Mara Albrecht untersucht imperiale Gewaltkontrolle und konfessionelle Konflikte in Belfast und Jerusalem
Am Forschungscampus Gotha der Universität Erfurt gibt es im Oktober 2026 ein Wiedersehen: Dr. Mara Albrecht kehrt für 18 Monate als wissenschaftliche Mitarbeiterin an das Forschungskolleg Transkulturelle Studien / Sammlung Perthes zurück. Ende 2025 war sie dort bereits als Postdoktorandin des Thüringer Ministeriums für Wirtschaft, Wissenschaft und Digitale Gesellschaft tätig.
Ihr neues Projekt trägt den Titel „Städte in Aufruhr: Religion, Polizei und imperiale Gewaltkontrolle in Belfast (1857–1935) und Jerusalem (1920–1948)“. Gefördert wird die Untersuchung von der Fritz Thyssen Stiftung. Albrecht fragt darin, wie imperiale Ordnungskonzepte und -politiken Polizeieinsätze in Belfast und Jerusalem prägten.
Die Stadt als politische Zwischenebene
Im Mittelpunkt steht eine Ebene, die in der Imperiengeschichte bislang eher ein Schattendasein führte: die städtische Mesoebene. Albrecht verbindet Gewalt- und Stadtforschung und nimmt dabei ausdrücklich die Rolle der Religion in den Blick. Belfast ist dafür kein beliebiger Untersuchungsort. Die Stadt war und ist eng mit konfessioneller Trennung, politischer Macht und staatlicher Gewalt verbunden.
Die historischen Linien reichen weit zurück. Ab 1169 eroberten und beherrschten Engländer den Osten Irlands. Nach der „Flucht der Grafen“ 1607 wurden Engländer, Waliser und Schotten in Ulster angesiedelt; viele Iren verloren ihren Landbesitz. Katholische Aufstände scheiterten und führten zu weiterer Entrechtung. Nach dem Sieg Wilhelms III. über Jakob II. am Boyne 1690 wurden 1695 die „Penal Laws“ erlassen. Sie schränkten die katholische Religionsausübung ein, förderten protestantischen Landbesitz und entzogen Katholiken ab 1728 das Wahlrecht. An den Sieg am Boyne erinnern protestantische Oranier-Märsche jährlich am 12. Juli.
Der Wunsch nach irischer Selbstbestimmung wuchs trotzdem. Die 1791 gegründeten „United Irishmen“ strebten ein unabhängiges Irland an, ihre Rebellion von 1798 scheiterte. Das Unionsgesetz von 1800 löste Irland als eigenständigen Staat auf; ab 1801 gehörte die Insel zum Vereinigten Königreich Großbritannien. Im 19. Jahrhundert entstanden nationalistische Bewegungen für die Loslösung von Großbritannien. Die von Charles Stewart Parnell geführte Home-Rule-Bewegung verlangte politische Autonomie. William Gladstone unterstützte Home Rule, scheiterte damit aber 1886 und 1895 im britischen Parlament. Besonders Protestanten in Ulster lehnten eine Autonomie wegen der katholischen Bevölkerungsmehrheit ab. 1905 gründete Arthur Griffith die Partei Sinn Féin.
Beim Osteraufstand 1916 besetzten Irish Volunteers und andere Republikaner Gebäude in Dublin und riefen eine provisorische irische Regierung aus. Britische Truppen schlugen den Aufstand nach fünf Tagen nieder und hingerichteten die Anführer. Die Empörung darüber stärkte Sinn Féin und die Irish Volunteers. Bei der Unterhauswahl 1918 gewann Sinn Féin 80 Prozent der irischen Mandate. Die Abgeordneten nahmen ihre Sitze in Westminster nicht ein, gründeten 1919 den Dáil Éireann und riefen die irische Republik aus. Großbritannien erklärte den Dáil für illegal.
Ebenfalls 1919 wurde die erste IRA als militärischer Arm der Sinn Féin gegründet. Sie griff britische Regierungsgebäude und Vertreter in Nordirland an. Großbritannien gründete die paramilitärischen Black and Tans. Der gegenseitige Terror führte zum Irischen Unabhängigkeitskrieg von 1919 bis 1921.
Teilung, Kontrolle und konfessionelle Grenzen
Der Government of Ireland Act von 1920 sah zwei Home-Rule-Parlamente vor. Sechs der neun Grafschaften Ulsters wurden wegen ihrer überwiegend protestantischen Bevölkerung zu Nordirland. Nationalisten sahen darin eine bewusste Sicherung einer unionistischen Zweidrittelmehrheit; Unionisten verwiesen auf die Wahlergebnisse von 1918 und die damaligen Wahlkreise.
