Die Gesamtschule am Rosterberg in Siegen ist jetzt eine Universitätsschule. Dafür haben die Schule und die Universität einen Kooperationsvertrag unterzeichnet. Studierende und Wissenschaftler sind bereits regelmäßig an der Schule tätig – der neue Status gibt dieser Zusammenarbeit nun einen festen Rahmen.

Bei der Vereinbarung kamen mehrere zentrale Akteure zusammen: Schulleiter Florian Kraft, Uta-Maria Diers, Leiterin der Schulabteilung bei der Bezirksregierung, Schuldezernent Andree Schmidt, Dr. Jörg Siewert, Leiter von Sinet, Uni-Rektorin Prof. Dr. Stefanie Reese, Prof. Dr. Kathrin Racherbäumer, Bürgermeister Tristan Vitt und Prorektorin Dr. Barbara Müller-Naendrup.

Forschung soll näher an den Schulalltag rücken

Der Gedanke hinter Universitätsschulen ist nicht auf Siegen beschränkt. Eine verstärkte Zusammenarbeit zwischen Forschung und Schule soll den Wissenstransfer fördern. Dafür werden Universitätsschulen, Versuchs- und Laborschulen in unterschiedlichen Formen etabliert. Das Fachportal Pädagogik stellt dazu Beispiele aus dem allgemeinbildenden und berufsbildenden Bereich sowie ergänzende Literatur vor.

In Bielefeld etwa verbindet das Oberstufen-Kolleg der Universität Bielefeld Schule und Studium. Ein breites Fächerangebot bereitet Schüler:innen frühzeitig auf ein Hochschulstudium vor, außerdem sammeln sie erste Erfahrungen mit wissenschaftlichem Arbeiten. Die Universitätsschule Dresden ist ein gemeinsames Projekt der Landeshauptstadt Dresden und der Technischen Universität Dresden: eine öffentliche, kostenfreie Gemeinschaftsschule in städtischer Trägerschaft, an der unter wissenschaftlicher Begleitung neue Formen des Lehrens und Lernens erprobt werden. Zugleich dient sie der TU Dresden als Aus- und Weiterbildungsschule.

In Köln gehören Grund- und Gesamtschule sowie inklusive Universitätsschule der Stadt zu den Heliosschulen. Nach Angaben des Fachportals handelt es sich um die erste bundesdeutsche Praxisschule in der Lehramtsausbildung. Entstanden ist sie aus dem Wunsch von Studierenden nach einer Ausbildungsschule; theoretische Inhalte werden dort mit praktischer Ausbildung verbunden. Die 2015 eröffnete Heliosschule umfasst die Klassenstufen 1 bis 13 und etwa 1.100 Schüler:innen. Beschrieben wird sie als Modell einer demokratischen und inklusiven Schule, in der Beteiligung und Diversität zentrale Prinzipien sind.

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Auch in Essen ist eine Universitätsschule vorgesehen: Die Stadt und die Universität Duisburg-Essen kooperieren beim Bau und Betrieb einer neuen Grundschule an der Tiegelstraße. Bereits 2018 vereinbarten die Partner in einem Letter of Intent eine enge Zusammenarbeit. In Potsdam wiederum ist die Konzeption einer Universitätsschule ein Schwerpunkt des Bildungscampus. Gemeint ist dort eine Schule mit enger, institutionalisierter Kooperation mit einer Universität – in Forschung, Lehrkräftebildung und/oder Wissenstransfer.

Von Bayreuth bis München

Im berufsbildenden Bereich ist die Berufsschule I Bayreuth seit 2011 Universitätsberufsschule für den Studiengang Berufliche Bildung, Fachrichtung Metalltechnik. Eine Ausweitung auf Elektrotechnik war für das Wintersemester 2017/18 vorgesehen. Beim bayerischen Konzept der Universitätsschulen der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg werden wissenschaftliche Ausbildung an der Universität und praktische Ausbildung an Universitätsschulen verbunden. Nürnberg war der erste Standort in Bayern. Beteiligt waren unter anderem das Kultusministerium, Seminarlehrkräfte des Studienseminars Nordbayern und Schulleitungen aus der Region.

Im Projekt der Ludwig-Maximilians-Universität München, das vom Bayerischen Staatsministerium für Unterricht und Kultus getragen wird, arbeiten Studierende der Wirtschaftspädagogik mit Lehrkräften beruflicher Schulen und Lehrenden des Studienseminars München zusammen. Im Mittelpunkt stehen zentrale Fragen der beruflichen Bildung.

Die Städtische Berufsschule für das Hotel-, Gaststätten- und Braugewerbe München wurde 2014 in Kooperation mit der Technischen Universität München zur Universitätsschule ernannt. Schon zuvor bestand eine Zusammenarbeit mit der Fachdidaktik Ernährungs- und Hauswirtschaftswissenschaft der TU München. Die Ernennung sollte diese Kooperation erweitern.

