Am Dienstag, 17. November, wird es im Ahnensaal des Perthes-Forums Gotha um 17 Uhr ziemlich weit: bis nach Tjan-Shan, Ostsibirien, ins Amurland und in die Nordpolargebiete. Die Forschungsbibliothek Gotha der Universität Erfurt lädt zum Vortrag „August Petermann und die Kartografie des Russischen Reiches“ ein. Der Eintritt ist frei.

Referent ist der Wissenschaftshistoriker Dr. Erki Tammiksaar von der Estonian University of Life Sciences in Tartu. Er gilt als Kenner der Kartografie der europäischen und russischen Polarregionen des 18. und 19. Jahrhunderts. Wer nicht nach Gotha kommen kann, kann auch digital über den angegebenen Webex-Link teilnehmen.

Ein Netzwerk für ein riesiges Reich

Im Mittelpunkt steht August Petermann (1822–1878), Herausgeber der „Mitteilungen aus Justus Perthes‘ geographischer Anstalt“. Sein Interesse galt unter anderem der Kartografie des Russischen Reiches – und der Frage, wie sich ein derart großes, schwer zugängliches Gebiet überhaupt verlässlich erfassen ließ.

Als die erste Ausgabe der „Mitteilungen“ im Februar 1855 erschien, verfügte Petermann bereits über ein Netzwerk deutscher, französischer und britischer Geografen und Naturforscher. Russisch sprach er selbst allerdings nicht. Deshalb erweiterte er seine Kontakte später nach Russland und stellte in der Gothaer Redaktion einen russischkundigen Mitarbeiter ein.

Ab 1857 bekam Petermanns Arbeit zusätzlichen Rückenwind: Das Verbot, Karten des Militär-Topografischen Depots des Russischen Reiches im Ausland zu verbreiten, wurde aufgehoben. Seit den frühen 1860er-Jahren veröffentlichten die „Mitteilungen“ regelmäßig Kartierungen russischer Regionen. Dazu gehörten der Tjan-Shan, die Nordpolargebiete, Ostsibirien, das Amurland und die Orografie des europäischen Russlands.

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Nach dem Vortrag sind Gespräche mit Dr. Tammiksaar vor ausgewählten Karten Petermanns vorgesehen. Ein Empfang des Freundeskreises der Forschungsbibliothek Gotha e. V. beendet die Veranstaltung – Gelegenheit also, noch ein wenig bei Karten, Fragen und Getränken stehen zu bleiben.

Eine Zeitschrift in vielen Jahrgängen

Das von Petermann herausgegebene Werk trug den vollständigen Titel Mittheilungen aus Justus Perthes’ Geographischer Anstalt über wichtige neue Erforschungen auf dem Gesammtgebiete der Geographie. Die Bände 1–14 erschienen von 1855 bis 1868, die Bände 15–24 von 1869 bis 1878.

Die freie Quellensammlung Wikisource verweist auf eine laut ZDB verfügbare Gesamtausgabe für 1855–1878. Inhaltsverzeichnisse der Bände 1–10 (1855–1864), einschließlich drei Ergänzungsbänden, liegen bei der Thulb Jena und im Internet Archive vor. Für die Bände 11–20 (1865–1874), mit fünf Ergänzungsbänden, gibt es sie im Internet Archive; ebenso für die Bände 21–30 (1875–1884) mit acht Ergänzungsbänden, die Bände 31–40 (1885–1894) mit neun Ergänzungsbänden sowie die Bände 41–50 (1895–1904) mit drei Ergänzungsbänden.

Auch die einzelnen frühen Bände sind an verschiedenen Stellen digital auffindbar:

Band Jahr Genannte Fundstellen
Bd. 1 1855 Internet Archive, Google, Thulb Jena
Bd. 2 1856 Internet Archive, Google, Thulb Jena
Bd. 3 1857 Internet Archive, Google
Bd. 4 1858 Internet Archive, Google
Bd. 5 1859 Internet Archive, Google
Bd. 6 1860 Internet Archive, Google
Bd. 7 1861 Internet Archive, Google
Bd. 8 1862 Internet Archive, Google
Bd. 9 1863 Internet Archive, Google
Bd. 10 1864 Internet Archive, Google
Bd. 11 1865 Internet Archive, Google
Bd. 12 1866 Internet Archive, Google
Bd. 13 1867 Google
Bd. 14 1868 Internet Archive, Google
Bd. 15 1869 Internet Archive, Google
Bd. 16 1870 Internet Archive, Google
Bd. 17 1871 Internet Archive, Google
Bd. 18 1872 Internet Archive, Google-USA
Bd. 19 1873 Internet Archive, Google
Bd. 20 1874 Internet Archive, Google-USA
Bd. 21 1875 Internet Archive, Google-USA
Bd. 22 1876 Internet Archive, Google-USA
Bd. 23 1877 Michigan
Bd. 24 1878 Internet Archive, Google-USA

Eine weitere Hilfe ist Richard Bliss’ Classified index to the maps in Petermann’s Geographische Mittheilungen. 1855–1881, erschienen 1884 in Cambridge, Massachusetts, und verfügbar im Internet Archive.

Von Sandzeichnungen bis Google Earth

Die Geschichte der Kartografie beschäftigt sich nicht nur mit alten Landkarten. Sie untersucht technische Verfahren der Kartenherstellung und -reproduktion, kartografische Zeichensprache, Gestaltung, Projektionen und Nutzung, Biografien von Kartografen, kartografische Schulen, Ausbildungstraditionen, Institutionen und Organisationen, die Entstehung von Kartensammlungen sowie die Erfassung und Dokumentation kartografischer Literatur.

Das Fach ist eng mit Wissenschaftsgeschichte, Historischer Geographie, Entdeckungs-, Kultur- und Kunstgeschichte verbunden, außerdem mit Polygrafie, Buch-, Verlags-, Bibliotheks- und Archivwesen, Globenkunde und Vermessungswesen. Heute gilt die Geschichte der Kartografie als eigenständiges Gebiet der historischen Grundwissenschaften und nicht als Teilgebiet der Kartografie. Im weiteren Sinn gehört auch die Kartengeschichte dazu: Sie verfolgt die Entstehung und Entwicklung einzelner Karten und Kartenwerke sowie kartenverwandter Darstellungen wie Globen und Panoramen.

Ganz trennscharf sind Geschichte der Kartografie und Kartengeschichte in der Praxis ohnehin nicht. Sie sind aufeinander angewiesen. Die Historische Geographie wiederum gehört nicht zur Geschichte der Kartografie; sie erschließt aus kartografischen Quellen vergangene Weltbilder und nutzt dafür Forschungsergebnisse der Karten- und Kartografiegeschichte. Untersucht werden sämtliche Zeitalter, Kulturräume, Reproduktions- und Druckverfahren, Kartentypen und die Biografien zahlreicher Kartografen.

Die ersten Karten dürften sehr alt sein – vielleicht eine Zeichnung im Sand, eine mündlich weitergegebene Wegbeschreibung, etwas, das längst verschwunden ist. Solche räumlichen Darstellungen wurden noch im 20. Jahrhundert bei indigenen Australiern dokumentiert. Eine Gravierung auf Mammutelfen