Felssturz an der Zugspitze: TUM untersucht tauenden Permafrost in der Nordwand
Ein großer Felssturz an der Zugspitze beschäftigt derzeit Wissenschaftler:innen der Technischen Universität München (TUM). Am 25. September 2026 starteten am Lehrstuhl für Hangbewegung wissenschaftliche Drohnenflüge, um die Abbruchstelle an der Tiroler Nordwand genauer zu untersuchen. Das Gelände ist unzugänglich; der Abbruch setzte sich den gesamten Tag fort und hinterließ eine weithin sichtbare Staubwolke.
Die Drohnenaufnahmen halfen dabei, das Ablösegebiet präziser zu bestimmen. Nach einem weiteren Drohnenflug am Freitag steht fest: Das Felssturzvolumen beträgt etwa 13.800 Kubikmeter. Die Ausbruchsnische ist rund 100 Meter hoch und 40 Meter breit. Die Abbruchfläche umfasst etwa 4.000 Quadratmeter, ist ungefähr 80 Grad steil und liegt auf rund 2.800 Metern über Normalnull beziehungsweise über dem Meeresspiegel.
Der Berg kam nicht auf einmal ins Rutschen
Seismische Daten zeigen, dass der Hauptabbruch um 6:57 Uhr erfolgte. Zuvor hatte es bereits mehrere kleinere Abbrüche gegeben. Im weiteren Tagesverlauf folgten zahlreiche fortschreitende kleinere Felsstürze. An der 2.962 Meter hohen Zugspitze war das Geschehen also keineswegs nach einem einzigen lauten Knall vorbei.
Die Abbruchstelle liegt im lokalen Randbereich des Permafrosts im Zugspitzmassiv, genauer gesagt im sogenannten „warmen“ Permafrostbereich der Zugspitz-Nordwand. Dort liegen die Temperaturen zwischen −1 und 0 °C. Im Permafrost bleibt der Untergrund dauerhaft gefroren; Eis in Felsspalten kann beim Auftauen die Stabilität des Gesteins beeinträchtigen.
Ein nahegelegener Kammstollen, wenige hundert Meter von der Abbruchstelle entfernt und auf vergleichbarer Höhe, liefert dazu einen auffälligen Messwert. Dort stieg die Felstemperatur seit 2007 von −1,2 auf −0,7 °C. Das TUM-Team untersucht den Permafrost in diesem Stollen unter ähnlichen Bedingungen.
Wärme kommt mit Verzögerung in den Berg
Laut TUM-Professor Michael Krautblatter erreicht die Sommerwärme erst verzögert mehrere Meter tiefe Gesteinsschichten. Auch an der Abbruchstelle entdeckten die Forscher Eis in den Abrissbereichen. Eine Untersuchung der Ausbruchsnische mit einer Infrarotkamera zeigte zudem, dass sie sehr kühl ist. Die Temperaturdaten werden noch detaillierter ausgewertet.
Nach Einschätzung der Forscher handelt es sich um einen Felssturz im Permafrostbereich. Weitere Untersuchungen sollen klären, wie eng das Ereignis mit den Temperaturen im Berg zusammenhängt – vor allem, wie weit die Sommerwärme in tiefere Gesteinsschichten vorgedrungen ist.
Laura Schmidt von der Umweltforschungsstation Schneefernerhaus hält einen Zusammenhang mit den warmen Sommertemperaturen für naheliegend. Der Sommer war laut dem Bericht der zweitwärmste seit Beginn der Aufzeichnungen vor mehr als 100 Jahren. Nur der Sommer 2003 war noch wärmer. Auch damals wurden mehrere Felsstürze registriert, unter anderem am Matterhorn.
Mehr Steinschlag in den Alpen
Permafrost wirkt normalerweise wie ein natürlicher Kitt: Er hält Klüfte und Böden zusammen und stabilisiert dadurch das Gestein. Taut er auf, können Felspartien instabil werden und häufiger abbrechen. Das Phänomen wird in größeren Höhen alpenweit beobachtet. Schmelzende Gletscher und zunehmender Steinschlag machen zahlreiche Bergsport-Routen gefährlicher oder sogar unpassierbar.
Nach Einschätzung des Instituts für Schnee- und Lawinenforschung in Davos steigen die Temperaturen in den Alpen doppelt so schnell wie im globalen Durchschnitt. Mit den steigenden Temperaturen und dem schwindenden Permafrost nehmen dort auch die Gesteinsabbrüche zu. Eine 2024 in „Earth-Science Reviews“ veröffentlichte Studie nennt zunehmende Sommertemperaturen als Hauptursache für die steigende Steinschlagaktivität in Gebieten, die vom Auftauen des Permafrosts und vom Gletscherschwund betroffen sind.
Die TUM will zeitnah einen Laserscanner einrichten. Er soll die bis zu vier Kilometer breite Nordwand überwachen und vor weiteren Felsstürzen warnen. Zusätzlich werden weitere seismische Messungen, Drohnenaufnahmen und Temperaturdaten ausgewertet. So soll sich die weitere Entwicklung des betroffenen Bereichs der Zugspitz-Nordwand besser einschätzen lassen.
Wenn Wasser in Fels und Eis gelangt
Der Blick auf die Zugspitze passt in ein größeres Bild. Permafrost kann auch die Häufigkeit von Murgängen und Felsstürzen beeinflussen. Erwärmen sich Blockgletscher und Felswände, kann mehr Wasser in sie eindringen.
Bei Blockgletschern führt das zu schnellerer Bewegung und dazu, dass mehr Material in Bachgerinnen transportiert wird. Damit steigt die Gefahr von Murgängen. In Felswänden verändert Wasser die Eigenschaften des Gesteins, verringert die Reibung und erhöht den Wasserdruck in den Felsklüften. Die Hänge werden geschwächt und können sich bewegen; im Extremfall entsteht ein Bergsturz.
Die Verantwortlichen arbeiten deshalb eng mit den Sicherheitsverantwortlichen der Kantone zusammen und teilen ihre Erkenntnisse mit ihnen. An der Zugspitze laufen die Messungen weiter – oben an der Wand, im Stollen darunter und aus der Luft.
