Zwischen Budapester Straße und Ammonhof soll an der Ammonstraße in Dresden auf rund 7.000 Quadratmetern eine Waldinsel entstehen. Es wäre die erste bewusst angelegte Waldinsel der Stadt – und sie kommt dorthin, wo der Sommer schon heute ordentlich zusetzt: Das städtische Klimaanpassungskonzept weist den Bereich als besonders hitzebelastet aus.

Geplant ist kein Park mit ein paar verstreuten Bäumen, sondern ein dichter, klimaangepasster Wald aus Bäumen, Sträuchern, Stauden und Blühpflanzen. Eine natürliche Bodenstruktur soll Regenwasser länger speichern. Das hilft bei der Kühlung, kann die Luftqualität verbessern und schafft neue Lebensräume. Zwischen Wohnhäusern, Straßenbahnhaltestelle und großen versiegelten Flächen dürfte das Mikroklima im Quartier davon spürbar profitieren – wenn alles gut anwächst.

Junge Bäume statt großer Solitäre

Das Konzept weicht bewusst von herkömmlichen Baumpflanzungen ab. Kleinere, junge Bäume sollen dicht nebeneinander gesetzt werden. Nach Angaben der Initiatoren sorgt der Konkurrenzdruck dafür, dass sie schneller wachsen und standortangepasste Wurzelsysteme entwickeln. Die Förderrichtlinie verlangt allerdings eine Mindesthöhe von 1,20 Metern; ursprünglich wollte die Initiative noch kleinere Pflanzen verwenden.

Erfahrungen aus Schulhofwäldern machen den Ansatz plausibel. Friedrich Findeisen berichtet, dass junge Bäume dort nach drei Jahren teilweise mehr als einen Meter gewachsen waren und mehrere Meter hohe Großbäume einholten. Gehölzsachverständiger Jan Weber sieht große Baumschulbäume ohnehin kritisch: Sie seien häufig wenig standorttauglich, vor allem dann, wenn beim Umpflanzen die Pfahlwurzel beschädigt werde.

Die Bepflanzung soll ringförmig aufgebaut werden. Im Inneren stehen die Bäume, danach folgt ein Strauchgürtel, außen ein Saum aus Stauden. Lichtungen und Unterbrechungen verhindern eine geschlossene Blockbepflanzung und halten die Fläche nutzbar. Bestehende Bäume bleiben stehen; für das Projekt soll kein Baum gefällt werden. Eine Schwarzkiefer und eine Zerreiche wachsen dort bereits.

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Vorgesehen sind überwiegend heimische Arten: Eiche, Hainbuche, Buche, Elsbeere, Mehlbeere und Schlehe. Die Initiatoren versprechen sich davon einen größeren ökologischen Nutzen für einheimische Tierarten. Wer im Sommer schon einmal an der aufgeheizten Ammonstraße gestanden hat, kann sich zumindest vorstellen, warum jeder zusätzliche Schatten willkommen ist.

Von der Chatgruppe zum Stadtprojekt

Hinter der Waldinsel steht die Bürgerinitiative „Dresden Cool City“, angestoßen von Arlett Wilhelm. Aus einer Chatgruppe ist inzwischen ein Netzwerk mit mehr als 40 Personen geworden – aus Forstwissenschaft, Biologie, Gartenbau und Landschaftsarchitektur. Beteiligt sind außerdem die Permagold-Genossenschaft, die Schutzgemeinschaft Deutscher Wald und ein Sachverständigenbüro von Jan Weber.

Die TU Dresden soll das Pilotprojekt wissenschaftlich begleiten. Auch die Nachbarschaft soll nicht bloß zuschauen: Gemeinsames Pflanzen und Beteiligung sollen Bedenken vor Verwahrlosung oder sogenannten Angsträumen verringern. Das klingt weniger nach fertiger Grünanlage aus dem Katalog und mehr nach einem Stück Stadt, das erst im gemeinsamen Tun seine Form bekommt.

Die Stadt stellt die Fläche sowie Fachwissen und Unterstützung bei Förderanträgen bereit. Städtische Gelder fließen wegen der angespannten Haushaltslage nicht. Finanziert werden soll das Vorhaben über eine Crowdfunding-Kampagne und europäische Fördermittel. Der erforderliche Eigenanteil ist laut Initiative bereits zusammengekommen; der größere Finanzierungsanteil soll aus EU-Mitteln stammen. Nach drei Jahren soll die Fläche in die Verantwortung der Stadt übergehen.

Die Pflanzung an der Ammonstraße ist für 2026/27 vorgesehen: Stauden sollen im Frühjahr gesetzt werden, die Bäume im Herbst. Langfristig möchte die Initiative in jedem Dresdner Stadtteil eine solche Waldinsel schaffen. Weitere Standorte sind an der Bergstraße und im Umfeld des Universitätsklinikums geplant. Am Alberthafen soll außerdem ein „Tiny Food Forest“ entstehen.

Ein Dresdner Baustein für die Schwammstadt

Das Vorhaben passt zu einem größeren Ansatz, den das Umweltbundesamt in seinem Fact Sheet „Der Weg zur klimaresilienten Schwammstadt – Empfehlungen für wirksame und transformative Politikinstrumente und Instrumentenmixe“ beschreibt. Die Schwammstadt gilt darin als Leitbild für eine wassersensible und nachhaltige Stadtentwicklung. Regenwasser soll nicht möglichst schnell verschwinden, sondern in der Stadt gehalten und genutzt werden – die natürliche Bodenstruktur der geplanten Waldinsel zielt genau in diese Richtung.

Das Umweltbundesamt analysiert urbane Wasserbewirtschaftung als soziotechnisches System. Im Mittelpunkt stehen zentrale Akteure und Institutionen, hemmende und fördernde Faktoren der Transformation sowie geeignete Politikinstrumente. Daraus entwickelt das Fact Sheet einen wirksamen und transformativen Instrumentenmix für die Umsetzung der Schwammstadt und formuliert Handlungsempfehlungen für Politik, Verwaltung, kommunale Praxis und Wissenschaft.

Die Veröffentlichung erschien im August 2026 als deutschsprachiges Fact Sheet des Umweltbundesamts. Tarin Karzai, Alexandra Dehnhardt, Ragnar Leineweber und Josephin Wagner sind als Autorinnen und Autoren genannt. Das Dokument umfasst 32 Seiten, ist barrierefrei und als PDF mit einer Dateigröße von 798,28 kB verfügbar; eine Druckversion gibt es nicht. Die Schlagworte reichen von Schwammstadt und Klimaanpassung über Starkregen und Hitzewelle bis zu Politikinstrumenten und kommunaler Klimaanpassung.

Verlinkt sind außerdem die Themen „Schwammstadt – Zukunftskonzept für klimaresiliente und lebenswerte Städte“ und „Schwammstadt: Blau-grüne Infrastrukturen umsetzen“. In Dresden wird daraus an der Ammonstraße zunächst etwas sehr Konkretes: junge Bäume, feuchte Erde, Stauden im Frühjahr – und im Herbst hoffentlich viele Hände zwischen Budapester Straße und Ammonhof.