Forschungszentrum Gotha beleuchtet die Wirkungsgeschichte der „Protokolle der Weisen von Zion“
Am Forschungszentrum Gotha der Universität Erfurt beginnt ein dichtes Wintersemesterprogramm. Heute, am 7. Oktober 2026, lohnt sich der Blick auf die kommenden Termine trotzdem schon: Zwischen Manuskripten, Karten, Globen, Musikgeschichte und kolonialen Wissensordnungen geht es auch um ein Thema, bei dem historische Fälschungen bis in die Gegenwart nachwirken.
Den Auftakt der Online-Reihe „Gotha Manuscript Talks“ macht am 14. Oktober Dr. Ercan Akyol von der Universität Wien. Am 28. Oktober folgt Prof. Dr. Aslıhan Gürbüzel von der McGill University, am 11. November Dr. Stefanie Brinkmann von der Sächsischen Akademie der Wissenschaften zu Leipzig und am 25. November Prof. Dr. Rana Mikati vom College of Charleston. Beginn ist jeweils um 18.15 Uhr. Geleitet wird die Reihe von Dr. Feras Krimsti von der Forschungsbibliothek Gotha in Zusammenarbeit mit Prof. Dr. Konrad Hirschler vom Centre for the Study of Manuscript Cultures der Universität Hamburg.
Von Hexenprozessen bis zu globalen Karten
Am 24. Oktober öffnet die Forschungsbibliothek Gotha im Perthes-Forum unter dem Titel „Weltkugeln“ mit vier Sonderführungen die Türen zu den Globen der Sammlung Perthes. Am Abend stehen außerdem Führungen im Ostflügel und -turm von Schloss Friedenstein auf dem Programm – anlässlich des Tags der Bibliotheken und der 20. Museumsnacht Gotha. Eine Sonderführung am 31. Oktober widmet sich in den Räumen der Forschungsbibliothek dem Thema „Luther und die Liturgie“.
Das Vortragsprogramm des Forschungszentrums Gotha startet am 29. Oktober mit Dr. Kai Lehmann, dem Leiter des Museums Schloss Wilhelmsburg in Schmalkalden. Er spricht über Hexenprozesse und die damit verbundenen medialen Dynamiken. Am 12. November untersucht Prof. Dr. Inga Mai-Groote aus Zürich die „Durchsetzung konfessioneller Zeitordnungen“ durch Musik. Den 10. Dezember bestreitet Dr. Michael Hagemeister aus Bochum mit einem Vortrag über die „Protokolle der Weisen von Zion“, eine frühe globale Verschwörungserzählung.
Im Kolloquium „Intellectual History“ werden daneben Projekte von Stipendiatinnen und Stipendiaten sowie Gastwissenschaftlerinnen und Gastwissenschaftlern diskutiert. Das Forschungskolleg Transkulturelle Studien/Sammlung Perthes setzt sein Wintersemesterprogramm mit den Reihen „Tuesday Talks“ und „Mappings“ fort. Geplant sind unter anderem Vorträge von Dr. Fabian Fechner aus Hagen zu „indigenem Wissen“ und von Prof. Dr. Kirsten Rüther aus Wien zu Bildung und religiöser Kommunikation durch den äthiopischen Radiosender „Radio Voice of the Gospel“.
Die Herzog-Ernst- und Hiob-Ludolf-Fellows beschäftigen sich unter anderem mit der Kolonialität von Karten, dem Geschäftsmodell des Perthes Verlags und ökologischen Veränderungen im atlantischen Regenwald. Bei der „Langen Nacht der Wissenschaften“ der Universität Erfurt spricht Dr. Petra Weigel von der Forschungsbibliothek Gotha am 6. November über „Die Globen der Sammlung Perthes“.
Eine Fälschung mit langer Wirkung
Die „Protokolle der Weisen von Zion“ sind ein antisemitisches Pamphlet. Es schildert angebliche jüdische Pläne zur Weltherrschaft und gibt vor, Aufzeichnungen eines Treffens jüdischer Führer zu sein. In der Forschung gilt der Text als Fiktion ohne Bezug zu realen jüdischen Plänen oder Organisationen – als plagiarisierte Schrift allerdings mit einer Wirkungsgeschichte, die weit über ihre Entstehung hinausreicht.
Immer wieder verbindet der Text drei Komplexe: die Kritik an Liberalismus und Demokratie, die Behauptung einer jüdischen Weltverschwörung und die Vorstellung eines künftigen jüdischen Weltreichs. Juden erscheinen darin als heimliche Kontrolleure von Politik, Finanzwesen, Presse und Freimaurerei. Als angebliche Mittel zur Machtübernahme nennt das Pamphlet die Förderung von Liberalismus, Demokratie und politischen Gegensätzen, die Beseitigung aristokratischer Privilegien und kirchlicher Macht, die Verbreitung widersprüchlicher politischer und philosophischer Lehren sowie künstliche Wirtschaftskrisen, Geldverknappung und Staatsverschuldung.
