Rund 40 Kilometer nördlich der deutschen Grenze wächst in Kassø, Dänemark, ein Energiecluster heran. Im Mittelpunkt steht eine 52-Megawatt-Power-to-X-Anlage, die seit Mai 2025 industriell E-Methanol produziert. 42.000 Tonnen pro Jahr sind möglich. Eingeweiht wurde die Anlage im Mai 2025; sie wird als erste kommerzielle E-Methanol-Produktionsanlage dieser Art bezeichnet.

Versorgt wird das Projekt von einem Solarpark. Quelle 1 nennt dafür 300 Megawatt, Quelle 2 beschreibt den Solarpark Kassø mit 304 Megawatt. Die Anlage liegt neben diesem Park und nutzt erneuerbaren Strom sowie biogenes CO₂ zur Herstellung des E-Methanols. Hinter Solar Park Kassø (SPK) stehen European Energy mit 51 Prozent und Mitsui & Co. mit 49 Prozent. Beide Unternehmen besitzen den Solarpark und die E-Methanol-Anlage.

Warum zuerst Methanol?

E-Methanol wurde als erster Schwerpunkt gewählt, grüner Wasserstoff soll später folgen. Nach Angaben von European Energy lässt sich E-Methanol wegen seiner höheren Energiedichte über große Entfernungen effizienter transportieren als Wasserstoff. Eingesetzt wird es als Kraftstoff im Straßen-, Luft- und Seeverkehr und in chemischen Anwendungen, etwa als Lösungsmittel bei der Kunststoffherstellung. Die Power-to-X-Anwendung zielt damit auf Bereiche, die sich nur schwer direkt elektrifizieren lassen.

Zu den Abnehmern gehören A.P. Moller–Maersk, das E-Methanol als Schiffskraftstoff nutzt, sowie Lego und Novo Nordisk. Die beiden Unternehmen stellen daraus den technischen Kunststoff POM her. OMV verwendet RFNBO-konformes Methanol als Ersatz für fossiles Methanol in der Biodieselproduktion oder als Benzinbeimischung. Mitsui zufolge wächst neben der Nachfrage aus Schifffahrt und chemischer Industrie auch das Interesse an E-Methanol für Verkehrskraftstoffe.

European Energy und Mitsui haben über ihr Joint Venture Solar Park Kassø eine mehrjährige Abnahmevereinbarung mit OMV geschlossen. OMV bezieht das erneuerbare E-Methanol aus der Anlage in Aabenraa, Dänemark. Es wird in der EU als erneuerbarer Kraftstoff nicht biogenen Ursprungs, kurz RFNBO, zertifiziert. Die vereinbarten Treibhausgaseinsparungen liegen deutlich über den Mindestanforderungen für die RFNBO-Konformität; der CO₂-Fußabdruck soll deutlich unter dem fossiler Alternativen liegen. Auch die Anforderungen der novellierten EU-Richtlinie RED III für den Straßenverkehr werden erfüllt.

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Die Vereinbarung ist der vierte öffentlich bekannt gegebene Abnahmevertrag für Kassø. Frühere Verträge wurden mit A.P. Moller–Maersk, der LEGO Group und Novo Nordisk geschlossen. Der OMV-Vertrag wird bereits umgesetzt, die erste Lieferung ist ausgeliefert. Damit gehört OMV zu den weiteren Industriekunden, die E-Methanol aus Kassø beziehen. Für European Energy ist das ein Beleg für einen wachsenden Markt und für die industrielle Herstellbarkeit des Produkts.

Von Kassø nach Freiberg – und in den Tank

Im deutschen Forschungsprojekt DeCarTrans wurden 86 Tonnen Kassø-E-Methanol in einer Großpilot-Anlage der TU Bergakademie Freiberg zu synthetischem Benzin verarbeitet. Dabei entstanden die Benzinqualitäten RON95 E10, RON98 E10 und RON102. Sie sind mit bestehender Infrastruktur und vorhandenen Fahrzeugen kompatibel. Für den Standort Freiberg ist das mehr als eine Versuchszahl: Aus einem dänischen Power-to-X-Projekt wurde hier ein Kraftstoff, der grundsätzlich in die bekannten Abläufe passt.

