An der Tiroler Nordwand der Zugspitze hat sich am 22. September 2026 ein großer Felssturz ereignet. Ein Forscherteam der Technischen Universität München (TUM) hat den Abbruch mit seismischen Daten und Drohnenaufnahmen untersucht. Das Ergebnis ist beträchtlich: Rund 13.800 Kubikmeter Gestein lösten sich aus der Wand.

Der Hauptabbruch wurde laut seismischen Messungen am 22. September um 6:57 Uhr registriert, auf etwa 2.800 Metern Höhe. Zuvor hatte es bereits kleinere Abbrüche gegeben, im Laufe des Tages folgten weitere Felsstürze – begleitet von einer großen Staubentwicklung. Zwischen kurz vor 7 und 8 Uhr registrierte der Geologe Michael Krautblatter von der TU München zwei seismische Ereignisse.

Eine Wand in Bewegung

Die Ausbruchsnische ist etwa 100 Meter hoch und 40 Meter breit. Die Abbruchfläche umfasst rund 4.000 Quadratmeter und ist ungefähr 80 Grad steil. Betroffen ist ein unzugänglicher Bereich an der deutsch-österreichischen Grenze, in dem es keine offiziellen Steige gibt. Die Kletterroute „Eisenzeit“ wurde zwar von der Staubwolke erreicht, liegt aber auf der anderen Seite des betroffenen Grats.

Verletzt wurde niemand. Nach Angaben der Gemeinde Ehrwald gab es keine Schäden oder sonstigen Auswirkungen. Die Bergwacht Grainau sieht derzeit kein größeres Gefahrenpotenzial durch den Felssturz; nach ihren Angaben setzte sich der Abbruch bis Mittwoch fort. Die Tiroler Zugspitzbahn und die Ehrwalder Almbahn fuhren regulär.

Die Zugspitze ist 2.962 Meter hoch und weist generell eine hohe Steinschlag- und Felssturzaktivität auf. Krautblatter beobachtet derzeit eine Häufung, besonders in den oberen Gratregionen. Schon im August 2024 gingen auf der Tiroler Seite in rund 2.800 Metern Höhe mehrere Tonnen Gestein ab und stürzten knapp 1.000 Meter talwärts.

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Der aktuelle Abbruch ereignete sich im sogenannten warmen Permafrostbereich – dort herrschen Temperaturen zwischen minus 1 und 0 Grad Celsius. In einem Messstollen nahe der Abbruchstelle misst die TUM seit 2007 in 15 Metern Felstiefe die Entwicklung des gefrorenen Untergrunds. Die Temperatur stieg von durchschnittlich −1,2 auf −0,7 Grad Celsius. Laut Krautblatter taut der Kalkstein der Zugspitze bereits bei −0,5 Grad Celsius.

Permafrost bezeichnet Boden oder Gestein, das mindestens zwei Jahre durchgehend gefroren bleibt. Das Eis wirkt in hochalpinen Lagen wie ein stabilisierender Kitt zwischen Schutt und Fels. Steigen die Temperaturen, taut dieser Kitt auf. Klüfte können sich öffnen, miteinander verbundene Gesteinsteile verlieren ihren Halt, und irgendwann kommt Bewegung in die Sache – manchmal nur als Bröseln, manchmal mit ordentlich Wucht.

Ob der Permafrost den aktuellen Felssturz tatsächlich ausgelöst hat, ist allerdings noch nicht geklärt. Die Wärme großer sommerlicher Hitzewellen erreicht tiefere Felsschichten erst mit Verzögerung: In rund zehn Metern Felstiefe kommt sie laut den Forschern erst nach zwei bis drei Monaten an. Mögliche Auswirkungen mehrerer Hitzewellen könnten daher gerade jetzt sichtbar werden. Die stärkste Erwärmung des Permafrosts wird laut TUM in den kommenden Monaten erwartet.

Was die Messungen zeigen sollen

Krautblatter und sein Team wollen die Abbruchstelle in den kommenden Tagen mit Drohnen untersuchen. Die TUM-Forscher planen außerdem, die Felswand künftig regelmäßig mit einem Laserscanner aus vier Kilometern Entfernung millimetergenau zu vermessen. So sollen Verformungen möglichst früh auffallen. Sichtbare Risse und vorheriges Gesteinsbröseln können Felsstürze häufig ankündigen.

Johannes Leinauer von der TUM erwartet künftig eine deutliche Zunahme kleinerer Felsabbrüche – von wenigen Kubikmetern bis zu mehreren zehntausend Kubikmetern. Ob allerdings ein weiterer sehr großer Felssturz bevorsteht und wann er eintreten könnte, lasse sich nicht pauschal vorhersagen. Die Untersuchungen sollen deshalb klären, warum der Fels genau an dieser Stelle abbrach und welche Bereiche der Zugspitze künftig besonders überwacht werden müssen.

