Porete und Eckhart: Zwei Stimmen der Freiheit in Gott
Ein neues Buch der Universität Erfurt liest Marguerite Porete und Meister Eckhart gemeinsam: Einssein in Gott. Meister Eckhart und Marguerite Porete neu gelesen. Verfasst haben es Dietmar Mieth und Markus Vinzent. Erschienen ist der Band 33 der Reihe „Dominikanische Quellen und Zeugnisse“ 2026 bei Herder in Freiburg.
Auf 224 Seiten, zum Preis von 28 Euro, verfolgen die Autoren zwei bedeutende spirituelle Stimmen des 13. und 14. Jahrhunderts. Die ISBN lautet 978-3-451-02833-5. Erstmals werden zentrale Texte Poretes und Eckharts systematisch zusammengeführt, historisch eingeordnet und anhand ihrer eigenen Worte untersucht. Parallelen werden nicht bloß aufgezählt, sondern interpretiert: Beide entwerfen eine Theologie der Einheit von Gott und Mensch, sprechen von radikalem Selbstverzicht in Wissen, Willen und Besitz und verbinden Liebe mit innerer Freiheit.
Auch die institutionellen Grenzen ihrer Zeit geraten in den Blick. Porete und Eckhart überschritten sie zugunsten einer neuen Weise des Menschseins – mit Folgen. Beide wurden von der Inquisition verfolgt. Marguerite Porete, eine „clergesse“, also Gelehrte, verfasste ein Lehrbuch und wurde auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Meister Eckhart wurde der Häresie beschuldigt; seine Werke wurden auf den Index gesetzt. Mieth und Vinzent beschreiben eine gemeinsame geistige Konstellation, die das mittelalterliche Christentum beeinflusste und bis in die Gegenwart nachwirkt.
Eine Beginenmystikerin gegen die Lehrgewalt
Marguerite Porete, auch Margareta Porète genannt, wurde um 1250/1260 im nordfranzösischen Hennegau geboren und starb am 1. Juni 1310 in Paris. Über ihr Leben ist wenig bekannt. „Porete“ war vermutlich ein Beiname, kein Familienname; wahrscheinlich lebte sie in Valenciennes oder Umgebung. Ihre außergewöhnliche Bildung deutet auf eine Herkunft aus der Oberschicht hin. Frauen standen Bildungseinrichtungen damals nicht offen, daher erhielt sie ihr Wissen wahrscheinlich durch Privatunterricht.
Zeitgenössische Chronisten nannten sie clergesse, eine Gelehrte, die sich im geistlichen Wissen besonders gut auskannte. Zu unbekannter Zeit schloss sie sich der Beginenbewegung an und lebte zumindest zeitweise im Beginenhof Sainte-Élisabeth in Valenciennes. Beginen verbanden karitative, handwerkliche oder schulische Tätigkeiten mit intensivem religiösem Leben; manche lebten in Gemeinschaften. Porete kritisierte bestimmte Regeln und Praktiken als zu starr, blieb der Bewegung aber zugehörig.
Ihr Hauptwerk trägt den Titel Le mirouer des simples ames, auf Deutsch „Spiegel der einfachen Seelen“. Der vollständige Titel lautet: „Spiegel der einfachen, zunichtegewordenen Seelen und derer, die einzig im Wunsch und in der Sehnsucht nach Liebe verharren“. Das Werk entstand wahrscheinlich vor dem Ende des 13. Jahrhunderts; eine weitere Einordnung nennt etwa 1295. Es ist ein Lehrbuch über die Seele, ihr Verhältnis zu Gott und zur Schöpfung sowie ihren Aufstieg zu Gott – als Dialog über Liebesmystik.
Die Seele entwickelt sich darin als „Schülerin der Gottheit“: vom „Tal der Demut“ über die „Ebene der Wahrheit“ zum „Berg der Minne“, der Einheit mit Gott. Der „Spiegel“ beschreibt die schrittweise Befreiung von allen Abhängigkeiten. Auf der höchsten Stufe, der „unité d’Amour“, gelten Tugenden und ethische Maßstäbe als gegenstandslos, weil die mit Gott vereinte Seele an Gottes unendlicher Freiheit teilhat. Als Bezug nennt das Werk ein Pauluswort: „Wo aber der Geist des Herrn ist, da ist Freiheit.“
Kirchliche Behörden werteten diese Lehre als Ausdruck religiöser, sozialer und sexueller Gesetzlosigkeit sowie als Häresie. Der Bischof von Cambrai ließ das Buch öffentlich verbrennen und untersagte seine Verbreitung. Bischof Guy II. von Colmieu, der Cambrai von 1296 bis 1306 leitete, ordnete die Verbrennung in Valenciennes an. Porete verbreitete anschließend eine überarbeitete Fassung, hielt aber an den verurteilten Aussagen fest. Unter anderem legte sie das Werk Jean von Châteauvillain, dem Bischof von Châlons-en-Champagne, vor.
