Weimar bleibt eine Warnung: Was die Gegenwart aus dem Ende der Republik lernen kann
Heute, am 9.10.2026, wird am Campus der TU Dresden über eine alte Republik gesprochen, die erstaunlich nah wirken kann. Der Historiker Mike Schmeitzner vom Hannah-Arendt-Institut in Dresden forscht zum Übergang der Weimarer Republik in die nationalsozialistische Diktatur – besonders zum Aufstieg der NSDAP in Deutschland und Sachsen Anfang der 1930er-Jahre.
Anlass für das Gespräch sind politische Vorgänge in Sachsen-Anhalt: Ein AfD-Politiker wurde mit Stimmen der AfD und des BSW zum Landtagspräsidenten gewählt. Die Frage liegt damit auf dem Tisch: Gibt es Parallelen zwischen der Gegenwart und dem Ende der Weimarer Republik? Schmeitzners zentrale Aussage lautet: „Weimar bleibt eine Warnung der Geschichte.“ Der Artikel stellt sogar die größere Frage, ob Deutschland erneut an der Schwelle zu einer Autokratie steht – und kündigt neben Ähnlichkeiten ausdrücklich auch Unterschiede zwischen 1933 und heute an.
Was heute an Weimar erinnert
Der Historiker und Weimar-Experte Jens Bisky sieht mehrere Parallelen zur Endphase der Republik: Bauernproteste, eine formierte „nationale Opposition“, Kritik von Wirtschaftsverbänden an Sozialausgaben, wachsende Haushaltsdefizite und eine Koalitionsregierung, die an einem Haushaltsstreit zerbricht. Dazu kommen die CDU-Abstimmung mit der AfD im Bundestag und politische Forderungen nach Entschlossenheit statt Gesprächen und Kompromissen.
Der Begriff „offene Feldschlacht“, den der SPD-Politiker Carl Severing 1929 verwendete, erinnert Bisky allerdings vor allem an die häufige Nutzung militärischer Metaphern in der Politik. Eine direkte historische Parallele zur FDP-Strategie im Jahr 2024 sieht er darin nicht.
1929 war die Weimarer Republik noch relativ stabil. Die SPD war stärkste Kraft, die NSDAP landete bei Wahlen nur auf dem sechsten Platz. Innerhalb von vier Jahren wurde die Republik zerstört. Laut Bisky führte die politische Dynamik ab 1929 in einen Strudel, in dem das politische System unterging.
Nach dem Ende der parlamentarischen Mehrheiten wurde Heinrich Brüning Reichskanzler. Er stützte sich auf Reichspräsident Paul von Hindenburg, zunehmend wurde per Notverordnung gegen das Parlament regiert. Brünings autoritärer Stil passte zu einer verbreiteten Sehnsucht nach starker Führung. Seine Austeritätspolitik verschärfte zugleich die Wirtschaftskrise.
Franz von Papen wurde im Juni 1932 Reichskanzler, im Frühjahr 1932 war er zum Reichskanzler eines reaktionären Präsidialkabinetts geworden. Er warb um die NSDAP und behauptete, die Nationalsozialisten zähmen zu können. Eine direkte Parallele zu Friedrich Merz weist Bisky zurück. Papen hob unter anderem das SA-Verbot auf; praktische Schritte zur Kontrolle Hitlers habe er kaum unternommen. Sein Hauptziel sei die Verdrängung der SPD und anderer „Marxisten“ sowie die Zerstörung der Republik gewesen. Damit war Papen laut Bisky erfolgreich, während die strategische Initiative bei den Nationalsozialisten lag.
Die NSDAP hatte im Januar 1933 keine Mehrheit. Hitler kam durch eine faschistische Koalition aus NSDAP, Deutschnationaler Volkspartei und Stahlhelm an die Macht. Im ersten Kabinett Hitler waren die NSDAP-Minister sogar in der Minderheit. Alte Eliten lehnten eine Zusammenarbeit mit der Linken ab und unterstützten stattdessen ein Kabinett Hitler.
Krise, soziale Not und politische Verhärtung
Die Weimarer Wirtschaft war bereits vor dem Börsenkrach von 1929 geschwächt. Anfang 1930 gab es etwa drei Millionen Arbeitslose, Ende 1930 kehrte der Hunger nach Deutschland zurück. 1931 brach das internationale Finanzsystem zusammen. Viele Menschen lebten ohne Rücklagen von Woche zu Woche; die soziale Absicherung war deutlich schwächer als heute.
Die Zahlen der Weltwirtschaftskrise lesen sich heute fast wie eine Treppe nach unten: Im Januar 1929 waren 2,85 Millionen Menschen arbeitslos, im Januar 1930 mehr als 3,2 Millionen, im Januar 1931 fast 4,9 Millionen und im Januar 1932 mehr als sechs Millionen. Die Industrieproduktion sank gegenüber 1927/28 um mehr als 43 Prozent, die Stahlproduktion um 65 Prozent.