Fels- und Bergstürze gehören grundsätzlich zur natürlichen Erosion der Alpen. Frost und Blitzschlag haben die Felsgrate über Millionen Jahre zersplittert; Wasser, Starkregen und Frost-Tau-Wechsel können den Untergrund zusätzlich schwächen. Ein Felssturz betrifft eine größere zusammenhängende Felsmasse und umfasst meist mehrere tausend Kubikmeter. Bei einem Bergsturz lösen sich sehr große Gesteinsmassen – im Extremfall Millionen Kubikmeter, die ganze Landschaften verändern.

Ein Muster, das über die Zugspitze hinausreicht

Der Felssturz fällt in eine Zeit, in der die Veränderung der Hochgebirge kaum zu übersehen ist. Am Mont Blanc, am Matterhorn und an der Zugspitze kam es nach einem Hitzesommer zu Felsstürzen. Im Mont-Blanc-Massiv wurden 2026 bereits rund 450 größere Felsstürze gezählt. Ein Video zeigt dort einen Bergsteiger, der einen Felssturz im Grand Couloir überlebt; die Route liegt auf etwa 3.340 Metern und gilt als besonders gefährlich. Die Lokalregierung sperrte sie im August wegen erhöhter Steinschlag- und Felssturzgefahr. Auch Bergführer am Matterhorn stuften die Lage als zu gefährlich ein.

Nach Angaben von Christian Huggel von der Universität Zürich liegt die Erwärmung in den Alpen inzwischen bei etwa drei Grad Celsius über dem vorindustriellen Niveau – mehr als doppelt so hoch wie der globale Durchschnitt. Das Institut für Schnee- und Lawinenforschung in Davos spricht ebenfalls davon, dass die Temperaturen in den Alpen etwa doppelt so schnell steigen wie weltweit. Gletscher schmelzen, der Permafrost taut, und Wärme, die früher vom Schnee reflektiert wurde, dringt tiefer in den Untergrund ein.

Oberhalb von etwa 2.500 Metern bestehen laut der Gletscherforscherin Andrea Fischer erhebliche Flächen aus Permafrost. Die Berge sind dabei kein massiver Block, sondern ein Gefüge aus miteinander verbundenen Gesteinsteilen. Taut das Eis in den Klüften auf, beginnt Gestein abzubröckeln, bis sich wieder ein stabiles Gleichgewicht bildet. Das kann dauern. Für die Ostalpen stellt Fischer inzwischen eine Häufung von Sturzereignissen fest.

Einer Studie zufolge gab es im gesamten Alpenbogen im 20. Jahrhundert größere Felsstürze etwa alle drei bis fünf Jahre, im 21. Jahrhundert dagegen zwei bis drei pro Jahr. Sehr große Ereignisse traten früher ungefähr alle zehn Jahre auf, inzwischen laut Huggel etwa alle zwei Jahre. Felsstürze ereignen sich zudem zunehmend an Orten, an denen sie historisch nicht bekannt waren. Damit entstehen neue Gefahren für Orte, Siedlungen und Infrastruktur.

Technische Schutzmaßnahmen reichen gegen große Fels- und Bergstürze nicht aus. Fangnetze können einzelne Steine abfangen, aber keine Millionen Kubikmeter Gestein. Frühwarnsysteme, Schutzdämme und andere Maßnahmen können Risiken verringern, haben jedoch technische und finanzielle Grenzen. Im Tal könnten Fels- und Bergstürze Straßen, Seilbahnen und Gebäude zerstören. Wenn Schutzmaßnahmen nicht mehr wirksam oder zu teuer sind, können Umsiedlungen oder der Neubau von Infrastruktur an anderen Orten notwendig werden.

Der Schutz beginnt deshalb mit der Beobachtung gefährdeter Felswände und der Ausweisung entsprechender Bereiche. Geologische Untersuchungen, Laserscans, Radar, GPS, Kameras und weitere Sensoren können Verformungen und zunehmende Bewegungen erfassen. Kleinere Steinschläge und wachsende Bewegungen können größere Ereignisse ankündigen.

Für Bergsportler und Wanderer heißt das: Steinschlagaktivität ernst nehmen, sich nicht unnötig lange unter steilen Felswänden aufhalten und Sperrungen beachten. Gesperrte Wege sollten Ortsfremde keinesfalls betreten. Ein Schutzhelm bietet bei größeren Ereignissen keinen ausreichenden Schutz – das klingt ernüchternd, ist aber wichtig.

Erfahrungen mit Naturgefahren, Warnsystemen und Sperrungen gibt es im Alpenraum durch den Umgang mit Lawinen und anderen Risiken bereits. Dieses Wissen soll stärker auf sommerliche Gefahren wie Felsstürze übertragen werden. Die Alpen werden durch