Damit verstieß sie gegen das Verbot, das Exkommunikation und ein Häresieverfahren androhte. Porete berief sich auf drei theologische Stellungnahmen, die dem Werk kirchliche Korrektheit bescheinigt hatten: von einem Franziskaner, einem Zisterzienser und Gottfried von Fontaines, einem an der Sorbonne lehrenden Theologen. Nur eine Stellungnahme war schriftlich überliefert; die beiden anderen fasste Porete selbst zusammen. Ob die Gutachten vor oder nach der Verurteilung durch den Bischof von Cambrai eingeholt wurden, ist in der Forschung umstritten.
139 Kapitel, sieben Stufen und ein gefährlich freier Wille
Der „Spiegel“ wurde auf Altfranzösisch verfasst. Erhalten ist nur eine mittelfranzösische Fassung in einer Handschrift des späten 15. oder frühen 16. Jahrhunderts. Das Werk besteht aus 139 lose verbundenen Kapiteln; der theoretische Hauptteil endet mit Kapitel 122, die letzten 17 Kapitel geben praktische Hinweise für „Verirrte“, die nach dem Weg zur Freiheit suchen.
Die Darstellung ist lebhaft, teilweise dramatisch. Die Seele spricht mit personifizierten Mächten, Tugenden und Gemütszuständen. Hauptfiguren sind die Seele, die Liebe beziehungsweise Amour, die mit Gott gleichgesetzt wird, und der Verstand, Raison. Liebe und Seele vertreten Poretes Lehre, Raison bringt Zweifel und Gegenargumente vor. Dazu kommen Sehnsucht, Wahrheit, Glaube, Furcht, Hoffnung und der Heilige Geist. Auch die Autorin selbst tritt als L’Acteur auf; die Leser werden mehrfach direkt angesprochen. Neben Lehrpassagen gibt es lyrische Abschnitte. Ein vorangestelltes Kanzonen-Gedicht ruft zur Demut auf, wobei seine Zuschreibung an Porete unsicher ist.
Porete bezeichnet Gott beziehungsweise die Liebe als den eigentlichen Autor des Buches. An anderer Stelle nennt sie die Seele als Verfasserin. Das widerspricht sich innerhalb ihrer Lehre nicht: Die zunichtegewordene Seele besitzt keinen eigenen Willen mehr, sondern erfüllt Gottes Willen. Der „Spiegel“ richtet sich an bereits „zunichtegewordene“ Seelen und an Menschen, die noch im Wollen und Begehren der Liebe verharren.
Vier Gruppen religiös orientierter Menschen unterscheidet Porete: die „Zugrundegegangenen“, die „Verirrten“, die „Zunichtegewordenen“ und die gewöhnlichen Leute. Die „Zugrundegegangenen“ verlassen sich auf äußere Tugendwerke und halten Gebote und Verbote ein; an sie und an die gewöhnlichen Leute richtet sich das Buch nicht. Als besonders unverständig beschreibt Porete Menschen, die sich an Alltagsverstand und gängigen Wertungen orientieren – ausdrücklich nennt sie dabei Theologen. „Verirrte“ sind lernfähige Menschen auf dem Weg der Kontemplation, die ihren Wünschen noch nicht vollständig entsagt haben. Der „Spiegel“ soll ihnen helfen, den Eigenwillen aufzugeben und „zunichtezuwerden“.
Der Aufstieg der Seele umfasst sieben Stufen oder „Seinsweisen im edlen Sein“. Die ersten fünf müssen vollständig durchlaufen werden. Die sechste ist der höchste im irdischen Leben erreichbare Zustand, die siebte folgt erst nach dem Tod.
- Erste Stufe: Die Seele wird von Gottes Gnade berührt und bemüht sich, Gottes Gebote einzuhalten.
- Zweite Stufe: Sie folgt zusätzlich den Ratschlägen für Gottes besondere Freunde, insbesondere Armut, Keuschheit und Gehorsam.
- Dritte Stufe: Sie liebt nichts mehr als Liebeswerke, gibt diese aber auf, um nicht von ihnen abhängig zu werden, und unterwirft sich dem Willen einer anderen Person.
- Vierte Stufe: Sie verzichtet auf fremden Willen und äußere Übungen. In der Kontemplation erlebt sie Liebe intensiv, bleibt wegen möglicher Selbstbezogenheit und Stagnation jedoch unfrei.
- Fünfte Stufe: Die Seele stürzt aus der Liebe in das göttliche Nichts und wird „zunichte“. Sie gibt ihren freien Willen an Gott
