonstruiert. Was heute oft nach Wald, Seen und stillen Wegen aussieht, soll künftig auf dem Smartphone wieder als Industrielandschaft erkennbar werden.

Erste Ergebnisse der Entwicklung wurden beim 11. Geoprodukte-Forum vorgestellt. Das Forum widmete sich erstmals dem Muskauer Faltenbogen und seiner Geschichte. Ein Teil der Veranstaltung fand im Fürst-Pückler-Schloss in Bad Muskau statt. Die App soll die Region und ihre historische Entwicklung anschaulich vermitteln – nicht als staubige Abfolge von Jahreszahlen, sondern möglichst so, dass man beim Spaziergang plötzlich versteht, was hier einmal stand.

Ein Hufeisen aus Eis, Sand und Braunkohle

Der Muskauer Faltenbogen liegt in Brandenburg und Sachsen sowie in der polnischen Woiwodschaft Lebus. Geologisch handelt es sich um eine Stauchendmoräne der Elstereiszeit, zugleich ist die Struktur Bestandteil des Lausitzer Grenzwalles. In einem nach Norden offenen Hufeisen zieht sie sich beiderseits der Lausitzer Neiße von Döbern im Nordwesten über Weißwasser/Oberlausitz und Bad Muskau bis nach Trzebiel, deutsch Triebel, im Nordosten.

Die geologische Struktur umfasst etwa 250 Quadratkilometer. Der grenzüberschreitende Geopark Muskauer Faltenbogen ist mit etwa 580 Quadratkilometern deutlich größer. Höchste Erhebung ist der westlich von Döbern gelegene Hohe Berg mit 183,7 Metern über HN. Der Brandberg erreicht 175,3 Meter, die Drachenberge 162,8 Meter.

Vor langer Zeit schob ein bis zu 500 Meter mächtiger Inlandeisgletscher Sand- und Braunkohleschichten auf mehr als 40 Kilometer Länge zusammen. So entstand ein kleinräumiger Faltenbogen mit einer Stauchendmoräne von bis zu 180 Metern Höhe und 700 Metern Breite. Erhalten blieb die Struktur als flachwelliger Hügelzug – weltweit nahezu einmalig, wie es in den geologischen Beschreibungen heißt.

Hier könnte Ihr Advertorial stehen
Ein Advertorial bietet Unternehmen die Möglichkeit, ihre Botschaft direkt im redaktionellen Umfeld zu platzieren

Innerhalb des Hufeisens bildete sich ein Schmelzwassersee, der durch Bändertone aufgefüllt wurde. Spätere Eisvorstöße trugen die höher gelegenen Teile der Endmoräne wieder ab. Durch Oxidation und Volumenverlust oberflächennaher Braunkohleflöze entstanden außerdem Geländefurchen, meist drei bis fünf Meter tief, maximal bis zu 20 Meter tief, zehn bis 30 Meter breit und bis zu mehrere Kilometer lang. Diese „Gieser“ bilden über lange Strecken abflusslose Gräben. Manche stehen voller Wasser, andere sind häufig vertorft – Landschaft also, die nicht geschniegelt daherkommt, sondern ihre Entstehung offen liegen lässt.

Vom Bergbau zur digitalen Erinnerung

Früher nahm man an, der Faltenbogen sei in der Saaleeiszeit entstanden. Neuere Untersuchungen datieren seine Entstehung in die Elstereiszeit. Dass er im Bereich einer saalezeitlichen Endmoräne liegt, ist demnach Zufall.

Ton und Sand wurden in der Region bereits seit Jahrhunderten gewonnen. Im 19. und 20. Jahrhundert kam in der Niederschlesischen Heide der Braunkohleabbau hinzu – im Pfeilerbruchbau und im Tagebau. Weil die Flöze unterschiedlich lagen, bildeten sich nach dem Ende des Bergbaus nördlich und östlich von Weißwasser langgestreckte Restseen.

Genau hier setzt die neue App an. Die zehn virtuell rekonstruierten historischen Objekte sollen zeigen, wie eng die heutige Landschaft mit den verschwundenen Gruben, Anlagen und Verkehrswegen verbunden ist. Für Besucherinnen und Besucher könnte damit aus einem unscheinbaren Gelände plötzlich ein Ort mit Geräuschen, Arbeit und Bewegung werden. Ein Wisch übers Display, und die Vergangenheit steht zumindest digital wieder da.

Die deutsche Seite der geologischen Struktur einschließlich südlich angrenzender Gebiete ist seit 2003 Geopark. 2006 wurde der Geopark als Nationaler Geopark in Deutschland anerkannt und der Muskauer Faltenbogen zugleich als Nationales Geotop ausgezeichnet. Zusammen mit dem polnischen Schwester-Geopark erfolgte 2011 die Zertifizierung als Geopark des European Geopark Network. Die UNESCO nennt für Geoparks drei übergeordnete Ziele: eine intakte Umwelt bewahren, nachhaltige wirtschaftliche Entwicklung fördern und geowissenschaftliche Kenntnisse vermitteln.

Acht der damals insgesamt 19 deutschen Geoparks erhielten die internationale UNESCO-Auszeichnung als Globaler Geopark. Die Geoparks arbeiten in einem europaweiten Netzwerk zusammen. Am 28. Mai 2016 wurde in Bad Muskau der Titel „UNESCO Global Geopark“ feierlich übergeben. Nach Angaben der UNESCO erfolgte 2015 die Anerkennung des Geoparks durch die Organisation; die Aufnahme als deutsch-polnischer Geopark in das Europäische Geopark-Netzwerk und die Anerkennung als Globaler Geopark werden dort für 2011 genannt.

Unterwegs zwischen Quellen, Tagebau und Findlingen

Wer die Region nicht nur virtuell erkunden will, findet ein gut ausgebautes Wegenetz für Spaziergänge und Fahrradtouren. Zu den eiszeitlich geprägten Landschaftsformen gehören Geschiebemergelfelder mit zahlreichen Steinen, moorreiche Niederungen zwischen trockenen Hochflächen, zur Neiße verlaufende Trockentäler, Sölle, Findlinge und zahlreiche Quellen.

Die Babina-Quellen in Łęknica gelten als Besonderheit innerhalb Europas. Im Badepark des UNESCO-Welterbes Fürst-Pückler-Park in Bad Muskau werden eisenreiche Mineralquellen weiterhin zu Kurzwecken genutzt. Die Neiße durchquert den sandigen Geopark und hat sich dort bis zu 30 Meter tief eingeschnitten.

Auch Infrastruktur gehört zur Geschichte dieser Landschaft. Die Neißetalbrücke verbindet Brandenburg und Polen; ihre Errichtung wurde unter anderem im Rahmen des Geoparks initiiert. Am Rand des Braunkohletagebaus Nochten bietet ein Informationszentrum Einblicke in die Grube und auf die 600 Meter lange Förderbrücke.

Weitere Ziele liegen verstreut in der Region: das Geopark-Informationszentrum im Schullandheim Jerischke, der Aussichtsturm am Felixsee, der Lausitzer Findlingspark Nochten und die Muskauer Waldeisenbahn. Die angegebenen Koordinaten des Muskauer Faltenbogens lauten 51° 32′ 57″ N, 14° 34′ 54″ O. Und vielleicht zeigt die neue App bei der nächsten Tour genau dort etwas, das längst verschwunden schien.