Carsharing in Mitteldeutschland wächst: TeilAuto baut Netz und Elektroflotte aus
Torsten Mayer braucht kein eigenes Auto. Seit seinem Studium besitzt der 49-Jährige keines – wenn es nötig ist, nimmt er Carsharing. Anfang Oktober musste er vier Gaststudenten aus der Mongolei samt mindestens acht Koffern unterbringen. Dafür buchte Mayer, der im International Office der TU Bergakademie Freiberg arbeitet, einen Neunsitzer von teilAuto.
In Freiberg läuft die Nutzung ziemlich unkompliziert: Auto per App buchen, mit der App öffnen und starten, später wird die Fahrt ebenfalls darüber abgerechnet. Wird der Tank leer, liegt die passende Tankkarte im Fahrzeug. Kein Schlüsselbund, kein Papierkram. Nur die Koffer müssen noch hineinpassen.
Neun Autos, sieben Stationen
Freiberg verfügt über neun Carsharing-Autos an sieben Stationen, unter anderem am Bahnhof und am Parkhaus Altstadt. Im übrigen Landkreis Mittelsachsen gibt es laut dem zugrunde liegenden Artikel keine Carsharing-Angebote. Genau deshalb stellt sich die praktische Frage: Wo lohnt sich das Teilen – und welche Kosten entstehen dabei?
Die Freie Presse hat sich dieser Frage gewidmet. Die Zahlen von teilAuto zeigen zugleich, dass Freiberg zwar klein wirkt, aber keineswegs abgehängt ist: 330 Kundinnen und Kunden werden für den Standort genannt.
TeilAuto ist in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen aktiv. Für 2024 meldet der Anbieter mehr als 88.000 registrierte Fahrtberechtigte – rund 11.000 mehr als im Vorjahr. Darin ist auch das Free-Floating-Angebot cityflitzer in Leipzig enthalten. Der Fuhrpark wuchs auf rund 2.050 Fahrzeuge, 250 mehr als im Vorjahr; gut die Hälfte der neu hinzugekommenen Autos sind Elektrofahrzeuge. Im stationsbasierten teilAuto-Angebot liegt ihr Anteil bei 17,5 Prozent.
Fuhrparkchef Patrick Schöne sagt, teilAuto habe den Bestand an Elektrofahrzeugen trotz eines allgemeinen Rückgangs der Elektro-Pkw-Neuzulassungen ausbauen können. Mehr Ladeinfrastruktur, so seine Einschätzung, würde den Einsatz weiterer E-Autos an den Stationen ermöglichen. 2024 kamen außerdem 100 feste Standorte hinzu, sodass teilAuto nun 980 Stationen betreibt. Für 2025 erwartete das Unternehmen in Mitteldeutschland mehr als 1.000 Fahrzeugstandorte mit mindestens einem rund um die Uhr verfügbaren Carsharing-Auto.
Von Leipzig bis Limbach-Oberfrohna
In Leipzig zählt teilAuto 42.400 Kundinnen und Kunden, ein Plus von 15 Prozent. Dort stehen 890 Fahrzeuge, davon 124 elektrische, an 270 Stationen; zusätzlich gibt es das Geschäftsgebiet von cityflitzer. Dresden kommt auf 23.300 Nutzende, 600 Fahrzeuge – 120 davon elektrisch – und 310 Stationen. In Chemnitz sind 1.900 Fahrtberechtigte registriert, 19 Prozent mehr als zuvor. 60 Fahrzeuge, darunter 13 Elektroautos, verteilen sich auf 50 Stationen.
Bautzen und Limbach-Oberfrohna kamen 2024 als neue Standorte hinzu. In Markkleeberg gibt es 470 Kundinnen und Kunden, in Radebeul 410. Neben Freiberg mit 330 Nutzenden gehören außerdem Annaberg-Buchholz, Auerbach, Görlitz, Markranstädt, Meißen, Niesky, Pirna, Plauen und Zwickau zu den genannten Standorten in Sachsen.
