Uni Bonn, 24. Oktober 2026. René Fahr spricht über Nachhaltigkeit nicht als freundliche Beilage zum Universitätsalltag, sondern als Verantwortung: gegenüber der Gesellschaft und gegenüber den ökologischen Grenzen des Wirtschaftens. Der Wirtschaftswissenschaftler ist Vizepräsident für Transfer und Nachhaltigkeit der Universität Paderborn. Dort sollen Führungskräfte ausgebildet werden, die Unternehmen innerhalb dieser Grenzen führen können. Ingenieurwissenschaften und naturwissenschaftliche Forschung sollen zugleich ihren Beitrag zur ökologischen Nachhaltigkeit leisten.

Der Druck wächst. Fahr verweist auf mehrere Tausend Hitzetote allein im Sommer – eine Zahl, die das Thema aus der abstrakten Ferne holt. Studierende sieht er als künftige Verantwortungsträger und als Hoffnung für den Erhalt einer lebenswerten Welt. Erstsemester eingeschlossen, selbstverständlich.

Vom Taschenaschenbecher bis zur Abwärme

Wie Veränderung im Kleinen beginnen kann, zeigt ein Forschungsprojekt zu nachhaltigen Kulturveranstaltungen rund um das Asta-Sommerfestival. Dort kommen unter anderem Taschenaschenbecher zum Einsatz. Das wirkt zunächst unspektakulär, soll aber Veränderungsprozesse anstoßen. Nachhaltigkeit ist eben nicht immer die große neue Anlage, manchmal steckt sie in der Hosentasche.

Auch im Universitätsalltag gibt es solche Ansätze. Der Strom der Universität ist zu 100 Prozent regenerativ zertifiziert. 2025 kam der Hochleistungsrechner Otus als Ergänzung zum Supercomputer Noctua 2 hinzu. Die Abwärme der Rechneranlage soll über das Wärmenetz in die Universitätsgebäude geleitet werden. Und im Sekretariatsnetzwerk werden Materialbestände der Lehrstühle in einer Excel-Liste erfasst. So sollen Überbestellungen vermieden werden – etwa bei Briefumschlägen, die wegen Mindestbestellmengen gern einmal in Mengen herumliegen, die niemand braucht.

Die Entwicklung der universitären Nachhaltigkeitsstrategie begann 2023. Auslöser waren unter anderem Nachhaltigkeitsanforderungen für größere Unternehmen, die zunächst auf Universitäten ausgeweitet und später abgeschwächt wurden. Paderborn nahm den Prozess trotzdem zum Anlass, eine an großen Kapitalunternehmen orientierte Nachhaltigkeitsstrategie zu entwickeln.

Hier könnte Ihr Advertorial stehen
Ein Advertorial bietet Unternehmen die Möglichkeit, ihre Botschaft direkt im redaktionellen Umfeld zu platzieren

Parallel entstanden eine Nachhaltigkeitsinitiative im akademischen Mittelbau, studentische Initiativen, ein Nachhaltigkeitsreferat im AStA und der Studiengang „Nachhaltige Chemie“ am Department Chemie. Die Strategie soll ein einheitliches Nachhaltigkeitsverständnis schaffen und verhindern, dass voneinander unabhängige Einzelmaßnahmen nebeneinander herlaufen.

Green.OWL als regionaler Werkzeugkasten

Gemeinsam mit dem Paderborner Fraunhofer-Institut IEM, der Ostwestfalen-Lippe GmbH und etwa 40 weiteren Partnern startete die Universität den „Masterplan Green.OWL“. Green.OWL verbindet ökologische Tragfähigkeit mit wirtschaftlicher Innovationskraft. Die Region soll ihre Zukunft verantwortungsbewusst, gemeinsam und im Dialog gestalten.

Der Masterplan ist dabei gemeinsamer Handlungsrahmen, Steuerungsinstrument, Werkzeugkasten und Lernplattform zugleich. Grundlage bilden eine umfassende Bestandsaufnahme, eine zukunftsgerichtete Potenzialanalyse der Universität Paderborn sowie die Einbindung zahlreicher regionaler Akteur:innen. Für die Bestandsaufnahme wurden statistische Daten, Studien, regionale Nachhaltigkeitsprojekte sowie kommunale und unternehmerische Nachhaltigkeitsaktivitäten ausgewertet. Zusätzlich führten die Beteiligten Interviews mit Expert:innen aus Unternehmen; Unternehmensdaten wurden mithilfe Künstlicher Intelligenz erfasst.

In der Potenzialanalyse entstanden nach der Foresight-Methode verschiedene Szenarien. Bei einem Workshop dienten sie als Denkwerkzeuge, um regionale Handlungsmöglichkeiten zu entwickeln. Die Ergebnisse flossen in eine SWOT-Analyse, in die Entwicklung von Transformationsfeldern und in Empfehlungen ein. Zu diesen Transformationsfeldern gab es Workshops und Interviews mit rund 100 Expert:innen aus der Region und darüber hinaus. Gesucht wurden Herausforderungen, Handlungsempfehlungen für verschiedene Akteur:innen und Ansätze für Leitprojekte.

