André Brodocz wird neuer Präsident der Universität Erfurt. Der Politikwissenschaftler wurde gewählt, nachdem das Amt im ersten Wahlgang zunächst unbesetzt geblieben war. Bis zu seinem Amtsantritt führt Prof. Dr. Walter Bauer-Wabnegg die Universität kommissarisch weiter.

Die Vorsitzende des Universitätsrates und Leiterin der Findungskommission, Prof. Dr. Andrea Dorothea Bührmann, begrüßte Brodocz’ erneute Kandidatur. Für die Universität ist die Wahl auch deshalb bemerkenswert, weil erstmals ein Wissenschaftler aus den eigenen Reihen das Präsidentenamt übernimmt.

Vom Vizepräsidenten an die Spitze

Brodocz ist seit Februar 2024 Vizepräsident für Forschung und akademische Karriere. Zuvor war er unter anderem Senator, Mitglied des Universitätsrates und mehrfach wiedergewählter Dekan der Staatswissenschaftlichen Fakultät. Von Juli 2011 bis Oktober 2015 sowie von 2018 bis Herbst 2021 hatte er dieses Amt inne.

„Ich freue mich außerordentlich über meine Wahl“, erklärte Brodocz. Die Universität Erfurt sei ihm sehr ans Herz gewachsen. Gleichzeitig steht seine Amtszeit vor einer unangenehmen Weggabelung: Die Finanzierungsplanung der Landesregierung lässt massive Einsparungen beim Personal erwarten. Gefährdet sein könnten vor allem Stellen für wissenschaftliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, weil diese häufig befristet sind.

Brodocz verwies auf die Bedeutung dieser Arbeitsplätze für neue Generationen und für Innovationen in Forschung und Lehre. Universität und Politik trügen dabei gemeinsame Verantwortung. Klingt trocken, betrifft aber den Alltag auf dem Campus ganz unmittelbar.

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Fast drei Jahrzehnte an ostdeutschen Universitäten

Der 1969 geborene deutsche Politikwissenschaftler ist seit fast 30 Jahren an ostdeutschen Universitäten tätig und lebt dort dauerhaft. Sein Studium der Politikwissenschaft, Soziologie und Neueren deutschen Literatur begann er 1991 an der Philipps-Universität Marburg; 1996 schloss er als Diplom-Politologe ab.

Von 1997 bis 2001 arbeitete Brodocz als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Politikwissenschaft der Technischen Universität Dresden bei Prof. Dr. Hans Vorländer. Dort promovierte er 2001 mit einer von Vorländer betreuten Arbeit über die symbolische Dimension der Verfassung zum Dr. phil. Für „Die symbolische Dimension der Verfassung“ erhielt er den Absolventenpreis der Philosophischen Fakultät der TU Dresden für die beste Dissertation.

Anschließend war er sieben Jahre als wissenschaftlicher Mitarbeiter im Sonderforschungsbereich 537 „Institutionalität und Geschichtlichkeit“ an der TU Dresden tätig. 2007 habilitierte er sich mit einer Schrift über die Macht der Judikative. Im Wintersemester 2007/08 und 2008/09 vertrat er den Lehrstuhl für Politische Theorie und Ideengeschichte an der TU Dresden.

Im Frühjahr 2009 nahm Brodocz den Ruf auf die Professur für Politische Theorie an der Universität Erfurt an. Seit 2009 lehrt er dort. Seine Forschungsschwerpunkte liegen in der zeitgenössischen Politischen Theorie, der Verfassungstheorie und der Institutionenlehre.

Forschung zwischen Verfassung und Konflikt

Aktuell leitet Brodocz ein DFG-finanziertes Forschungsprojekt zur Rekonfiguration von Recht und Politik in den Verfassungstransformationen Boliviens und Ecuadors. Außerdem arbeitet er an einem von der Gerda-Henkel-Stiftung geförderten Projekt zu ökologischen Konflikten und Repräsentationsansprüchen.

Auch über Erfurt hinaus ist er wissenschaftlich vernetzt. Von 2003 bis 2011 gehörte er dem Vorstand der Sektion Politische Theorien und Ideengeschichte in der Deutschen Vereinigung für Politische Wissenschaft an, von 2008 bis 2011 als Sprecher. Gemeinsam mit Marcus Llanque war er von 2003 bis 2009 Gründungsvorstand der DVPW-Themengruppe „Verfassung und Politik“.

Seit 2007 ist Brodocz Mitglied des von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten Netzwerks „Konstruktivistische Konfliktforschung“ (NeKoKo). Zudem arbeitet er als Vertrauensdozent der Heinrich-Böll-Stiftung. Seit 2010 gibt er gemeinsam mit Gary S. Schaal und Marcus Llanque die „Zeitschrift für Politische Theorie“ heraus. Zusammen mit Gerhard Wegner und Guido Mehlkop ediert er außerdem die Reihe „Wirtschaft und Politik“ im Springer Verlag.

Bücher, Herausgeberschaften und ein kommissarischer Übergang

Zu seinen Veröffentlichungen gehören gemeinsam mit Gary S. Schaal „Politische Theorien der Gegenwart. Eine Einführung“ (Opladen 1999), „Politische Theorien der Gegenwart II“ (Opladen 2001; 3. Auflage 2009) und „Politische Theorien der Gegenwart I“ (Opladen 2002; 4. Auflage 2016). Mit Thorsten Bonacker und Thomas Noetzel veröffentlichte er „Die Ironie der Politik. Über die Konstruktion politischer Wirklichkeiten“ (Frankfurt am Main/New York 2003).

Hinzu kommen, gemeinsam mit Christoph Mayer, Rene Pfeilschifter und Beatrix Weber, „Institutionelle Macht. Genese – Verstetigung – Verlust“ (Köln/Weimar/Wien 2005), „Erfahrung als Argument. Zur Renaissance eines ideengeschichtlichen Grundbegriffs“ (Baden-Baden 2007), gemeinsam mit Marcus Llanque und Gary S. Schaal „Bedrohungen der Demokratie“ (Wiesbaden 2008), gemeinsam mit Stefanie Hammer „Variationen der Macht“ (Baden-Baden 2013) sowie mit Gary S. Schaal „Politische Theorien der Gegenwart III“ (Opladen 2016).

Für die Universität Erfurt beginnt damit ein Übergang, der wissenschaftliche Erfahrung und institutionelle Vertrautheit zusammenbringt, aber auch mitten in eine angespannte Finanzlage fällt. Bis Brodocz offiziell sein Amt antritt, bleibt Walter Bauer-Wabnegg an der Spitze. Der neue Präsident kennt derweil die Wege, Gremien und Baustellen des Hauses bereits ziemlich genau.