Drachensteigen in Bonn: Zwischen Windglück, Bruchlandungen und Sicherheitsregeln
Im Meßdorfer Feld in Bonn haben Thorsten und Lilien Esposto Voigt erstmals gemeinsam einen Drachen steigen lassen. Lilien hatte zuvor noch nie eine Schnur in der Hand gehalten, an deren Ende ein Drachen hing. Ihr Meerjungfrau-Drachen flog zunächst problemlos, dann kam eine starke Windböe – und schon lag er auf dem Feld. Bruchlandung, ja. Enttäuschung, nein: Lilien war trotzdem zufrieden.
Thorsten musste dabei an frühere Flüge denken, an einen selbst gebauten Drachen aus Holz und Seidenpapier. Damals war offenbar noch mehr Bastelarbeit im Spiel. Heute reicht oft ein Griff ins Regal oder eine Bestellung im Internet. Wobei das Wetter weiterhin das letzte Wort hat.
Zwischen Kastanienbaum und Meerjungfrau
Gabriel Strusch ließ mit seiner Tochter Mara zwei Drachen steigen. Einer davon machte sich selbstständig, riss sich los und verfing sich in einem Kastanienbaum. Strusch findet Lenkdrachen für Kinder anspruchsvoller, weil beide Schnüre gleichzeitig bedient werden müssen. Einleiner sind da meist der entspanntere Einstieg: Sie müssen nicht gelenkt werden.
Entscheidend ist ohnehin der Wind. Eine gleichmäßige Brise eignet sich am besten; extrem stürmischer Wind taugt nicht. Andreas Günster bekam einen großen Fisch-Drachen geschenkt, hatte damit bislang aber noch keinen Erfolg, weil der Wind fehlte. Das Warten auf passende Bedingungen brauche Geduld, sagt Günster – und ein Erfolg sei eben nicht garantiert. Viele Kinder in der Rheinaue schauten deshalb ihren Eltern beim Hantieren zu, anstatt selbst loszulegen.
In der Rheinaue sind deutlich mehr Drachen zu sehen als im Meßdorfer Feld. Nahe dem Parkrestaurant schweben große Schmetterlinge, Kobras und Segelflieger durch die Luft. Eine Familie aus Köln erzählte, dass sie bei Ausflügen ans Meer regelmäßig einen Drachen dabeihat. Der Wind dort ist offenbar nicht nur für die Frisur zuständig.
Was es in Bonn zu kaufen gibt
Wer nicht selbst bauen möchte, findet bei Ludus Spielwaren in der Friedrichstraße fertige Drachen in verschiedenen Schwierigkeitsstufen. Die Preise beginnen bei 13 Euro. Im Angebot sind unter anderem kleine Einleiner für Kinder und der mehr als zwei Meter große „Spiderkite Amigo 2.05“. Online gibt es außerdem Bausets zum Selbstbauen, teilweise für weniger als zehn Euro.
Bei Lenkdrachen nennen Hersteller häufig ein empfohlenes Mindestalter von sechs bis acht Jahren. Vor dem Kauf lohnt ein Blick auf die vorgesehene Windstärke und auf das Umfeld des geplanten Flugplatzes. Größe und Zugkraft sollten zum Kind passen – gerade Lenkdrachen können ordentlich an der Schnur ziehen.
Freie Fläche, Abstand und ein Blick zum Himmel
Drachensteigen ist im Herbst beliebt, kann aber an Stromleitungen, Straßen, Gewässern, Gewittern und dem Luftverkehr schnell gefährlich werden. In Deutschland gelten dafür unter anderem die Regelungen der Luftverkehrs-Ordnung, kurz LuftVO. Ohne besondere Erlaubnis darf ein Drachen grundsätzlich nur mit einem Halteseil von höchstens 100 Metern betrieben werden. Für längere Seile braucht es eine Genehmigung der zuständigen Luftfahrtbehörde.
