Wenn Institutionen Vorurteile weitertragen: Kai Hafez über den banalen Orientalismus
Am 23. Oktober 2026 erscheint an der Universität Erfurt ein Buch, das sich mit einem alten Begriff und seinen modernen Folgen beschäftigt: Die Banalität des Orientalismus: Strukturelle Feindlichkeit in der modernen Gesellschaft von Kai Hafez. Der Politikwissenschaftler und Professor für Kommunikationswissenschaft an der Universität Erfurt fragt darin, wie Orientalismus und Islamfeindlichkeit die aufgeklärte westliche Moderne über Jahrhunderte hinweg prägen und in ihr fortbestehen konnten.
Hafez widerspricht dabei einer Erklärung, die die Ursachen ausschließlich in rassistischen und imperialistischen Ideologien sucht. Sein Begriff des „banalen Orientalismus“ zielt auf etwas Alltäglicheres: Nichtwissen und fehlerhafte Routinen moderner Institutionen. Politik, Medien und Wissenschaft können auf diese Weise Vorstellungen hervorbringen, die niemand unbedingt bewusst geplant hat – und dadurch globale Risiken unbeabsichtigt verstärken.
Wenn Institutionen Vorurteile weitertragen
Der Ansatz verbindet eine funktionalistische Analyse des Orientalismus mit einer Theoriedebatte und empirischen Befunden aus verschiedenen Sozialwissenschaften. Hafez beschreibt also nicht nur Ideen und Bilder, sondern schaut auch darauf, wie Institutionen arbeiten, welche Routinen sich einschleifen und wo Wissen fehlt. Das klingt trocken, ist es aber nicht: Gerade in scheinbar sachlichen Abläufen können sich Feindseligkeiten festsetzen.
Als Konsequenz fordert das Buch eine neue beziehungsweise erneuerte Aufklärung und einen kosmopolitischen Umbau der Institutionen und der Gesellschaft. Hafez war unter anderem am Deutschen Orient-Institut tätig, Gastprofessor beziehungsweise Gastforscher in Oxford, Bern und Kairo und in der Politikberatung deutscher Regierungen aktiv. Die thematischen Schlagwörter des Bandes lauten Medien, Orientalismus, Politik und postkoloniale Studien.
Das Buch erscheint bei transcript in der Reihe X-Texte zu Kultur und Gesellschaft. Die erste Auflage kommt am 27. Oktober 2026 auf den Markt, also wenige Tage nach dem heutigen Datum. Sie umfasst 376 Seiten, ist deutschsprachig und als Softcover im Format 148 × 225 Millimeter erhältlich. Der Preis beträgt 39,00 Euro inklusive Mehrwertsteuer; auch ein E-Book ist verfügbar. Die ISBN lautet 978-3-8376-7833-8.
Der Begriff hinter der Debatte
Geprägt wurde der Begriff „Orientalismus“ von Edward Said in seinem Werk Orientalism aus dem Jahr 1978, auf Deutsch Orientalismus. Gemeint ist ein eurozentrischer westlicher Blick auf Gesellschaften des Nahen Ostens und die arabische Welt. Said beschreibt Orientalismus als ein System zur „Herrschaft, Umstrukturierung und zum Autoritätsbesitz über den Orient“. Der Westen erscheint darin als aufgeklärt, der Orient als mysteriös; zugleich wird dieser „Orient“ durch den Diskurs verhandelt und beherrscht.
Nach Said beruht Orientalismus auf einem westlichen Überlegenheitsgefühl und gehört zur modernen politischen und intellektuellen Kultur. Er sieht darin auch eine anhaltende Feindseligkeit gegenüber dem Islam. Seine Untersuchung des akademischen Orientalismus konzentriert sich auf das späte 19. und frühe 20. Jahrhundert und stützt sich methodisch auf Michel Foucaults Diskurskonzept.
Britische und französische Wissenschaftler sowie Schriftsteller, die Said analysiert, böten demnach keine objektive Darstellung der islamischen beziehungsweise „orientalischen“ Welt. Schon der Begriff „Orient“ selbst sei ein westliches, orientalistisches Konstrukt. Westliches Denken konstruiere Identitäten häufig über Gegensätze: Der Westen erscheint als Zivilisation, der Orient als mysteriös, bedrohlich oder rückständig. Selbst scheinbar schmeichelhafte Zuschreibungen wie „spontan“, „luxuriös“ und „mystisch“ ordnen den Orient in ein Machtverhältnis ein – etwa als mystischen Gegenpol zu einem wissenschaftlich dargestellten Okzident.
Diese Form des „Othering“ verschaffe westlichen Autoren durch ihr Wissen Definitionsmacht und schränke die Selbstbestimmung des Orients ein. Daraus könnten exotistische, kulturalistische und rassistische Darstellungen entstehen, die koloniale Herrschaft legitimieren. Kritik an romantisierenden und exotisierenden Orientbildern gab es allerdings schon vor Said, etwa 1925 von Nâzım Hikmet gegenüber dem französischen Schriftsteller Pierre Loti.
