Heute, am 28.09.2026, geht es an der TU Dresden um ein Material, das sonst schnell übersehen wird: Seidenreste. Weltweit fallen jährlich rund 11 Millionen Tonnen Seidenabfälle aus der Produktion und aus gebrauchten Textilien an. Das Bachelorprojekt „ReFib“ fragt, ob daraus mehr werden kann als Ausschuss – nämlich eine Veredelung für Wolle und andere Textilien.

Ausgangspunkt war die Suche nach gestalterisch ansprechenden Recyclinglösungen im Anthropozän. Durchgeführt wurde das Projekt im BioLab der Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle gemeinsam mit der Fibrothelium GmbH. Die zugrunde liegende Bachelorarbeit wurde am 1. Februar 2023 im Studiengang Textildesign der Burg Giebichenstein bei Prof. Göttke-Krogmann präsentiert.

Seide wird zur Beschichtung

Nach der Farbsortierung wurden die Seidenreste mit schadstoffarmen Verfahren verarbeitet. Dabei entstanden Fibroinlösungen mit einem Anteil von zehn Prozent. Aus dieser Lösung lassen sich unter anderem Schwämme, Filme und Granulate herstellen. Ein Kilogramm gelöste Seide reicht aus, um bis zu 100 Kilogramm Wolle zu beschichten.

Als Kontrastmaterial diente heimische, häufig kratzige Wolle. Untersucht wurde, ob sich Eigenschaften der ursprünglichen Seide – vor allem Glanz und Haptik – beim Recycling erhalten oder auf andere Materialien übertragen lassen. Die gelöste Seide wurde unter anderem im Textildruckverfahren auf Wollgarn, Wollgewebe und Wollvlies aufgetragen.

In Anlehnung an die Säurefärbung von Proteinfasern entwickelten die Beteiligten Verfahren, um die Seide an Wollfasern anzubinden. Für eine waschfeste Verbindung der Seidenproteine mit der Wolle sind keine zusätzlichen Crosslinker erforderlich. Die Versuche zeigten außerdem: Nicht nur das Fibroin, sondern auch der Farbstoff der Seide bindet an die Wollfasern.

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Nach der Behandlung mit ReFib wurde das Material als weicher und hautfreundlicher wahrgenommen. Pastöses Fibroin kam per Textildruck in Mustern auf textile Oberflächen und wurde durch verschiedene Auftragungs- und Härtungsverfahren an Wollgewebe gebunden. Mehr als 100 Proben entstanden und wurden im Rahmen der gestalterischen Forschung dokumentiert. Das Verfahren eignet sich auch für die Veredelung von Seide als Monomaterial.

Vom Bachelorprojekt zur Forschung mit dem STFI

Unter dem Forschungstitel „silcularity“ wurden Strategien für eine zirkuläre Nutzung von Seide entwickelt. Das Projekt „ReFib“ wurde für mehrere Designpreise nominiert. Eine Weiterführung ist in einem Forschungsprojekt mit dem Sächsischen Textilforschungsinstitut (STFI) in Chemnitz geplant.

Dieses Vorhaben verfolgt einen interdisziplinären Forschungsansatz. Es verbindet die materialwissenschaftliche Expertise des STFI mit der gestalterischen Textilforschung der BURG. In einem ersten Schritt entwickelt der Studiengang Textildesign gemeinsam mit dem BioLab der BURG eine Rezeptur, mit der sich Seidenproteine schonend aus recycelten Seidenmaterialien gewinnen lassen. Die chemischen und physikalischen Eigenschaften der Fibroine werden für die weitere Anwendung optimiert.

Anschließend veredelt das STFI Wollgarne mithilfe der aufbereiteten Seidenproteine und verschiedener technologischer Verfahren. Danach folgen umfassende materialwissenschaftliche Untersuchungen. Erst wenn das STFI die neuen Materialien technisch validiert und charakterisiert hat, prüft die BURG ihr gestalterisches Potenzial: Wie fühlt sich das Textil an? Wie sieht es aus? Und wofür könnte es eingesetzt werden?

Was am Ende übrig bleibt

Zum Forschungsplan gehört auch eine Ökobilanzierung, ein Life-Cycle-Assessment. Betrachtet werden die Umweltauswirkungen des gesamten Lebenszyklus – von der Rohstoffgewinnung über Herstellung und Nutzung bis zur Entsorgung. Gerade bei Recyclingmaterialien steckt der entscheidende Unterschied oft nicht im Etikett, sondern in diesen vielen Stationen dazwischen.

Auf den Arbeitstischen der Projekte liegen damit keine bloßen Materialproben, sondern ziemlich konkrete Fragen: Kann aus einer kratzigen heimischen Wolle ein angenehmeres Textil werden? Bleibt der seidige Glanz erhalten? Und lässt sich der Weg der Seide weiterdrehen, statt sie nach einmaliger Nutzung aus dem Kreislauf zu verlieren? An den Antworten wird in Halle und am STFI in Chemnitz weitergearbeitet.