Innerhalb von 1,5 Kilometern Entfernung zur Begrenzung eines Flugplatzes ist Drachensteigen grundsätzlich verboten; Ausnahmen kann die Luftfahrtbehörde zulassen. Vor dem Start sollte deshalb geprüft werden, ob sich ein Flugplatz, Flughafen oder eine Flugverkehrseinrichtung in der Nähe befindet. Wer unsicher ist, kann bei der örtlichen Luftfahrtbehörde nachfragen.
Am besten geeignet sind große, übersichtliche und freie Flächen. Straßen und deren unmittelbare Umgebung, Bahnstrecken, Hochspannungsleitungen, dicht bebaute Bereiche, stark frequentierte Plätze, Flughafennähe sowie Gegenden mit vielen Bäumen oder anderen Hindernissen gehören nicht dazu. Ein abstürzender oder davonfliegender Drachen kann Menschen erschrecken oder gefährden. Und wer einer davongeflogenen Schnur hinterherläuft, sollte niemals auf die Straße folgen.
Freileitungen sind besonders heikel: Über die Schnur oder den Drachen kann Strom auf die Person übergehen und lebensgefährliche Stromschläge verursachen. Metallschnüre und andere leitfähige Materialien verschärfen das Risiko. Landet ein Drachen in einer Stromleitung, gilt: nicht zur Schnur oder zum Drachen gehen, ihn keinesfalls selbst entfernen und Abstand halten. Bei Bedarf wird der Netzbetreiber verständigt, bei akuter Gefahr der Notruf. Eine Schnur, die eine Stromleitung berührt, darf nicht angefasst werden.
Wenn der Wind plötzlich kippt
Bei aufziehendem Gewitter muss der Drachen sofort eingeholt werden. Nicht erst warten, bis irgendwo ein Blitz einschlägt. Auch bei starkem Wind sollte Schluss sein: Böen können den Drachen unkontrollierbar machen und Kinder aus dem Gleichgewicht bringen. Kinder sollten beim Drachensteigen nicht allein gelassen werden; beim Start und bei starkem Wind ist Aufsicht besonders wichtig.
Rückwärts laufen und dabei ausschließlich nach oben schauen? Bitte nicht. Löcher, Zäune oder Straßen verschwinden sonst leicht aus dem Blickfeld. Vor dem Loslaufen helfen ein Wettercheck, eine große freie Fläche, Abstand zu Stromleitungen, Straßen und Bahnstrecken sowie genügend Abstand zu Flugplätzen. Das Halteseil bleibt bei maximal 100 Metern. Klingt nach viel, ist aber schneller geprüft als ein Drachen aus einem Baum gefischt.
Vom alten Flugobjekt zum Kinderspielzeug
Woher Drachen ursprünglich stammen, ist nicht eindeutig geklärt. Hinweise deuten auf eine Erfindung im 6. Jahrhundert v. Chr. hin; die erste historische Erwähnung als Flugobjekt stammt aus China im 5. Jahrhundert v. Chr. Funde in Indonesien lassen sogar vermuten, dass Drachen noch älter sein könnten.
Die Römer verwendeten bei besonderen Anlässen bunt verzierte Windsäcke. Im 16. Jahrhundert gelangten Drachen über niederländische, portugiesische und englische Händler nach Europa. Anfang des 18. Jahrhunderts waren sie im westlichen Raum als Kinderspielzeug verbreitet. Heute stehen sie im Meßdorfer Feld und in der Rheinaue, zwischen Meerjungfrau, Fisch und Kobra.
Physikalisch nutzt ein Drachen den Wind zur Erzeugung von Auftrieb, indem er die Luft über seine Segelfläche leitet. Kastendrachen richten sich mithilfe ihrer senkrechten Flächen in die Richtung des geringsten Widerstands aus. Flachdrachen leiten die Luft von der Mitte nach außen und verändern ihre Form unter dem Winddruck. Ein angewinkeltes Quergestänge unterstützt bei geringer Windgeschwindigkeit eine stabile Fluglage.
Und dann ist da noch die Schnur, die Mara im Kastanienbaum zurückließ, der Fisch-Drachen ohne genügend Wind und Lilien, die trotz Bruchlandung weiter zufrieden auf dem Feld stand. Der Himmel über Bonn ist manchmal eben eine Geduldsprobe.