Der Abzug kurzfristiger US-Kredite verschärfte die Krise. Am 13. Juli 1931 begann ein Bankrun, die Regierung verhängte Bankfeiertage, der Zahlungsverkehr kam weitgehend zum Erliegen. Staatliche Garantien, Bankenhaftung und Übernahmen verhinderten den vollständigen Kollaps. Das Hoover-Moratorium vom Juni 1931 verschaffte vorübergehend Luft.
Im März 1930 zerbrach die Große Koalition über die Finanzierung der Arbeitslosenversicherung. Heinrich Brüning wurde am 30. März Reichskanzler. Seine Politik umfasste Steuererhöhungen, eine Krisen- und Bürgersteuer, Kürzungen von Sozialleistungen und staatlichen Ausgaben sowie niedrigere Löhne, Gehälter, Mieten und Preise. Die Sparpolitik verschärfte die Depression und trieb die Arbeitslosigkeit weiter nach oben.
Von 1930 bis zu Brünings Sturz wurden 109 Notverordnungen, aber nur 29 reguläre Gesetze verabschiedet. Der Reichstag tagte 1932 bis Ende Mai nur noch acht Tage. Am 18. Juli 1930 löste Hindenburg den Reichstag auf, nachdem eine Mehrheit gescheitert war. Bei der Reichstagswahl im September 1930 erzielte die NSDAP einen großen Stimmenzuwachs. Die SPD tolerierte Brüning aus taktischen Gründen, weil eine Ablehnung Neuwahlen ausgelöst und womöglich NSDAP und KPD weitere Stimmen gebracht hätte. Bisky nennt das ein Dilemma – zugleich hätte die SPD einen Ausstieg aus der Tolerierung vorbereiten müssen.
Die SPD konzentrierte sich auf die Verteidigung von Sozialstaat, Rechtsstaat und ihren Machtpositionen, besonders in Preußen, und blieb dadurch politisch in der Defensive. Bisky warnt jedoch vor der pauschalen Behauptung, die Sozialdemokratie habe nur den Status quo verteidigt: 1930 bedeutete dieser Status quo Notverordnungen und den Zusammenbruch des internationalen Finanzsystems.
Zu den Fehlern der SPD zählt Bisky die Unterstützung von Hindenburgs Wiederwahl 1932, den Verzicht auf einen eigenen Präsidentschaftskandidaten, ein fehlendes Programm gegen die Wirtschaftskrise und unzureichende Vorbereitungen auf den Preußenschlag. Zugleich seien die Handlungsmöglichkeiten durch konkrete Zwänge stark eingeschränkt gewesen. Kurt Tucholsky kritisierte 1930 die SPD-Strategie gegen die Nationalsozialisten als bloße Empörung. Dauerhafte Empörung ohne politische Strategie hält Bisky auch heute für wirkungslos: Wähler erwarteten politische Handlungsmacht; reine Entrüstung signalisiere Ohnmacht.
Die Republik hätte sich gegen die NSDAP grundsätzlich stärker wehren können. Ein Parteiverbot wäre laut Bisky möglich gewesen. Nach dem Hitlerputsch von 1923 war die Partei verboten worden, später aber wieder zugelassen; in einzelnen Ländern galt für Hitler weiterhin ein Redeverbot. 1932 wurde die SA verboten, worauf die Zahl politischer Gewalttoter sofort sank. Papen hob das Verbot wieder auf, weil er und die Reichswehrführung die SA für den Grenzschutz gegen einen befürchteten polnischen Angriff nutzen wollten.
Bürgerliche Parteien koalierten bereits 1930 in Thüringen und Braunschweig mit den Nationalsozialisten. In konservativen Milieus damals wie heute sieht Bisky eine Anziehungskraft politischer „Disruption“, pauschale faschistische Zuschreibungen an die CDU lehnt er jedoch ab.
Eine Republik mit schwerem Erbe
Die Weimarer Republik erbte viele strukturelle Probleme des Kaiserreichs. Wirtschafts- und Sozialordnung blieben weitgehend bestehen, die Schulpolitik blieb konfessionell geprägt. Verwaltung, Militär und Justiz wurden – außer in Preußen – kaum demokratisiert. Viele Beamte, Richter und Militärs standen der Republik ablehnend gegenüber.
Die Weimarer Verfassung galt zeitgenössisch als besonders fortschrittlich. Sie war der erste erfolgreiche Versuch, in Deutschland eine liberale Demokratie zu etablieren, und enthielt politische, liberale und soziale Grundrechte. Der Reichstag wurde für vier Jahre gewählt, beschloss Gesetze und Haushalt und konnte Reichskanzler und Minister durch ein Misstrauensvotum absetzen. Der Reichspräsident wurde für sieben Jahre gewählt, ernannte und entließ den Reichskanzler, konnte den Reichstag auflösen und nach Artikel 48 per Notverordnung Grundrechte zeitweise außer Kraft setzen. Wegen dieser starken Stellung wurde er häufig „Ers