Ab Juli 1921 verhandelte Premierminister David Lloyd George mit der Sinn Féin. Ende 1921 unterzeichneten Lloyd George, Arthur Griffith und Michael Collins den anglo-irischen Vertrag. Der Süden Irlands wurde ein Freistaat innerhalb des British Empire. Eine Grenzkommission sollte den inneririschen Grenzverlauf überprüfen, änderte die bestehende Grenze aber nicht. Der Freistaat wurde 1948 zur Republik Irland. Collins unterstützte bis zum Beginn des Bürgerkriegs 1922 IRA-Einheiten im Norden; danach wurden die Kontakte eingestellt. Die Verfassung von 1937 erhob Anspruch auf die gesamte Insel Irland, der erst 1998 aufgegeben wurde.
Unionistische Politiker verstanden Nordirland als pro-britischen, protestantisch geprägten Staat. Katholiken wurden vielfach als Fremdkörper oder Staatsfeinde betrachtet. 1922 wurden weitreichende Strafgesetze gegen republikanische Aktivitäten beschlossen. Das kommunale Verhältniswahlrecht wurde abgeschafft und durch Mehrheitswahlrecht ersetzt, nicht repräsentative Wahlkreisgrenzen begünstigten unionistische Kandidaten. Weil das Wahlrecht teilweise an Wohneigentum gebunden war, wurden ärmere, häufig katholische Mieter benachteiligt.
In Derry/Londonderry stellte die unionistische Minderheit den Bürgermeister, obwohl Nationalisten den größeren Bevölkerungsanteil hatten. Die Ulster Unionist Party regierte Nordirland von 1921 bis 1972 ohne bedeutende parlamentarische Opposition. Katholiken wurden bei Arbeitsplätzen und der Vergabe von Sozialwohnungen benachteiligt. Getrennte Schulen und die konfessionelle Schulpolitik verstärkten die gesellschaftliche Segregation.
Der Ireland Act von 1949 garantierte Nordirlands Verbleib im Vereinigten Königreich. Während des Zweiten Weltkriegs wuchs die nordirische Wirtschaft zeitweise durch Rüstungsindustrie und Militärstützpunkte. Nach 1945 folgte besonders in Belfast und Derry ein wirtschaftlicher Niedergang, von dem die katholische Bevölkerung besonders betroffen war.
1968/69: Bürgerrechte, Barrikaden und Straßenkämpfe
In den 1950er Jahren führte die IRA die „Border Campaign“ durch, hatte aber wenig Unterstützung. Anfang der 1960er Jahre war sie auf eine kleine, intern gespaltene Gruppe geschrumpft. 1966 wurde die loyalistische, illegale paramilitärische Ulster Volunteer Force, kurz UVF, neu gegründet. Sie begann eine Einschüchterungskampagne gegen Katholiken und verübte mehrere Anschläge und Morde. 1969 tötete die UVF unter anderem John Patrick Scullion, Peter Ward und den Polizisten Victor Arbuckle. Anschläge auf Elektrizitätswerke sollten wie IRA-Aktionen wirken und moderate Unionisten gegen Reformen aufbringen. Premierminister Terence O’Neill trat im April 1969 zurück.
1967 entstand die Northern Ireland Civil Rights Association, 1968 die Studentenorganisation People’s Democracy. Bei einem verbotenen Bürgerrechtsmarsch in Derry am 5. Oktober 1968 griff die RUC etwa 2.000 Demonstranten an; mehr als 100 wurden verletzt. Der Cameron Report dokumentierte Polizeigewalt, blieb aber ohne politische oder juristische Folgen.
O’Neills Reformpläne stießen auf Widerstand unionistischer Hardliner wie William Craig und Ian Paisley. Viele Unionisten sahen die Bürgerrechtsbewegung als Tarnorganisation der IRA, obwohl die IRA selbst zu diesem Zeitpunkt kaum eine Rolle spielte. Wirtschaftlicher Niedergang, geringe Investitionen, Abwanderung und Arbeitslosigkeit verschärften die Lage. Bis zu 4.000 Menschen starben im Konflikt.
Im Januar 1969 wurde ein Marsch der People’s Democracy bei Burntollet von Loyalisten angegriffen; der RUC wurde vorgeworfen, nicht eingegriffen zu haben. In nationalistischen Vierteln von Derry und Belfast entstanden Barrikaden. Am 12. August 1969 stürmten Protestanten den katholischen Stadtteil Bogside in Derry. Es kam zu zweitägigen Straßenschlachten zwischen Katholiken, Protestanten und der RUC.
Nach einem Angriff auf eine Polizeistation setzte die RUC gepanzerte Fahrzeuge mit Maschinengewehren ein. Ein neunjähriger Junge wurde durch einen Querschläger getötet. Loyalisten brannten katholische Straßenzüge nieder, Bewohner wurden auf beiden Seiten vertrieben. Nach zwei Tagen waren acht Tote, 750 Verletzte und 1.505 vertriebene katholische Familien zu verzeichnen.
Premierminister James Chichester-Clark forderte britische Truppen an. Die Armee wurde anfangs von vielen Katholiken als neutraler Schutz begrüßt,