OMV hat einen Abnahmevertrag mit Kassø geschlossen; die erste Lieferung wurde bereits ausgeliefert. Nach der Umsetzung der EU-Richtlinie RED III in deutsches Recht ist der deutsche Kraftstoffmarkt für Methanol geöffnet. Die Bundesregierung plant im Rahmen der Treibhausgasminderungs-Quote erstmals eine Unterquote für erneuerbare Kraftstoffe nicht biogenen Ursprungs. Sie soll bei 0,1 Prozent starten und bis 2040 auf zehn Prozent steigen.

Nach Einschätzung des Joint Ventures dürften diese Vorgaben die Nachfrage aus Deutschland erhöhen, weil Unternehmen gesetzliche Anforderungen erfüllen müssen. European Energy erwartet langfristig einen stark wachsenden deutschen Markt; weitere Länder könnten zur Erfüllung von EU-Vorgaben folgen. Auch Pipelineprojekte zwischen Dänemark und Deutschland könnten dadurch schneller vorankommen.

Der nächste Schritt: Wasserstoff

Geplant sind Batteriespeicher für den Solarpark, zusätzliche Elektrolysekapazitäten und Anlagen zur Produktion nachhaltiger Kraftstoffe. Außerdem soll ein 150-Megawatt-Elektrolyseur Wasserstoff nach Deutschland liefern. European Energy wurde im Wasserstoff-Auktionsmechanismus der Bundesregierung in Verbindung mit der Europäischen Wasserstoffbank als eines von drei geförderten Projekten ausgewählt.

Die Förderung von bis zu 228 Millionen Euro soll den Aufbau zusätzlicher Wasserstoffproduktionskapazitäten von 150 Megawatt in Dänemark unterstützen. Ziel ist, Produktion und Import von erneuerbarem Wasserstoff und Wasserstoffderivaten zu beschleunigen und die Dekarbonisierung von Industrie und Verkehr voranzutreiben. Das Förderinstrument soll außerdem die Kostendifferenz zwischen erneuerbarem Wasserstoff und fossilen Alternativen verringern und Investitionen in neue Produktionskapazitäten anschieben.

Billig ist das alles derzeit nicht. E-Methanol kostet nach verschiedenen Analysen etwa dreimal so viel wie fossiles Methanol. Preisrückgänge werden durch Marktentwicklungen und den Ausbau der Infrastruktur erwartet. Dafür braucht es nach der beschriebenen Einschätzung einen langfristig verlässlichen Rahmen – mit verbindlichen Abnahmezielen und Sanktionen, wenn diese nicht eingehalten werden.

Strom, Zertifizierung und die Grenze

European Energy gibt an, die Anforderungen der RFNBO-Zertifizierung bereits bei der Planung berücksichtigt zu haben. Der benötigte Strom stammt aus dem direkt angeschlossenen Solarpark und wird durch Stromabnahmeverträge mit Windenergieanlagen ergänzt. Erneuerbares Methanol entsteht also nicht nur irgendwo rechnerisch im Netz, sondern soll mit den konkret vorgesehenen Stromquellen verknüpft sein.

Erreicht Dänemark im Stromnetz einen Anteil von mehr als 90 Prozent erneuerbarem Strom, könnten für die Herstellung von RFNBO-Wasserstoff und dessen Derivaten bestimmte Anforderungen entfallen: Zusätzlichkeit, zeitliche Korrelation und Stromabnahmeverträge. Dänemark könnte diesen Schwellenwert früher als Deutschland erreichen. Dann dürften Importe von E-Methanol und grünem Wasserstoff aus dem Nachbarland weiter an Bedeutung gewinnen – während in Freiberg bereits ausprobiert wird, was aus dem Methanol am Ende im Tank werden kann.