Project 5050: Wie Joseph Tanatar Freiberg und die ukrainische Geowissenschaft verband
Im Foyer der Ausstellung „terra mineralia“ an der TU Bergakademie Freiberg ist derzeit eine Ausstellung über den ukrainischen Geowissenschaftler Joseph Tanatar zu sehen. Deutsche und ukrainische Studierende haben dafür sein Leben und Werk erforscht – und dabei eine Verbindung sichtbar gemacht, die weit zurückreicht: zwischen Freiberg und der heutigen Dnipro University of Technology, DniproTech.
Tanatar kam 1905 zum Studium nach Freiberg; sein Aufenthalt begann bereits 1904 und lässt sich bis 1905 verfolgen. Später brachte er das dort erworbene Wissen in seine ukrainische Heimat zurück. Zwischen historischen Gerätschaften zur Untersuchung von Mineralien, Tanatars Studienunterlagen und ausprobierten Experimenten wirkt die Geschichte nicht wie etwas, das brav im Archiv liegen bleibt. Eher wie ein Labor, das nach vielen Jahrzehnten wieder geöffnet wird.
Ein Studium zwischen Lötrohr und Gesteinsmikroskop
Joseph Tanatar lebte und arbeitete um die Wende zum 20. Jahrhundert. Geboren wurde er in Melitopol im ukrainischen Gebiet Saporischschja. Er gehörte zu den ersten Studierenden der Jekaterinoslawischen Höheren Bergbauschule und zum ersten Abschlussjahrgang. Nach seinem Abschluss 1903 blieb er als Assistent von Professor A. W. Lawrski am Lehrstuhl für Mineralogie und begann ein weiterführendes Studium der Petrographie.
1905 wurde Tanatar zur weiteren Ausbildung in Mineralogie, Petrographie und Lagerstättenkunde an die Bergakademie Freiberg entsandt. Viele Dokumente, die seine Anwesenheit direkt belegen, fehlen heute im TUBAF-Archiv. Mithilfe von Verzeichnissen damaliger Studierender lässt sich sein Aufenthalt an der damaligen „Königlich Sächsischen Bergakademie“ dennoch teilweise rekonstruieren.
Wahrscheinlich besuchte er Lehrveranstaltungen bei Friedrich L. W. Kolbeck, Carl R. Beck und Otto Stutzer. Auf dem Programm standen unter anderem Mineralogie und Kristallographie, die Lötrohrmethode, allgemeine Wirtschaftsgeologie und Gesteinsmikroskopie. In der Ausstellung stehen historische Geräte, mit denen solche Untersuchungen einst durchgeführt wurden. Die Studierenden probierten die historischen Experimente selbst aus.
Ihre Recherchen führten sie in die Archive der TUBAF und der Dnipro University of Technology. Sie sichteten historische Dokumente, darunter rund fünf große Aktenordner, untersuchten Artikel und wissenschaftliche Materialien, analysierten Fotografien und verglichen Angaben aus verschiedenen Quellen. Ausgewählte Dokumente und Artikel wurden anschließend digitalisiert – mit einer speziellen Anwendung oder schlicht mit der Kamerafunktion ihrer Smartphones.
Fünf Aktenordner, Briefe und ein Name im Register
Das zusammengetragene Archivmaterial ist erstaunlich vielfältig: Dazu gehören zahlreiche Artikel und Zeitungen zu Tanatars Biografie, ein mehr als 15-seitiger ausführlicher Artikel, eine fünfseitige Autobiografie, Qualifikations- und Beschäftigungsunterlagen, Diplome, Zertifikate und Auszeichnungen. Hinzu kommen Rezensionen und wissenschaftliche Rückmeldungen zu seinen Arbeiten sowie Postkarten und Briefe der Universität München.
Auch der Name des COIL-Projekts hat einen direkten Bezug zu Tanatar. Project 5050 verweist auf seine Registrierung an der TUBAF unter der Nummer 5050. Gerade weil manche direkten Belege fehlen, wird aus dem Archivmaterial ein Puzzle – kein ganz bequemes, aber eines, bei dem jedes gefundene Stück zählt.
Die Studierenden stellten fest, dass Tanatars Studien in Deutschland seine spätere wissenschaftliche Tätigkeit stark beeinflussten. Nach seiner Rückkehr übersetzte er einen Abschnitt über Petrographie aus dem deutschsprachigen Buch „Elements of Geology“, half bei der Einführung neuer Methoden der Mineralforschung und gründete ein Lötrohrlabor. Außerdem brachte er 277 Mineral- und Gesteinsproben mit.
Vermutlich prägten die in Deutschland erworbenen Kenntnisse seinen weiteren akademischen Weg und auch die Entwicklung der geologischen Ausbildung in der Ukraine. Später gründete Tanatar bedeutende ukrainische Forschungseinrichtungen. Aus einem Studienaufenthalt wurde damit mehr als ein Eintrag in einem alten Verzeichnis.
Gemeinsame Forschung, online und vor Ort
Die Ausstellung gehört zu Project 5050, einer ukrainisch-deutschen, fachübergreifenden Bildungsinitiative, die auf dem Projekt TUBAFdigital/EdUp aufbaut. Beteiligt sind Studierende und Lehrende der TU Bergakademie Freiberg und der Dnipro National Technical University, DniproTech. Geowissenschaften treffen dabei auf Geschichte, Marketing und akademisches Englisch.
Untersucht werden akademische Austauschbeziehungen zwischen beiden Universitäten, die bis ins späte 19. Jahrhundert zurückreichen. Interdisziplinäre Gruppen erforschen historische und aktuelle Verbindungen zwischen Dnipro und Freiberg. Ein Schwerpunkt liegt auf Professor Joseph Tanatar: Er absolvierte die Dnipro Mining School im Bereich Geowissenschaften, besuchte nach seinem Abschluss die TUBAF und gründete später bedeutende ukrainische Forschungseinrichtungen.
Am 16. April 2026 startete ein hybrider Auftakt eine siebenwöchige gemeinsame Arbeitsphase. Die Arbeit ist in vier Pakete gegliedert: die Erforschung von Tanatars wissenschaftlichem Vermächtnis, die Digitalisierung von Archivmaterial, die Untersuchung der historischen Lötrohrmethode und die Entwicklung einer öffentlichen Ausstellung. Ukrainische Studierende und Forschende werden für die persönliche Zusammenarbeit nach Freiberg reisen.
An der TUBAF ist das Projekt in ein Modul für technisches Englisch integriert. Englisch dient als gemeinsame Sprache der internationalen Zusammenarbeit. Project 5050 ist Teil der Initiative COIL-Eng StIL Freiraum 2026 und wird von TUBAFdigital durch Inhaltsentwicklung, Ausstellungsorganisation und Studienaufenthalte unterstützt.
Im Foyer von „terra mineralia“ liegen Vergangenheit und Gegenwart dadurch ziemlich dicht beieinander: Studienunterlagen, Fotografien, alte Messgeräte, digitalisierte Dokumente – und die Frage, wie aus einer Verbindung zwischen Dnipro und Freiberg langfristige akademische Kooperationen entstehen können. Heute, am 4.11.2026, ist davon jedenfalls einiges zu sehen.
