Exzellenz im Flächenland: Warum Wissenschaft nicht nur in München und Stuttgart stattfinden sollte
Am 3. Oktober 2026 schaut man an der Uni Stuttgart unweigerlich über den Campus hinaus. Wissenschaftliche Reputation sitzt in Deutschland traditionell oft in mittelgroßen Universitätsstädten: Marburg, Heidelberg, Göttingen, Jena, Tübingen, Erlangen, Münster oder Freiburg. Diese Orte leben nicht nur von ihrem wissenschaftlichen Profil; die Rolle als Wissenschaftsstandort gehört auch zum Selbstverständnis der Städte.
Gerade Baden-Württemberg zeigt, wie breit sich Hochschulstärke verteilen kann. Freiburg und Konstanz standen bereits an der Spitze der Exzellenzforschung, Freiburg gehört erneut zur Spitzengruppe. Karlsruhe, Tübingen und Heidelberg gelten ebenfalls als herausragende Forschungsstandorte. Stuttgart besitzt zwar eine Universität, wird aber nicht als zentraler Standort der Spitzenforschung im Land wahrgenommen. Da liegt die Frage nahe, ob es Stuttgart und Baden-Württemberg tatsächlich nützen würde, wissenschaftliche Exzellenz aus Freiburg, Karlsruhe, Tübingen und Heidelberg in Stuttgart zu bündeln.
Zwischen München und Würzburg
Bayern ist im Vergleich zu Baden-Württemberg zentralistischer strukturiert. Die Staatsregierung verweist auf die guten Forschungsbedingungen in München und auf die beiden dortigen Spitzenuniversitäten. Für ein Flächenland kann es allerdings zum Nachteil werden, wenn sich wissenschaftliche Exzellenz fast ausschließlich an einem Ort konzentriert. Die Rahmenbedingungen für Forschung werden schließlich maßgeblich vom jeweiligen Bundesland geschaffen.
Würzburg bringt dabei einiges an Geschichte mit. Die erste Universität auf dem Gebiet des heutigen Freistaats wurde dort gegründet; sie ist die viertälteste Universität Deutschlands. Oberbürgermeister Martin Heilig beobachtet dennoch, dass Aufmerksamkeit, politische Unterstützung und Investitionen für bayerische Universitäten später zunehmend auf München konzentriert wurden. Für Heilig ist diese Entwicklung mit den Anforderungen an einen modernen Flächenstaat nicht vereinbar.
Der Vergleich mit Baden-Württemberg macht den Abstand sichtbar: Dort gibt es weiterhin vier als exzellent anerkannte Universitäten, in Bayern wurden erneut nur die beiden Münchner Universitäten als herausragend anerkannt. Der Ruf nach einer stärkeren Verteilung wissenschaftlicher Exzellenz innerhalb Bayerns klingt da nicht nach Folklore, sondern nach einer ziemlich handfesten Standortfrage.
Was der Titel „Exzellenzuniversität“ bedeutet
Wie viel an diesem Etikett hängt, zeigt die Exzellenzstrategie von Bund und Ländern. Sie soll die deutsche Universitätsforschung langfristig international konkurrenzfähig halten und Deutschland als Forschungsstandort stärken – mit möglichen positiven Effekten für die Wirtschaft. Ihr Vorläufer, die Exzellenzinitiative, lief von 2005 bis 2017.
Rund 75 Prozent der Fördermittel kommen vom Bund, den Rest tragen die Länder. Finanziert werden unter anderem Labore und Forschungsprojekte, die Anwerbung internationaler Spitzenwissenschaftler sowie bessere Rahmenbedingungen für Forschung und Verwaltung. Alle sieben Jahre entscheidet eine Jury über die Vergabe des Status. Die Fördermittel werden ebenfalls jeweils für sieben Jahre vergeben, danach wird erneut geprüft.
Am 2. Oktober 2026 wurde entschieden, welche Hochschulen ab 2027 erneut oder erstmals gefördert werden. Universitäten können sich einzeln oder im Verbund bewerben. Einzeluniversitäten können bis zu 15 Millionen Euro jährlich erhalten, Verbünde bis zu 28 Millionen Euro.
Die Grundlage bilden Exzellenzcluster. Dahinter stehen einzelne Forschungsfelder oder -projekte; rund 80 Prozent der Fördermittel fließen in diese Cluster. Bundesweit werden derzeit 70 Exzellenzcluster gefördert. Eine Universität braucht mindestens zwei davon, um sich als Exzellenzuniversität bewerben zu können. Der Status bringt zusätzlich zur Clusterförderung weitere Mittel für die gesamte Universität.
NRW wartet, Konstanz verliert den Status
In Nordrhein-Westfalen besitzen die RWTH Aachen und die Universität Bonn bereits den Status „Exzellenzuniversität“. Beworben haben sich außerdem die Universität zu Köln sowie die Ruhr-Universität Bochum und die TU Dortmund als Verbund.
Die Beispiele sind ziemlich konkret: Köln wird unter anderem für Forschung zu Alterungsprozessen und altersbedingten Krankheiten gefördert, die RWTH Aachen für Forschung zu nachhaltigen Kraftstoffen. Bundesweit tragen derzeit zehn Universitäten und ein Universitätsverbund das Label „Exzellenzuniversität“.
Garantiert ist der Titel trotzdem nicht. Er kann aberkannt werden. Die Universität Konstanz verlor ihn im Frühjahr als einziger Standort aus dem ersten Förderzeitraum. Köln kennt die Achterbahnfahrt ebenfalls: Schon 2012 erhielt die Universität im Rahmen der Exzellenzinitiative ein Gütesiegel und verfügt über mehrere geförderte Exzellenzcluster. 2019 verfehlte sie den Status als Exzellenzuniversität, nun bewirbt sie sich erneut.
Was Studierende davon haben
Für Studierende bleibt der Nutzen meist indirekt, aber nicht unsichtbar. Sie können Zugang zu aktuellen Forschungsergebnissen und Spitzenforschern bekommen, von einer besseren Lernumgebung profitieren und bei Bewerbungen möglicherweise vom Ruf ihres Hochschulabschlusses zehren.
Der Prestigeeffekt ist vor allem für Absolventinnen und Absolventen der ausgezeichneten Forschungsbereiche relevant. Wer in einem anderen Fach studiert, spürt die Auszeichnung weniger unmittelbar – auch wenn auf dem Campus natürlich alle ein Stück weit im Windschatten des Titels stehen. An der Uni Stuttgart dürfte man deshalb nicht nur auf die Plakette schauen, sondern auch auf die Frage, wo Forschung tatsächlich stattfindet und wer davon im Alltag etwas abbekommt.
