Smartwatch-EKGs machen Herzrhythmusstörungen sichtbar, wenn sie auftreten
Am Universitätsklinikum Bielefeld begann eine Untersuchung, die heute bis nach Bad Oeynhausen nachwirkt: Der Kardiologe Dennis Lawin ließ 58 Patientinnen und Patienten nach einer Katheterbehandlung ihren Herzrhythmus sechs Monate lang dreimal täglich per Smartphone-App aufzeichnen. Rund 22.000 Analysen kamen dabei zusammen. Sie entdeckten mehr Herzrhythmusstörungen als einzelne Kontroll-EKGs.
Lawin behandelte diese Arbeit in seiner Habilitation an der Universität Bielefeld. Der Titel: „Die Behandlung von Vorhofflimmern im Kontext einer individualisierten und digitalen Medizin“. Seit Januar führt er gemeinsam mit Benjamin Buck die frühere Praxis Hüting an der Bahnhofstraße in Bad Oeynhausen. Dort ist der Alltag weniger von spektakulären Eingriffen geprägt, als man bei einem Herzspezialisten vielleicht denkt: Blutdruck, Cholesterin und Vorsorge stehen häufiger auf dem Plan.
Wenn das Herz gerade dann stolpert, wenn niemand zuhört
Herzrhythmusstörungen halten sich selten an Sprechzeiten. Sie treten oft abends, am Wochenende oder unterwegs auf – und sind bei einer späteren Untersuchung, manchmal sogar bei einem Langzeit-EKG, nicht mehr nachweisbar. Eine Smartwatch mit EKG-Funktion kann dann Daten liefern, während die Beschwerden tatsächlich auftreten. Eine ärztliche Untersuchung ersetzt sie trotzdem nicht.
Genau hier liegt für Lawin der praktische Wert digitaler Aufzeichnungen. Die Übertragung in die Patientenakte ist bislang allerdings umständlich: Häufig drucken Patientinnen und Patienten ihre Messungen aus und lassen sie in der Praxis einscannen. Das Bad Oeynhausener Start-up Novadocs, gegründet von Christian Flottmann und Stephan Garl, hat dafür die Anwendung „Smartcor“ entwickelt. Darüber können Smartwatch-EKGs datenschutzkonform an medizinisches Fachpersonal übermittelt werden.
Lawin steht mit dem Unternehmen im Austausch und nutzt solche Aufzeichnungen, wenn sie für Therapieentscheidungen relevant sind. Bezahlen müssen die Patientinnen und Patienten die Smartwatch in der Regel selbst. Auch die ärztliche Auswertung wird laut Lawin nicht angemessen vergütet – ein kleiner digitaler Fortschritt, der im analogen Abrechnungssystem schnell wieder stecken bleibt.
Katheter statt langem Abwarten
Neben den App-Daten untersuchte Lawin Katheterablationen. Dabei werden betroffene Herzgewebebereiche gezielt mit Hitze oder Kälte behandelt. Er prüfte unter anderem, wie sicher der Eingriff bei über 80-Jährigen ist und wann der geeignete Zeitpunkt für eine Behandlung gekommen ist. Seine Einschätzung: Eine frühe Katheterablation ist erfolgreicher, als länger abzuwarten.
Bis Ende des vergangenen Jahres führte Lawin solche Eingriffe selbst durch. Inzwischen behandelt er in der eigenen Praxis gemeinsam mit Benjamin Buck etwa 2.500 Patientinnen und Patienten pro Quartal. Für Routinetermine beträgt die Wartezeit sechs bis sieben Monate. Menschen kommen nicht nur aus Bad Oeynhausen, sondern auch aus Minden und Bückeburg sowie aus weiter entfernten Orten.
Die Praxis nimmt weiterhin neue Patienten auf. Gleichzeitig steht sie zwischen hohem Termindruck und dem Anspruch, gründlich zu untersuchen. Lawin kritisiert die geringe Zahl kardiologischer Kassensitze und die bestehende Bedarfsplanung. Viel Herz, wenig Zeit – das ist im Praxisalltag keine besonders gemütliche Kombination.
Vom Herz- und Diabeteszentrum in die eigene Praxis
Lawin wuchs in Bad Oeynhausen auf und absolvierte seinen Zivildienst am Herz- und Diabeteszentrum. Ursprünglich wollte er Herzchirurg werden. Weil sich die Katheterverfahren weiterentwickelten, entschied er sich schließlich für die Kardiologie. Er promovierte in Aachen und arbeitete später am Universitätsklinikum Bielefeld, wo er neben dem Klinikdienst lehrte und forschte.
Seine akademischen Qualifikationen bringen ihm in der eigenen Praxis nach eigener Aussage keinen unmittelbaren Vorteil. Eine Professur strebt er nicht mehr an. Studierende möchte er trotzdem als Privatdozent ausbilden, EKG-Kurse geben und Prüfungen abnehmen. Dafür nimmt er sich teilweise Urlaub; im März sind beispielsweise drei Lehrtage während einer Urlaubswoche geplant. Ein etwas ungewöhnlicher Kalender, aber einer, den Lawin offenbar bewusst so führt.
Die Lust auf Forschung führt er unter anderem auf einen früheren Chemielehrer zurück, der ihn zu „Jugend forscht“ brachte. Aus dem Schülerprojekt wurde kein kurzer Ausflug, sondern ein beruflicher roter Faden: messen, vergleichen, nachfragen – und sich nicht damit zufriedengeben, wenn ein Problem nur ungefähr erklärt ist.
Mehr Vorsorge, weniger Notfälle
In die Praxis wechselte Lawin auch wegen größerer Selbstbestimmung und mehr Familienzeit. Die Arbeit ist nun planbarer, auch wenn die langen Wartelisten und die vielen Patientenkontakte ihre eigene Belastung mitbringen. Akute Eingriffe sind seltener geworden. Dafür geht es um die Dinge, die oft unspektakulär wirken und später entscheidend sein können: Blutdruck, Cholesterin und Vorsorge.
Lawin setzt sich für mehr Prävention in Schulen und Betrieben ein. Herzinfarkte sollten möglichst verhindert werden, bevor Rettungswagen, Katheterlabor und Klinikaufenthalt überhaupt nötig werden. Forschung, Behandlung und Vorbeugung betrachtet er als zusammengehörige Bereiche – manchmal beginnt die moderne Kardiologie eben nicht am Behandlungstisch, sondern bei einer Messung am Handgelenk, einem Gespräch über Blutdruck oder einem EKG-Kurs für Studierende.
