Am 24. Juni 2026 fand eine spannende Veranstaltung in der Stadtbibliothek Finsterwalde statt, die sich mit der utopischen Vorstellung und der Realität der sozialistischen Planstadt Hoyerswerda auseinandersetzte. Grit Lemke stellte ihren dokumentarischen Roman „Kinder von Hoy“ vor, der tief in die Kindheitserinnerungen und die gesellschaftlichen Umbrüche der Wendezeit eintaucht. Diese Lesung war Teil der Reihe „WissensDialog“, die in Kooperation mit der Präsenzstelle Westlausitz angeboten wird.

In ihrem Roman thematisiert Lemke nicht nur die Herausforderungen der Stadt, sondern blickt auch auf das Kohle-Kraftwerk Schwarze Pumpe zurück, das eine zentrale Rolle in der industriellen Entwicklung der Region spielte. Juri Gagarin wird als Symbolfigur genannt und verdeutlicht den Einfluss der sozialistischen Ideale auf das Leben der Menschen damals. Die Lesung lebte von der Authentizität der regionalen Ausdrücke, die das Publikum in die Erzählungen eintauchen ließen.

Ein Blick auf die Stadtentwicklung

Die Veranstaltung wurde von der Architektin und Stadtplanerin Prof. Dr. Nina Gribat begleitet, die wertvolle Einblicke zur Stadtentwicklung Hoyerswerdas als schrumpfende Stadt gab. Ihre Ausführungen waren nicht nur informativ, sondern lösten eine lebendige Diskussion über die Herausforderungen der Stadtplanung, den gesellschaftlichen Wandel und die Bedeutung von Erinnerung aus. Gribat wies auch auf die sozialen Ungleichheiten hin, die durch den Bau von Plattenbauten verstärkt wurden.

Im Kontext der Stadtentwicklung wurden sich auch Bezüge zu anderen Städten der Region wie Finsterwalde, Großräschen und Lübbenau gezogen. Dies machte deutlich, dass der Wandel und die Identität der Lausitz über Hoyerswerda hinausgehen und viele vertiefende Unterschiede und Gemeinsamkeiten aufzeigen. Der gezeigte Fotofilm mit historischen Schwarz-Weiß-Aufnahmen von Gert Fügert untermalte die Erzählungen eindrucksvoll und ermöglichte den Gästen, das Leben der Menschen in Hoyerswerda zeitgemäß zu verstehen.

Das Zeitzeugen-Projekt

Zusätzlich zu den Eindrücken aus Lemkes Roman gibt es das Zeitzeugen-Projekt über die sozialistische Zukunftsstadt Hoyerswerda, das kürzlich abgeschlossen wurde. Das ursprüngliche Ziel, den politischen Diskurs unter SED-Funktionären, Architekten, Bürgern und Künstlern zu untersuchen, wurde im Verlauf des Projekts angepasst. Die finale Gesprächsrunde trat an die Stelle einer geplanten Interview-Reihe, die aufgrund von Todesfällen abgebrochen werden musste. Stattdessen konzentrierte man sich auf die Digitalisierung von Zeitzeugen-Dokumenten.

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Hier entstehen vier Thesen zum Aufbau von Hoyerswerda zwischen 1955 und 1989: Die Vision einer modernen Wohnstadt, die Zäsur durch den steigenden Wohnungsbedarf, die Standardisierung des Wohnungsbaus und schließlich die gescheiterte Doppel-Vision von Energiegewinnung und moderner Stadt. Die Projektverantwortlichen, Olaf Winkler und Dorit Baumeister, haben eine umfassende Materiallage zusammengestellt, die dem Schloss-Museum und der Brigitte-Reimann-Bibliothek zur Verfügung gestellt wird.

Die Dauer der Diskussionen und die Vielzahl der gesammelten Dokumente sind ein Beweis für das lebhafte Interesse an den Themen der Vergangenheit und der Zukunft Hoyerswerdas. Auch die Utopien der sozialistischen Stadt bleiben ein zeitloses Thema, das in Veranstaltungen wie dieser weiterlebt und an Relevanz gewinnt. Viele Gäste zeigten sich nach der Veranstaltung interessiert an Lemkes Buch und ließen sich Exemplare signieren.

Die Seminarreihe und Diskussionen rund um die sozialistische Stadt sind auch auf internationaler Ebene von Bedeutung. So wurden in einer Sommerschule im Jahr 2022 verschiedene Aspekte der Stadtplanung und des Wohnungsbaus in sozialistischen Ländern behandelt. Die Herausforderungen und Erfahrungen in Hoyerswerda spiegeln sich in den größeren Zusammenhängen der sozialistischen Städtearchitektur und des Nachkriegsgeschehens wider.

Insgesamt zeigen derartige Aktivitäten das wachsende Interesse an der Geschichte und Zukunft der Lausitz. Die Reflexion über Vergangenheit, Identität und die Lebensrealitäten in einem sich wandeln- den Umfeld ist unverzichtbar für die Entwicklung eines ganzen Lebensraums.

Die Veranstaltung hat nicht nur zur Auseinandersetzung mit der Geschichte Hoyerswerdas beigetragen, sondern auch zur Eröffnung eines Dialogs darüber, wie der Weg in die Zukunft gestaltet werden kann. Es bleibt spannend zu beobachten, wie sich Hoyerswerda und die Lausitz in den kommenden Jahren entwickeln werden.