In Kahla bekommt Beton Saiten, Tonabnehmer und einen Verstärker. Dr. Martin Hengstermann entwickelt dort E-Gitarren aus Carbonbeton – und verkauft sie nach eigenen Angaben als weltweit einziger Hersteller spielbarer E-Gitarren aus diesem Material. Der promovierte Maschinenbauingenieur verbindet dafür zwei Tätigkeiten, die auf den ersten Blick kaum zusammenpassen: Materialforschung und Gitarrenbau.

Die Idee nahm während seines Studiums und seiner Promotion an der TU Dresden Gestalt an. Hengstermann arbeitete an Carbonbeton und untersuchte unter anderem, wie sich Carbonfasern besser im Beton verankern lassen. An der TU Dresden wird Carbonbeton seit rund 20 Jahren erforscht. Parallel baut Hengstermann schon lange Gitarren, zunächst aus Holz. Irgendwann lag die neue Anwendung nahe: ein Korpus aus einem Material, das steif ist und trotzdem schwingen kann.

Steif, leicht und klanglich berechenbar

Entscheidend ist das hohe E-Modul der Carbonfaser. Es beschreibt die Steifigkeit eines Werkstoffs: Je höher das E-Modul, desto weniger verformt sich ein Material unter Belastung. In Hengstermanns Instrumenten sorgt die Carbonfaser deshalb für einen stabilen, schwingungsfähigen Korpus, ohne zusätzliches Gewicht auf die Schultern zu packen.

Eine Stahlbewehrung wäre laut Hengstermann zu schwer. Seine Gitarren wiegen dagegen ungefähr so viel wie herkömmliche Holzgitarren. Carbonbeton wird im Bauwesen bereits eingesetzt und ersetzt dort teilweise die Stahlbewehrung. Die Neuerung liegt also nicht in einem völlig unbekannten Werkstoff, sondern in der Übertragung vorhandener Materialkenntnisse auf einen Klangkörper.

Nach Kundenfeedback erzeugen die Instrumente einen homogenen Klang über alle Tonlagen hinweg. Töne werden weder verschluckt noch künstlich verstärkt und klingen lange nach. Diese lange Sustain-Dauer, also die Länge des ausklingenden Tons, gilt vielen Gitarristen als Qualitätsmerkmal.

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Bei einer E-Gitarre beeinflusst der Korpus den Klang allerdings weniger stark als bei einer Akustikgitarre. Wichtiger sind das Schwingungsverhalten der Saiten, die Tonabnehmer, der Verstärker und natürlich die spielerischen Fähigkeiten. Profimusiker nehmen Unterschiede des Korpus trotzdem wahr – unter anderem eben an der Länge des ausklingenden Tons.

Beton mit Vorurteilen im Gepäck

Der Markt für handgebaute E-Gitarren ist groß und dicht besetzt. Noch eine Holzgitarre hätte es schwer, ein vergleichbares Alleinstellungsmerkmal zu entwickeln. Carbonbeton macht Hengstermanns Instrumente technisch ungewöhnlich und schafft einen klaren USP.

Die Reproduzierbarkeit ist ein weiterer Vorteil. Anders als Holz arbeitet der Gitarrenbauer mit einem gleichmäßigerem Material, dessen Klang- und Schwingungsverhalten sich verlässlicher wiederholen lässt. Der Korpus kann gegossen werden; dadurch fallen weniger Späne und Schleifarbeit an. Für die Werkstatt heißt das: weniger Staub, weniger Ausschuss – und ein anderer Blick auf das, was bisher als reiner Baustoff galt.

Die Reaktionen von Musikern fallen meist positiv aus. Zuerst kommt allerdings oft der erwartbare Einwand: Eine Betongitarre müsse doch schwer sein. Ein Profimusiker testete ein Instrument etwa 30 Minuten lang mit seinem eigenen Verstärker und zeigte sich von den erzeugten Tönen überrascht. Ein weiterer bekannter Musiker nannte die Gitarre eine der bestklingenden, die er je gespielt habe. Mike Skinner von „The Streets“ verwendete eine der Gitarren in einem Video.

Ganz einfach ist der Weg in die Öffentlichkeit trotzdem nicht. Bekannte Musiker sind häufig vertraglich an große Gitarrenhersteller gebunden und dürfen öffentlich meist nur deren Instrumente spielen. Hengstermann bezeichnet sich selbst als Amateur-Gitarristen und sagt, dass er nicht besonders gut spielt. Für die Entwicklung seiner Instrumente muss er also nicht als Bühnenstar brillieren – zuhören, messen und bauen reicht erst einmal.

Vom Einzelstück zur Serie

Hengstermann erwartet nicht, dass künftig alle E-Gitarren aus Beton bestehen. Seine Innovation soll vor allem eine neue Anwendung ermöglichen und im Wettbewerb für eine klare Abgrenzung sorgen. Langfristig sollen die Gitarren dennoch nicht bloß Einzelstücke bleiben, sondern perspektivisch in Serie produziert werden.