Ein älterer Gedanke mit neuen Aufgaben

Ganz neu ist die Verbindung von Universität und Schule historisch gesehen nicht. Im 19. Jahrhundert war die höhere Lehrerbildung als „Philologen“-Ausbildung konzipiert; der Pädagogik wurde damals der Status einer Wissenschaft abgesprochen. Pädagogische Praxis sollte zunächst getrennt von der Universität erworben werden. Herbart und die Herbartianer stellten sich dagegen und gründeten pädagogische Universitätsseminare mit angeschlossenen Übungsschulen.

Die ergänzende Literatur beschäftigt sich deshalb nicht nur mit einzelnen Universitätsschulen, sondern auch mit dem Transfer zwischen Bildungsforschung und Bildungspraxis. Ein Beitrag untersucht die wissenschaftliche Begleitung der hessischen Versuchsschule Helene-Lange-Schule. Am Beispiel der Evaluation und Weiterentwicklung des Projekts „Jung & Alt“ werden Schlussfolgerungen für Schulentwicklung abgeleitet.

Das Projekt CampusSchule nimmt die Kooperation zwischen Schulen und Universität unter die Lupe. Vertrauen gilt dort als Voraussetzung für eine Zusammenarbeit auf Augenhöhe; zugleich geht es um den Nutzen für Forschung, Schule und Lehrerbildung. Studien zufolge sehen viele Lehrkräfte auf allgemeiner Ebene Entwicklungsbedarf im Schulsystem. Wenn es aber um Veränderungen des eigenen Unterrichts geht, zeigen sie sich laut dem Beitrag zurückhaltender. Als mögliche Alternative werden praxisnahe, detaillierte Fallstudien der Schulforschung diskutiert.

Zur allgemeinen Transferforschung gehören groß angelegter Transfer am Beispiel „Success for All“, Transfer als Koordinationsaufgabe verschiedener Institutionen, Ansätze und Bedingungen für Transfer in der Schulentwicklung, die Planung und Steuerung von Schulentwicklungsprojekten sowie Wissenstransfer durch Kooperation verschiedener Akteure im Bildungssystem. Die bloße Verbreitung und Weitergabe von Innovationen gilt dabei als unzureichend für die Entwicklung einzelner Schulen. Nachhaltiger Transfer muss personelle und strukturelle Bedingungen der aufnehmenden Schulen berücksichtigen.

Internationale Blicke und der Weg nach Brandenburg

In Österreich werden Praxisschulen an Pädagogischen Hochschulen traditionell genutzt, um Studierende in die Schulpraxis einzuführen. Im Zuge der neuen Lehramtsausbildung verändern sich diese Schulen und entwickeln sich teilweise zu Forschungsschulen. Weitere Beiträge befassen sich mit Schul-Universitäts-Partnerschaften in England, Norwegen und den USA. Untersucht wird auch die California College Preparatory Academy als langfristige Schul-Universitäts-Partnerschaft. Laboratory Schools werden als Schulen mit unterschiedlich stark institutionalisiertem Universitätsbezug und Forschungstradition nach John Dewey beschrieben. In mehreren europäischen Ländern wurden in den fünf Jahren vor der Veröffentlichung vermehrt Laboratory Schools gegründet.

Die Universitätsschule Potsdam soll praxisorientierte Forschung und eine innovative, kritisch-selbstreflexive Schulpraxis in Brandenburg fördern. Im Blick ist eine chancengerechte Bildung für Schülerinnen, die aktuelle gesellschaftliche Impulse berücksichtigt. Universitätsschulen kooperieren institutionell eng mit einer Universität, unter anderem in Forschung, Lehrkräftebildung und Transfer; ihre Konzepte werden maßgeblich durch wissenschaftliche Erkenntnisse geprägt.

In Potsdam stammen diese Grundlagen aus Erkenntnissen der Humanwissenschaftlichen Fakultät, der Fachdidaktiken der Universität Potsdam und weiterer Bildungsforscherinnen. Ein zentraler Kooperationspartner ist das Zentrum für Lehrerbildung und Bildungsforschung, kurz ZeLB. Ein Schwerpunkt der Zusammenarbeit liegt auf der Weiterentwicklung der Lehrkräftebildung durch die Universitätsschule.

Für Siegen heißt das zunächst: Die Zusammenarbeit ist nicht mehr nur ein gelegentliches Treffen zwischen Campus und Klassenzimmer. Studierende und Wissenschaftler sind schon regelmäßig am Rosterberg, während Schule und Universität mit dem unterzeichneten Vertrag die nächsten Schritte sortieren. Der zugrunde liegende Fachportal-Artikel wurde zuletzt am 4. März 2024 aktualisiert. Die Nachricht aus Siegen veröffentlichte Steffen Schwab am 6. November 2026 um 9:55 Uhr.