Auch in Sachsen-Anhalt wächst das Netz. Halle meldet 4.500 Fahrtberechtigte, zwölf Prozent mehr als im Vorjahr, 130 Fahrzeuge – 21 davon elektrisch – und 95 Stationen. Der Ausbau profitierte unter anderem von Stellplätzen im öffentlichen Straßenraum sowie von neuen Mobilitätsstationen des HAVAG-Projekts STADTLand+. In Magdeburg nutzen 2.100 Menschen teilAuto, ein Plus von 17 Prozent; dort gibt es 50 Fahrzeuge, davon neun elektrische, an 40 Stationen.
Dessau-Roßlau kommt auf 190 Nutzende, Wittenberg auf 150 und Merseburg auf 50. Wittenberg feierte im April 2024 sein 25-jähriges Carsharing-Jubiläum und ist nach Halle die zweitälteste teilAuto-Stadt. Ein Vierteljahrhundert geteilte Autos – das ist für eine Stadtgeschichte schon eine ordentliche Wegstrecke.
In Thüringen zählt Erfurt 4.800 Fahrtberechtigte, neun Prozent mehr als zuvor. 110 Fahrzeuge, darunter fünf elektrische, stehen an 65 Stationen. Jena kommt auf 4.100 Nutzende, ein Plus von 17 Prozent, 100 Fahrzeuge – zehn davon elektrisch – und 60 Stationen. Dort wird das Wachstum unter anderem auf zusätzliche Carsharing-Stellplätze im öffentlichen Straßenraum zurückgeführt. Weimar hat 1.900 Fahrtberechtigte und ein Plus von zwölf Prozent. Gera zählt 140 Kundinnen und Kunden, Gotha 70.
Mehr Wachstum als der Branchenwert
Zum Jahresbeginn 2025 verzeichnete der Bundesverband Carsharing, kurz bcs, in Deutschland rund 875.000 Fahrtberechtigte, 45.400 Carsharing-Fahrzeuge und 1.385 Orte im Segment „Stationsbasiertes Carsharing und kombinierte Systeme“. Die Statistik wird jeweils zum 1. Januar erhoben.
Formal lag die Zahl der Nutzenden am 1. Januar 2025 unter dem Vorjahreswert. Der Grund: Das Flinkster-Netzwerk wurde eingestellt, außerdem entfernte der bcs Doppelanmeldungen und inaktive Kundinnen und Kunden aus der Statistik. Rechnet man diesen Bereinigungseffekt heraus, wuchs die Zahl der Fahrtberechtigten bei den übrigen Anbietern des Segments um 8,1 Prozent. TeilAuto lag mit mehr als 14 Prozent deutlich darüber.
Gegründet wurde das Unternehmen 1992 in Halle (Saale) als ökologisch orientierter Verein. Heute ist es in 27 Städten in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen vertreten. Den mehr als 88.000 Nutzenden stehen über 2.000 Gemeinschaftsfahrzeuge zur Verfügung – vom Kleinstwagen bis zum Transporter. Der Anbieter bezeichnet seinen Fuhrpark als emissionssparend und verbindet Carsharing mit Bus, Bahn und Fahrrad.
TeilAuto ist gemeinwohlzertifiziert und trägt für seine Dienstleistung den Umweltzeichen „Blauer Engel“. In der Praxis bleibt trotzdem die ganz konkrete Frage: Steht das passende Auto gerade dort, wo man es braucht? In Freiberg lautet die Antwort für Mayer offenbar oft genug: ja. Für vier Gäste aus der Mongolei und deren Gepäck war es Anfang Oktober jedenfalls ein Neunsitzer.
Der zugrunde liegende bcs-Jahresbericht 2024/25 liefert in der bereitgestellten PDF-Datei keine auswertbaren Artikelinhalte; sie besteht aus technischen Rohdaten und komprimierten Binärdaten. Die verfügbaren Zahlen zeichnen dennoch ein ziemlich klares Bild: Während Freiberg mit neun Autos an sieben Stationen auskommen muss, wächst das mitteldeutsche Netz weiter – und der nächste Kofferraum ist vielleicht schon reserviert.
Quelle: Freie Presse
Quelle: teilAuto
Quelle: bcs-Jahresbericht 2024/25
