Einssein in Gott: Meister Eckhart und Marguerite Porete im Konflikt mit der Inquisition
In Erfurt ist 2026 ein Buch erschienen, das zwei unbequeme Stimmen des Mittelalters nebeneinanderstellt: Einssein in Gott. Meister Eckhart und Marguerite Porete neu gelesen. Dietmar Mieth und Markus Vinzent verfolgen darin die Denkbewegungen einer französischsprachigen Mystikerin und eines deutschen Theologen, die beide mit der Inquisition in Konflikt gerieten.
Marguerite Porete wurde als „clergesse“, also als Gelehrte, bekannt. Ihr Lehrbuch führte sie schließlich auf den Scheiterhaufen. Meister Eckhart wurde als Magister angeklagt, seine Lehre wurde indiziert. Das neue Buch stellt zentrale Texte beider Autoren systematisch gegenüber und ordnet ihre Prozesse in den historischen Zusammenhang ein.
Zwei Stimmen, eine geistige Konstellation
Im Mittelpunkt stehen das Einssein von Gott und Mensch, die Selbstzurücknahme in einer radikalen Armut des Wissens, Wollens und Habens, die Verbindung von Liebe und innerer Freiheit sowie die Überschreitung institutioneller Grenzen zugunsten eines neuen Menschseins. Mieth und Vinzent erschließen diese Themen anhand der eigenen Worte Poretes und Eckharts. Dabei arbeiten sie Parallelen und eine gemeinsame geistige Konstellation heraus.
Ihr Buch fragt außerdem nach den Folgen dieser Denkansätze für das mittelalterliche Christentum und nach ihrer Fortwirkung bis in die Gegenwart. Poretes Leben und Hinrichtung hat Mieth bereits im historischen Roman Ketzerflammen in Paris von 2023 verarbeitet.
Einssein in Gott ist in der Reihe „Dominikanische Quellen und Zeugnisse“ als Band 33 erschienen. Verlag ist Herder in Freiburg, Erscheinungsjahr 2026. Die Ausgabe umfasst 224 Seiten, kostet 28 Euro und trägt die ISBN 978-3-451-02833-5.
Marguerite Porete und der „Spiegel der einfachen Seelen“
Marguerite Porete wurde um 1250/1260 im Hennegau geboren und am 1. Juni 1310 in Paris getötet. Sie war französischsprachige Mystikerin und Autorin sowie Angehörige der Beginenbewegung. Über ihr Leben ist wenig bekannt. Hinweise im „Spiegel“, unvollständige Prozessakten und Chroniken bilden die wichtigsten Quellen. „Porete“ war wahrscheinlich ein Beiname, kein Familienname; vermutlich stammte sie aus Valenciennes oder der Umgebung und lebte dort.
Ihre ungewöhnlich umfassende Bildung deutet auf eine Herkunft aus der Oberschicht hin. Mittelalterliche Chronisten bezeichneten sie als „clergesse“ und als besonders bewandert in geistlichem Wissen. Weil Frauen keinen Zugang zu den Bildungseinrichtungen hatten, erhielt sie ihre Kenntnisse wahrscheinlich durch Privatunterricht.
Ihr Hauptwerk trägt den Titel Le mirouer des simples ames, „Spiegel der einfachen Seelen“. Der vollständige Titel lautet: „Spiegel der einfachen, zunichtegewordenen Seelen und derer, die einzig im Wunsch und der Sehnsucht nach Liebe verharren“. Das auf Altfranzösisch verfasste Werk handelt von der schrittweisen Befreiung der Seele von allen Abhängigkeiten und ihrem Aufstieg zu Gott. Heute wird es der mystischen Literatur zugerechnet.
Der „Spiegel“ besteht aus 139 lose verbundenen Kapiteln. Kapitel 1 bis 122 bilden den überwiegend theoretischen Hauptteil, die letzten 17 Kapitel enthalten praktische Betrachtungen für „Verirrte“, die den Weg zur Freiheit suchen. Gestaltet ist die Schrift als Gespräch mehrerer allegorischer Figuren: Seele, Liebe beziehungsweise Amour, die mit Gott gleichgesetzt wird, und Verstand beziehungsweise Raison. Liebe und Seele vertreten Poretes Lehre, während der Verstand Zweifel und Gegenargumente äußert. Sehnsucht, Wahrheit, Glaube, Furcht, Hoffnung und der Heilige Geist treten ebenfalls auf; auch die Autorin selbst erscheint als L’Acteur.
Der Dialog ist lebhaft, manchmal leidenschaftlich und dramatisch. Mehrfach werden die Leser direkt angesprochen. Neben Lehrpassagen gibt es lyrische Abschnitte, darunter ein vorangestelltes Gedicht in Form einer Kanzone, das zur Demut aufruft; seine Autorschaft ist unsicher. Porete bezeichnet Gott beziehungsweise die Liebe als eigentlichen Autor des Buches. Richtig verstehen lasse sich der „Spiegel“ nur durch aufmerksames inneres Verstehen, andernfalls drohten Missverständnisse. Zugleich nennt sie die Seele als Verfasserin – passend zu ihrer Lehre vom völligen Einklang der zunichtegewordenen Seele mit Gottes Willen.
