Religiöse Pluralität als Herausforderung für die katholische Theologie in Essen
Am 5.11.2026 beginnt religiöse Vielfalt in Essen nicht erst im Seminarraum. Zwischen Essener Hauptbahnhof und Universität begegnen ihr Passant:innen auf Schritt und Tritt: in Kleidung, Beschriftungen, Gebäuden und Informationsangeboten. Wer diese Strecke geht, sieht kein einheitliches religiöses Bild, sondern viele Bezüge – und dazwischen Menschen, für die Religion überhaupt keine Rolle spielt.
Das religiöse Feld in Deutschland, besonders in der Metropolregion Rhein-Ruhr, verändert sich schneller, als Institutionen es erforschen können. In den vergangenen Jahrzehnten hat die religiöse Pluralität durch gesellschaftliche und religionsinterne Transformationsprozesse deutlich zugenommen. Gleichzeitig wächst die Zahl jener, denen religiöse Themen keinerlei Bedeutung haben. Die Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung KMU 6 belegt diese Entwicklung. Nach Stefan Walser interessieren sich manche dieser Menschen nicht einmal für ihre eigene religiöse Gleichgültigkeit; sie nehmen am „religiösen Feld“ gar nicht teil.
Ein konfessionelles Institut in einer pluralen Gesellschaft
Damit gerät schon die Vorstellung eines allgemein-gesellschaftlichen religiösen Feldes ins Wanken. Die Bedeutung von Religion wandelt sich grundlegend. Am Institut für Katholische Theologie der Universität Duisburg-Essen bleibt die Ausbildung dennoch konfessionsgebunden: Überwiegend katholische Studierende lernen bei katholischen Dozierenden katholische Religionslehre. Das steht in einem Spannungsverhältnis zu jener pluralen Gesellschaft, in der die Studierenden später arbeiten werden – in Schulen, Gemeinden und anderen Berufsfeldern.
Für die Professionalisierung von Lehrenden und Studierenden entstehen daraus anspruchsvolle Aufgaben. Das Institut veranstaltete deshalb zwei Forschungskolloquien zur religiösen Pluralität. Zunächst ging es um mögliche Kategorien religiöser Pluralität im Ruhrgebiet, anschließend um deren Bedeutung für die eigenen theologischen Disziplinen. Beteiligt sind die Alttestamentliche und Neutestamentliche Exegese, die Historische und die Systematische Theologie sowie die Religionspädagogik.
In der Alttestamentlichen Exegese steht die Bibel selbst als vielstimmiger Gesprächsraum im Mittelpunkt. Das Alte Testament stellt unterschiedliche Weltdeutungen dar und diskutiert sie. Als kanonische Sammlung bringt es verschiedene Stimmen miteinander in Beziehung. Leser:innen sollen sich in diesen Dialog einordnen und ihn für die eigene Weltdeutung berücksichtigen. Alterität – also das Gegenüber, das Andere – gilt dabei als grundlegender Bestandteil von Identitätsbildung. Exegese kann zeigen, wie biblische Texte Pluralität verarbeiten und wie Leser:innen daraus Handlungsfähigkeit für plural geprägte Situationen gewinnen.
Auch das Neue Testament liefert keine glattgezogene Einheitsmeinung. Die Entscheidung für vier Evangelien setzt unterschiedliche Perspektiven auf die eine Geschichte Jesu von Nazaret voraus; die übrigen neutestamentlichen Schriften setzen wiederum eigene Akzente. Die Texte eröffnen Diskursräume, bieten aber keine durchgehend einheitlichen Lösungen. Im Studium sollen dadurch alternative Welt- und Lebensentwürfe sichtbar werden. Prozess- und dialogorientierte Seminare helfen Studierenden, eigene Positionen auszuhandeln. Sozial- und rezeptionsgeschichtliche Forschung fragt zudem nach kontextabhängigen Konstruktionen – etwa von Paarbeziehungen, Paulus oder dem Messbuch.
Ein Blick in die 2.000-jährige Christentumsgeschichte macht klar, dass Vielfalt keineswegs erst mit der Gegenwart begonnen hat. Menschen lebten, feierten und glaubten in unterschiedlichen Formen. Soziale, religionsgeschichtliche und zeitgeschichtliche Faktoren prägten diese Unterschiede. Historische Theologie kann sie über Periodisierungen und Epochenvergleiche untersuchen, etwa im Anschluss an die Achsenzeittheorie. Die Unterscheidung zwischen ortho-praktischer und vergeistigter Religiosität macht unterschiedliche religiöse Formen innerhalb derselben Epoche sichtbar. Beispiele reichen von der Entwicklungsgeschichte der Sexualität und der Caritas bis zur Wirkungsgeschichte von Metaphern wie „Gotteskindschaft“ oder „Jenseitsbrücke“.
Das Andere als Herausforderung – und als Erkenntnisort
Systematische Theologie beschäftigt sich grundsätzlich mit der Bearbeitung von Pluralität. Sie muss klären, was als christlich, katholisch oder nicht zugehörig gilt. Historisch wurde das Andere häufig abgewehrt. Zugleich lässt sich Alterität innerhalb des christlichen Bezugssystems begründen: Gott erscheint in der Bibel auch in fremden Gestalten, und die Trinität beschreibt Gott als Beziehung bleibender Verschiedenheit. Daraus folgt eine unbequeme, aber fruchtbare Frage: Was, wenn das Andere nicht nur stört, sondern ein Ort von Offenbarung sein kann?