Auch Neid, Hass, Krieg, Hunger und Seuchen sollen demnach geschürt werden. Zeitungen würden durch scheinbar gegensätzliche Medien kontrolliert, dazu kämen Erpressung, Terror und politische Attentate. Als angebliche Drohung beschreibt der Text sogar die Sprengung von Städten aus Untergrundbahnschächten. Konflikte und politische Erschöpfung sollten die Völker schließlich dazu bringen, einen „König aus dem Blute Zion“ zu akzeptieren.
Das geplante Weltreich wird autoritär gezeichnet: mit Zensur, eingeschränktem Rechtsstaat, abgeschafften politischen Freiheiten und ohne öffentliche Debatten. Nichtjüdische Geheimbünde sollen verboten, die Bevölkerung durch Spitzel überwacht und alle Religionen außer dem Judentum untersagt werden. Bildung, Geschichtsschreibung und Herrscherverehrung wären staatlich gelenkt. Gleichzeitig erscheint der Herrscher als beliebt und fürsorglich – wegen progressiver Besteuerung, staatlicher Kontrolle der Wirtschaft, eines regulierten Geldsystems, eines Alkoholverbots und der Beseitigung von Arbeitslosigkeit. Eine widersprüchliche Mischung, gerade deshalb propagandistisch anschlussfähig.
Der Text greift ältere antisemitische Stereotype auf: Juden als Feinde des Christentums, als Brunnenvergifter und Verursacher von Seuchen, als „reiche Juden“ und jüdische Wucherer sowie als angeblich mit der Freimaurerei verbunden. Klassische Motive wie Ritualmord, Gottesmord oder rassistische Vorstellungen körperlicher Minderwertigkeit fehlen im Haupttext.
Plagiat, Zeitungstext, Propagandawaffe
Die Urheberschaft ist ungeklärt. Genannt wurden der russische Geheimdienstmitarbeiter Pjotr Ratschkowski, dessen Mitarbeiter Matwei Golowinski, Elias von Cyon, die Okkultistin Juliana Glinka und rechtsgerichtete russische Adlige. Norman Cohn datierte die Entstehung auf 1897 oder 1898 und vermutete Paris als Entstehungsort. Henri Rollin sah eine Umarbeitung durch Elias von Cyon und den russischen Geheimdienst. Cesare G. De Michelis datierte die Urfassung auf russische Rechtsradikale in Sankt Petersburg kurz vor 1903. Michael Hagemeister vermutet eine Herstellung oder Überarbeitung durch rechtsgerichtete Kreise in Südrussland.
Ein wesentlicher Teil stammt aus Maurice Jolys Satire „Dialogue aux enfers entre Machiavel et Montesquieu“ von 1864. Etwa 40 Prozent der „Protokolle“ wurden wörtlich aus Jolys Werk übernommen. Joly kritisierte darin die autoritäre Herrschaft Napoleons III.; Juden kommen in seiner Satire nicht vor. Weitere Vorlagen waren Alexandre Dumas’ „Joseph Balsamo“, Eugène Sues „Der ewige Jude“ und „Die Geheimnisse des Volkes“, Hermann Goedsches Roman „Biarritz“ sowie Wilhelm Raabes „Holunderblüte“. Goedsches fiktive Friedhofsszene über eine geheime Versammlung jüdischer Vertreter wurde später als Tatsachenbericht verbreitet und floss in die Legendenbildung ein.
Die erste Fassung von 1903 trug den Titel „Das jüdische Programm zur Welteroberung“. Erst ab 1905 setzte sich „Protokolle der Weisen von Zion“ durch. Anzahl und Einteilung der Abschnitte variierten, Angaben zu Ort, Zeit und Sitzungen ergänzten Herausgeber nachträglich. Erstmals erwähnt wurden die Texte im April 1902 in einer antisemitischen Petersburger Zeitung – zunächst als offensichtliche Fälschung. Die älteste gedruckte Fassung erschien vom 26. August bis 7. September 1903 in neun Folgen in der Zeitung „Snamja“. Herausgeber war Pawel Kruschewan, ein antisemitischer Vertreter der Schwarzen Hundert.
Weltweit verbreitet wurde die Fassung von 1905 in Sergei Nilus’ apokalyptischem Werk „Das Große im Kleinen“. Nilus stellte die „Protokolle“ in einen religiös-apokalyptischen Zusammenhang und verband sie mit der Vorstellung einer „jüdischen Freimaurerei“ und des Antichristen. Bis 1917 erschienen mehrere Ausgaben, eine Auflage erreichte 15.000 Exemplare. In einer Ausgabe von 1917 behauptete Nilus, Theodor Herzl habe die angebliche Rede auf dem Zionistenkongress von