Adressiert ist das Werk an bereits „zunichtegewordene“ Seelen ohne eigenständigen Willen und an Menschen, die nach der Aufgabe anderer Wünsche noch nach Liebe verlangen. Porete unterscheidet die „Zugrundegegangenen“, die „Verirrten“ und die „Zunichtegewordenen“. Die Zugrundegegangenen vertrauen auf Tugendwerke, äußere Aktivität sowie Gebote und Verbote. An sie und an die „gewöhnlichen Leute“ richtet sie sich nicht, weil diese den „Spiegel“ ihrer Ansicht nach nicht verstehen können. Zu den Unverständigen zählt sie auch Menschen, die sich vom Alltagsverstand und gängigen Wertungen leiten lassen – ausdrücklich nennt sie Theologen.
Die „Verirrten“ sind lernfähige Menschen, die auf dem Weg der Kontemplation zu Gott streben, ihren Eigenwillen aber noch nicht vollständig aufgegeben haben. Ziel ist der Übergang zum Zustand der „Zunichtegewordenen“. Nur diese Seele ist vollständig frei. Unfreie Seelen sind vom Heil nicht ausgeschlossen; sie erreichen es lediglich auf einem anderen und mühevolleren Weg.
Sieben Stufen und ein gefährlich freier Gedanke
Porete versteht den Aufstieg der Seele als Rückkehr zu ihrem ursprünglichen Zustand bei Gott. Er vollzieht sich in sieben Stufen beziehungsweise „Seinsweisen“. Die ersten fünf müssen jeweils vollendet werden, bevor die sechste erreicht werden kann; die siebte liegt nach dem Tod.
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Auf der ersten Stufe wird die Seele von Gottes Gnade berührt. Sie bemüht sich, Gottes Gebote einzuhalten, und empfindet das als mühsam.
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In der zweiten Stufe befolgt sie zusätzlich die Ratschläge für Gottes besondere Freunde, vor allem Armut, Keuschheit und Gehorsam.
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Die dritte Stufe beginnt, wenn die Seele nichts mehr außer Liebeswerken liebt. Um die innere Abhängigkeit von diesen Werken zu überwinden, gibt sie sie auf und unterwirft sich dem Willen einer anderen Person.
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Auf der vierten Stufe verzichtet sie auf den fremden Willen und auf äußere Übungen. In der Kontemplation erlebt sie die Liebe intensiv. Der Zustand kann jedoch in Selbstbezogenheit und Stillstand führen; noch immer befindet sich die Seele in „harter Knechtschaft“.
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Auf der fünften Stufe stürzt die Seele aus der Liebe in das göttliche Nichts und wird „zunichte“. Sie gibt ihren freien Willen an Gott zurück und erkennt, dass Gott allein Sein ist. Freiheit besteht in der Befreiung vom Eigenwillen; die Seele wird zur Freude und „schwimmt im Meer der Freude“.
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Auf der sechsten Stufe stürzt die Seele aus dem Nichts in die Klarheit Gottes. Wegen ihrer Demut sieht sie sich selbst nicht, wegen Gottes Erhabenheit sieht sie auch Gott nicht als Gegenstand. Gott erkennt sich selbst in der Seele. Die Trennung zwischen Gott und Seele wird hinsichtlich der Erkenntnis aufgehoben. Dieser Zustand tritt nur kurz und blitzartig ein, danach kehrt die Seele auf die fünfte Stufe zurück.
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Die siebte Stufe bezeichnet die ewige Seligkeit nach dem Tod des Körpers. Die Seele erreicht das „Land des Friedens“.
Ausführlich behandelt Porete vor allem die fünfte und sechste Stufe. Im Aufstieg erlebt die Seele drei Todeszustände: den Tod der Sünde beim Empfang des Gnadenlebens, den Tod der Natur beim Übergang zum geistigen Leben und den Tod des Geistes beim Übergang zur fünften Stufe. Dieser Tod des Geistes ist notwendig, weil geistige Begehrlichkeiten dem göttlichen Leben entgegenstehen.
Die freie Seele verabschiedet sich von den Tugenden, wird gleichgültig gegenüber religiösen Übungen und kann nicht mehr sündigen. Sie besitzt die Tugenden weiterhin, setzt sie aber nicht mehr selbst ein; vielmehr gehorchen die Tugenden ihr. Da in ihr allein Gottes Wille wirkt, kann dieser nicht mehr den Forderungen der Tugenden untergeordnet werden.
Zwischen freier Seele und Gott gibt es keine vermittelnde Instanz.