Widerspruch, Kritik und neue Blickrichtungen
Saids Thesen lösten seit 1978 kontroverse Debatten aus. Kurz nach dem Erscheinen wurde er wegen undifferenzierter und polemischer Urteile kritisiert. Umgekehrt wurde Kritikern vorgeworfen, Said pauschal als antiwissenschaftlich oder grundsätzlich westfeindlich darzustellen. Spätere Ereignisse und Debatten – 9/11, der Irakkrieg, die Aktivitäten des IS, islamistische Anschläge sowie Auseinandersetzungen über Migration, Rassismus und Antisemitismus – belebten die Orientalismusdebatte immer wieder.
Bemängelt werden unter anderem fehlende geografische Präzision und eine unzureichende zeitliche Eingrenzung. Carl W. Ernst versucht deshalb, die Kategorien „Okzidentalismus“ und „Orientalismus“ zu überwinden und das Verhältnis von Westen und Islam neu zu bestimmen. Muslime hätten historisch und bis in die Gegenwart bedeutende Beziehungen zu Europa und Amerika unterhalten; der Gegensatz zwischen „Westen“ und Islam werde daher übertrieben. Regionale und landesspezifische Unterschiede müssten stärker berücksichtigt werden. Konkrete historische Entwicklungen könnten das dualistische Denken aufbrechen.
Auch die Vorstellung eines homogenen orientalistischen Diskurses ist umstritten, weil sie die Trennung zwischen Orient und Okzident womöglich selbst verstärkt. Fallstudien von Urs App kommen zu dem Ergebnis, dass religiöse und weltanschauliche Ideologien für Orientalisten häufig wichtiger gewesen seien als Kolonialismus und Imperialismus. App zufolge müsse der Begriff „Orient“ weiter gefasst werden als bei Said und späteren Vertretern seines Ansatzes.
Weitere Einwände verweisen darauf, dass große Teile der arabisch-islamischen Länder erst nach dem Ersten Weltkrieg in westliche quasi-koloniale Abhängigkeiten gerieten. Zuvor gehörten viele dieser Gebiete zum Osmanischen Reich. Dieses und frühere arabisch-islamische Reiche besaßen selbst imperialistische Strukturen, wurden wegen ihrer kulturellen und wissenschaftlichen Leistungen aber zugleich bewundert und als Gegner gefürchtet.
Joshua Teitelbaum und Meir Litvak sehen darin einen Widerspruch in Saids Darstellung: Einerseits beschreibe er den Orient als bloßes westliches Konstrukt, andererseits behandle er die Beziehung zwischen Orient und Westen seit der griechischen Antike so, als seien beide historisch feste Wesenheiten. Dadurch etabliere Said ihrer Ansicht nach eine „falsche Dichotomie“ und beschreibe Ost und West selbst essenzialistisch und ahistorisch. Der Schaden des Buches sei möglicherweise ebenso groß wie sein Nutzen.
Von der postkolonialen Forschung bis zum Balkanismus
Saids Arbeit gilt dennoch als wichtige Grundlage der postkolonialen Wissenschaft. Postkoloniale Studien untersuchen wissenschaftliche Erkenntnisse auf ideologische Gehalte und kolonialistische Annahmen. Der Ansatz wurde unter anderem auf Darstellungen des Balkans, Indiens, Chinas und anderer Regionen angewandt. Studien zeigen, dass Orientalisierung und Auto-Orientalisierung fortbestehen; der „Orient“ wird teilweise auch innerhalb orientalisierter Gesellschaften konstruiert.
Seit Mitte der 1990er Jahre wird diskutiert, inwiefern sich Saids Thesen auf die Wahrnehmung des Balkans übertragen lassen. Diese Debatte ist vor allem mit Maria Todorova und Andrew Hammond sowie dem Begriff „Balkanismus“ verbunden. Todorova versteht Balkanismus als ein vom klassischen Orientalismus weitgehend unabhängiges oder ihm sogar entgegengesetztes Konzept. Der Balkan nehme typischerweise eine Mittelposition zwischen Okzident und Orient ein. Mary C. Neuburger und Diana Mishkova widersprachen dieser Einschätzung teilweise oder vollständig.
Übertragen wurde Saids Konzept außerdem auf das Bild des nordamerikanischen Indianers in kolonialen und US-amerikanischen Gesellschaften, auf westliche Darstellungen des Buddhismus sowie auf westliche Projektionen auf Tibet und buddhistische Kulturen. Der Streit um Begriffe und Perspektiven bleibt damit erstaunlich beweglich – und landet immer wieder bei der Frage, wer eigentlich wen beschreibt.
Orientalism erschien 1978 zunächst auf Englisch bei Routledge and Kegan Paul beziehungsweise Pantheon Books. Die deutsche Übersetzung von Liliane Weissberg folgte 1981, eine Neuübersetzung von Hans Günter Holl 2009 bei S. Fischer. Das Werk wurde unter anderem ins Japanische, Koreanische, Hebräische und Arabische übersetzt; die arabische Fassung stammt vom syrischen Arabisten Kamal