Für dieses Jahr sind der erste Carbonbeton-Bass und Carbonbeton-Ukulelen angekündigt. Das Projekt will zeigen, dass Beton nicht nur Baustoff, sondern auch Klangwerkstoff sein kann. Bis E-Gitarren aus Carbonbeton als ernsthafte Instrumente selbstverständlich wahrgenommen werden, dürfte es nach Einschätzung des Entwicklers eher rund 30 Jahre als nur zehn Jahre dauern. Die beiden verbreiteten Vorurteile – zu schwer und klanglich schlecht – treffen nach seinen Angaben nicht zu. Besonders faszinierend findet er die Vielseitigkeit von Beton.

Parallel arbeitet Hengstermann als Projektleiter bei der Active Fiber Systems GmbH in Jena. Dort unterstützt er den Wandel von einem Anbieter individueller Laser für Forschungseinrichtungen hin zu einem Anbieter von Serienprodukten. Auch daran zeigt sich, warum eine technische Idee allein noch keine Innovation ist: Sie muss herstellbar, vermarktbar und wirtschaftlich betreibbar sein. Erst als konkretes Produkt bekommt eine technische Möglichkeit ein echtes Leben.

Carbonbeton zwischen Gitarre und Baupraxis

Der größere Zusammenhang liegt in einer Bauwirtschaft, die gleichzeitig mit Klimaschutz, Kreislaufwirtschaft, steigenden Anforderungen an Planung und Dokumentation, Fachkräftemangel und engen Zeitplänen umgehen muss. Das ZIM-Innovationsnetzwerk ReefBa – Ressourceneffiziente Bausysteme setzt deshalb auf neue Materialien, geschlossene Rohstoffkreisläufe und digitale Prozessketten. Das von der RKW Sachsen-Anhalt GmbH gemanagte Netzwerk startete im August 2025 und bereitete in den folgenden Monaten marktorientierte Lösungen vor.

Am 7. Mai 2026 trafen sich die Netzwerkpartner bei der ASTKA Bauunternehmen GmbH in Kalbe (Milde), Ortsteil Altmersleben. Zum Programm gehörte auch eine Besichtigung des Kieswerks Bühne der SKS GmbH. Im Mittelpunkt stand die Frage, wie sich Primärrohstoffe wie Kies und Sand stärker durch Sekundärrohstoffe ersetzen lassen. Diskutiert wurde, wie Recyclingmaterialien aus Sanierung und Abbruch zu hochwertigen Zuschlägen aufbereitet werden können – mit vorhandener Infrastruktur und dem Fachwissen aus Baupraxis und Rohstoffwirtschaft.

Ein weiterer Schwerpunkt war Carbonbeton samt nichtmetallischer Bewehrung. Dazu tauschte sich das Netzwerk mit wissenschaftlichen Partnern aus dem Umfeld der Technischen Universität Dresden, insbesondere dem Institut für Massivbau, aus. Ein Ideenpapier nennt mögliche Anwendungen: die Verstärkung bestehender Bauwerke, leichtere Fertigteile, Behälterbau und die Sanierung von Silage-Lagern.

In Bereichen mit aggressiven Medien, etwa bei Einwirkung von Säuren und Laugen, könnte nichtmetallische Bewehrung Vorteile gegenüber Stahl bieten. Die bauaufsichtliche Zulassung bleibt für solche Anwendungen allerdings zu berücksichtigen. Leichtere Carbonbauteile könnten außerdem den Transport- und Montageaufwand verringern. Besprochen wurde auch, Carbonbetonbauteile mit Recyclingzuschlägen herzustellen, etwa mit gebrochenen Zuschlägen aus rezykliertem Stahl- oder Carbonbeton – besonders für Betone mit kleinerem Größtkorn.

Parallel arbeitet ReefBa an Digitalisierung und neuen Bausystemen. Im März wurden die Projektlinien SysGeo und ReSysTrock sowie die Projektidee „PUWOBIM“ (Punktwolke zu BIM) als wichtige Entwicklungspfade eingeordnet. PUWOBIM soll den Übergang von 3D-Scans zu nutzbaren digitalen Modellen verkürzen. Vorgesehen sind realistische Teilautomatisierung und bessere Schnittstellen, nicht die vollständige Automatisierung.

Materialinnovationen wie Geopolymere, Carbonbeton und Recyclingzuschläge sollen dabei mit Prozessinnovationen zusammenkommen: digitaler Datenerfassung, Modellketten und KI-gestützter Auswertung. Beim Innovationstag Mittelstand des BMWE am 11. Juni 2026 in Berlin-Pankow präsentierte sich ReefBa überregional. Die Open-Air-Veranstaltung hatte rund 300 Aussteller; der neu eingeführte ZIM-NetzwerkCampus setzte einen Schwerpunkt auf Vernetzung. ReefBa tauschte sich dort unter anderem mit dem Vereinsmitglied BT innovation aus.

In den kommenden Monaten sollen vor allem Carbonbeton-Anwendungen