Der Plan orientiert sich unter anderem an Transformationsplänen niederländischer Städte und Regionen. Seine Handlungsfelder reichen von Energie und Mobilität über Bildung für nachhaltige Entwicklung bis zur Kreislaufwirtschaft.

Auf dem Campus nimmt Fahr bislang noch keine deutlich stärkere Klimawahrnehmung wahr. Er hofft aber auf wachsendes Bewusstsein. Seit 2010 unterrichtet er im Bachelor die Veranstaltung „Sustainability: Nachhaltiges Management knapper Ressourcen“. Dabei verwendet er weiterhin ein englischsprachiges Lehrbuch von 2007 über den Zustand der Biosphäre. Ein altes Buch, ja – aber offenbar keines, dessen Fragen sich erledigt hätten.

Nachhaltigkeit als Teil des Studiums

Nach Fahr könnten nachhaltig ausgerichtete Unternehmen resilienter werden. Nachhaltigkeit sei deshalb kein bloßer Kostenfaktor, sondern eine Notwendigkeit. Die Universität Paderborn sieht er im Strategieprozess als Vorreiter. Als Beispiele nennt er die Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde und die Universität Lüneburg mit ihrer Fakultät Nachhaltigkeit. Einen vergleichbar großen und strukturierten, an Kapitalunternehmen orientierten Prozess kenne er an keiner anderen Hochschule.

Die Universität versteht sich als Multiplikatorin. Daraus leitet sie eine besondere Verantwortung und eine mögliche Vorbildfunktion für andere Hochschulen ab. Das Studierendenparlament beschloss, dass alle Studierenden in Lehrveranstaltungen einen Nachhaltigkeitsbezug erhalten sollen – unabhängig vom Studienfach.

In den Wirtschaftswissenschaften wurden fünf Professuren mit unterschiedlichen Nachhaltigkeitsschwerpunkten eingerichtet. Dazu gehören Leadership und Management, nachhaltiges Berichtswesen, Volkswirtschaftslehre mit Nachhaltigkeitsbezug sowie Bildung für nachhaltige Entwicklung in der Wirtschaftspädagogik. Studierende sollen dadurch Wissen und praktische Werkzeuge für Nachhaltigkeit erhalten.

Niemand muss diesen Weg wählen: Nachhaltigkeit ist in den Wirtschaftswissenschaften ein freiwilliger Schwerpunktbereich. Für Beschäftigte wurde 2023 außerdem ein Nachhaltigkeitsbüro mit dem Sachgebiet „Nachhaltige Infrastruktur“ eingerichtet. Dort befasst sich eine zusätzliche Person unter anderem mit Landes- und Bundesvorgaben und entlastet die Beschäftigten.

Wirtschaft, Ethik und die Grenzen des Einzelnen

Fahr beschäftigt sich in Lehre und Forschung mit Zukunfts- und Szenario-Management sowie mit Ethik. Neben Wirtschaftswissenschaften studierte er Philosophie und Germanistik. Seine Professur für Corporate Governance war 2008 erst die zweite entsprechende Professur in Deutschland. Zur Unternehmensführung zählt für ihn deshalb auch Verantwortung – und der angemessene Umgang mit der Leitung von Kapitalgesellschaften.

In der Wirtschaftsethik kooperierte er mit einer Theologischen Fakultät, damit Wirtschaftsstudierende ethische Fragen reflektieren können. Nachhaltigkeit betrifft für Fahr nicht nur Energieverbrauch und Emissionen, sondern ebenso Ressourcenverantwortung, Lieferketten, Menschenrechte und Arbeitsverhältnisse.

Beim menschengemachten Klimawandel verweist Fahr auf die umfangreiche internationale Zusammenarbeit und Forschungsbasis der Klimawissenschaft sowie auf den IPCC. Wissenschaft könne Fehler machen, Theorien könnten widerlegt werden. Beim Klimawandel gebe es jedoch eine nicht mehr zu leugnende Faktenlage.

Dann kommt das „Paradoxon der Nachhaltigkeit“: Einzelpersonen, Unternehmen, Nationen oder Volkswirtschaften können allein nicht vollständig nachhaltig sein. Ob jemand SUV fährt oder unnötig heizt, entscheidet für die globalen Nachhaltigkeitsziele nicht im Alleingang. Trotzdem kann individuelles Verhalten Teil eines größeren Prozesses werden – besonders dort, wo Universitäten als Multiplikatorinnen wirken. Nachhaltiges Verhalten ist für Fahr deshalb eng mit Demut verbunden. unerquicklich? Nein, eher nüchtern: Niemand rettet die Welt allein, aber niemand steht völlig außerhalb der Geschichte.