Autoglas-Recycling: Wie aus alten Windschutzscheiben wieder neue Scheiben werden
An der TU Bergakademie Freiberg arbeitet Professorin Sindy Fuhrmann mit ihrem Team daran, Autoglas vollständig zu recyceln. Wenn Fahrzeuge zu Schrott werden, landen derzeit jährlich Tausende Tonnen der Scheiben meist auf Deponien. Fuhrmanns Ziel ist ein geschlossener Materialkreislauf: Aus alter Autoscheibe soll wieder neue Autoscheibe werden.
Die Forschung am Institut für Glas und Glastechnologie wird laut dem zugrunde liegenden Bericht weltweit beachtet und dient als Grundlage für die Entwicklung von Autos. Fuhrmann ist dabei nicht nur in den Laboren unterwegs, sondern auch in der Lehre tätig. Zwischen Forschung, Vorlesungen und der Frage, was mit einer ausgedienten Windschutzscheibe passiert, liegt also ein ziemlich großes Feld.
Warum Autoglas bisher meist zur Flasche wird
Glas gilt grundsätzlich als endlos recycelbar. Beim Autoglas war der Weg bislang trotzdem oft ein anderer: Es wurde downgecycelt, etwa zu Flaschen oder Dämmwolle. Der entscheidende Schritt – Flachglas wieder zu Flachglas zu machen – ist technisch deutlich kniffliger.
Windschutzscheiben bestehen aus Verbundsicherheitsglas. Zwei Glasscheiben werden durch eine Kunststofffolie verbunden, die bei einem Unfall die Glassplitter zusammenhält. Dazu kommen Beschichtungen, Heizdrähte, Antennen und Sensoren. Einfach einschmelzen? Geht nicht. Folien- und Materialreste würden das neue Glas verunreinigen.
Ein Kreislauf auf gleicher Qualitätsstufe
Der Glasaufbereiter Reiling und AGC Glass Europe schließen erstmals einen Kreislauf für Autoglas, aus alten Scheiben soll wieder hochwertiges Autoglas entstehen. In der Reiling-Anlage in Marienfeld werden Glas, Kunststoff und Metall getrennt. Die Glasscherben werden so gründlich gereinigt, dass sie wieder die Qualität von Neuglas erreichen.
Die zentrale technische Herausforderung liegt genau darin: Der Kreislauf soll auf derselben Qualitätsstufe funktionieren. Flachglas darf nicht bei jedem Durchlauf an Qualität verlieren. Für die neue Produktion wird bereits ein Rezyklatanteil von mehr als 56 Prozent erreicht.
Nach Angaben von AGC spart jede eingesetzte Tonne Glasscherben etwa 1,2 Tonnen Rohstoffe und bis zu 0,7 Tonnen CO₂. Im Jahr 2024 ersetzte das Unternehmen mit 730.000 Tonnen Altglas rund 875.000 Tonnen Primärrohstoffe. Ab 2026 wollen die Partner jährlich mehr als 300.000 Scheiben in den Kreislauf zurückführen.
Zunächst stammt das Material allerdings aus den eigenen Werken: Verschnitt, Ausschuss sowie sauberes und sortenreines Material. Gebrauchte Autoscheiben spielen in dem neuen Kreislauf bislang kaum eine Rolle.
Die alte Scheibe ist selten sauber
In Deutschland werden jährlich etwa 1,7 Millionen Autoscheiben ausgetauscht. Dazu kommt Glas aus rund 500.000 verschrotteten Autos. Dieses Altglas ist meist verschmutzt, beschädigt und mit unterschiedlichen Beschichtungen und Sensoren versehen. Deshalb wird es weiterhin vor allem downgecycelt.
Für einen Wiedereinsatz in der Autoglasproduktion müssen glasfremde Bestandteile zuverlässig heraus. Moderne Recyclinganlagen sortieren unter anderem PVB-Kunststoffschichten – PVB steht für Polyvinylbutyral –, Scheibeneinfassungen, Metalle und Drähte aus. Die gereinigten Glasscherben können anschließend als Sekundärrohstoff in der Glasproduktion eingesetzt werden.
AGC-Nachhaltigkeitsmanager Marc Foguenne sieht die Zukunft des Glases in zirkulären Kreisläufen. Gleichzeitig bleibt die Wirtschaftlichkeit der harte Prüfstein: Solange Neuglas günstiger ist als aufbereitetes Altglas, entscheidet vor allem der Preis darüber, ob Recyclingglas zum Einsatz kommt. Das klingt weniger romantisch als ein geschlossener Kreislauf, ist aber der Punkt, an dem sich die Sache entscheidet.
Sammlung, Container und saubere Scherben
Reiling bietet Lösungen für die Sammlung, Entsorgung und das Recycling von Autoscheiben an und recycelt verschiedene Flachglassorten – darunter Floatglas, Verbundglas, Isolierglas und Autoscheiben. Industrie- und Gewerbekunden werden bei der Sammlung und Entsorgung defekter Scheiben unterstützt, mit individuellen Containerlösungen und einem bedarfsorientierten Service.
Für die Herstellung eines hochwertigen, in der Autoglasproduktion wiederverwendbaren Rezyklats kommen moderne Recyclinganlagen zum Einsatz. Die aufbereiteten Scherben sparen Primärressourcen, Energie und CO₂ bei der Glasproduktion und können helfen, einen geschlossenen Materialkreislauf aufzubauen. Weitere Informationen bietet der Anbieter zum Recycling von Autoscheiben und anderen Flachgläsern an.
In Freiberg wird derweil weiter daran geforscht, wie aus der komplizierten Mischung aus Glas, Folie, Metall und Elektronik wieder ein brauchbarer Rohstoff wird. Eine Windschutzscheibe ist eben nicht bloß eine Scheibe – und genau deshalb bleibt der Weg zurück zur Scheibe so anspruchsvoll.