Für die Religionspädagogik ist religiöse Pluralität seit mehr als 20 Jahren eine grundlegende Bedingung religiöser Bildung. Lernende sollen zu einer eigenen Positionierung befähigt werden und andere Perspektiven verstehen und diskutieren können. Dabei geht es nicht nur um Religionen und Konfessionen. Auch unterschiedliche religiöse Stile überschreiten Konfessionsgrenzen. Menschen derselben Konfession können Religion völlig verschieden leben; Angehörige verschiedener Religionen können ähnliche religiöse Stile teilen.
Solche Positionen sollen nicht bloß ordentlich nebeneinandergestellt werden, wie Bücher in einem Regal. Sie sollen argumentativ und teils kontrovers aufeinander bezogen werden. Ziel von Forschung und Lehre ist Differenzkompetenz: religiöse Deutungen erkennen, unterscheiden und für die eigene Positionierung nutzen.
Dafür formulierte das Institut acht Standards für Forschung und Lehre im Umgang mit religiöser Pluralität:
- Pluralität innerhalb der eigenen religiösen Tradition wahrnehmen.
- Ihre existenzielle Relevanz reflektieren.
- Sich zu kritischer Selbstreflexion herausfordern lassen.
- Einen respektvollen Rahmen für die Auseinandersetzung schaffen.
- Ambiguitätstoleranz und positionale Resilienz fördern.
- Verbindendes suchen und Alterität anerkennen.
- Situationsangemessene Handlungsoptionen entwickeln.
- Positionale und alteritätssensible Identitätsbildung ermöglichen.
Die Standards verstehen sich als Diskussionsbeitrag, nicht als fertiges Rezept. Am Institut forschen und lehren Sebastian Eck, Jonas Maria Hoff, Lukas Kipping, Stephan Knops, Hubertus Lutterbach, Hildegard Scherer und Benedict Schöning.
Warum Religion zugleich verschwindet und wieder auftaucht
Der größere gesellschaftliche Rahmen lässt sich mit drei Prozessen beschreiben: Säkularisierung, religiöse Pluralisierung und religiöse Individualisierung. Seit den späten 1960er-Jahren setzt sich nach einer Nachkriegsphase steigender Kirchenbindung die Entkirchlichung fort. Die Mitgliederzahlen der katholischen und evangelischen Kirche sinken, ebenso gemeinschaftliche religiöse Praktiken wie der sonntägliche Gottesdienstbesuch. Konfessionslose bilden inzwischen die größte weltanschauliche Gruppe.
Die Wiedervereinigung verstärkte diese Entwicklung. 1990 waren etwa drei Viertel der Ostdeutschen konfessionslos. In Westdeutschland besteht weiterhin eine „Kultur der Konfessionszugehörigkeit“, während in Ostdeutschland eine „Kultur der Konfessionslosigkeit“ anhält. Diese Ost-West-Unterschiede sind gesellschaftlich und kulturell stärker verankert als Unterschiede zwischen Nord- und Süddeutschland oder zwischen Stadt und Land.
Ganz verschwunden ist Religion deshalb nicht. 2018 waren etwa zwei Drittel der Deutschen Mitglied einer Religionsgemeinschaft; innerhalb dieser Gruppe wuchs der Anteil muslimischer und orthodox-christlicher Angehöriger. Kirchen besitzen trotz des Mitgliederrückgangs eine breite kulturelle Präsenz. Religion bleibt außerdem mit dem Staat verbunden – etwa durch staatlich finanzierte theologische Fakultäten, Kirchenvertreter in Rundfunkbeiräten und Militärseelsorge. Die rechtliche Trennung von Kirche und Staat allein reicht deshalb nicht, um Deutschland als säkulare Gesellschaft zu klassifizieren.
Säkularisierung meint den sozialen Bedeutungsverlust von Religion, nicht zwingend den Endpunkt einer vollständig säkularen Gesellschaft. Forschungen zu Tschechien und Ostdeutschland vermuten einen möglichen unteren Schwellenwert religiöser Zugehörigkeit und Religiosität von etwa 15 bis 20 Prozent. Zugleich bezeichnet sich eine Mehrheit der Deutschen in Befragungen als religiös. Religiöse Menschen leisten insbesondere im Umfeld der Kirchen einen bedeutenden Anteil an gemeinnütziger Arbeit und sozialem Engagement. Kirchliche Sozialarbeit umfasst Alten- und Krankenpflege ebenso wie Kinderbetreuung.
Politisch bleibt das Verhältnis ambivalent. Religiöse Prägungen beeinflussen Entscheidungsträger und ihre Wertvorstellungen, doch 75 Prozent der Deutschen wünschen sich, dass religiöse Verantwortliche sich nicht in Wahlkämpfe oder politische Entscheidungen einmischen. Nur 47 Prozent der evangelischen Kirchenmitglieder sehen die politische Mitwirkung der Kirche als eine ihrer Hauptaufgaben an. Über 80 Prozent der Befragten
