In Erfurt geht es im kommenden Winter um die Frage, warum einfache Wahrheiten wieder so verführerisch wirken. Die Universität Erfurt veranstaltet im Wintersemester 2026/27 gemeinsam mit dem Thüringer Landtag und der FUNKE Mediengruppe eine Ringvorlesung unter dem Titel „Die neue Lust am Autoritären – Warum Menschen wieder nach einfachen Wahrheiten verlangen“.

Der Auftakt findet am 11. November 2026 im Hörsaal 2 des Kommunikations- und Informationszentrums (KIZ) auf dem Campus der Universität Erfurt statt. Einlass ist ab 18 Uhr, Beginn um 18:15 Uhr. Zu Gast ist die Bestsellerautorin und Politologin Emilia Zenzile Roig. Ihr Vortrag trägt den Titel „Auf dem Weg zu einer Welt frei von systemischer Unterdrückung“.

Roig eröffnet die Ringvorlesung

Emilia Zenzile Roig, geboren am 10. April 1983 in Dourdan, Frankreich, ist Sachbuchautorin, Politologin und Aktivistin. Ihr Schwerpunkt ist die Intersektionalität. Seit 2005 lebt sie in Berlin. Dort gründete sie 2017 das Center for Intersectional Justice (CIJ), das als Center for Intersectional Justice e.V. Gleichstellungs- und Antidiskriminierungsarbeit in Deutschland und Europa um eine intersektionale Perspektive erweitern sollte.

Das Zentrum betrieb Lobbyarbeit, bot Trainings und Workshops an, forschte und veröffentlichte zu Intersektionalität. 2019 publizierte es im Auftrag des Deutschen Zentrums für Integrations- und Migrationsforschung einen Bericht zu „Intersektionalität in Deutschland“. 2024 wurde die Schließung des Zentrums bekanntgegeben.

Roig wuchs in einem Pariser Vorort auf. Ihr Vater ist jüdisch-algerischer Arzt, ihre Mutter stammt aus Martinique und arbeitet als Krankenschwester; kennengelernt haben sich die Eltern in Französisch-Guyana. Roig studierte Public Policy an der Hertie School in Berlin und Business Administration an der Jean-Moulin-Universität Lyon. 2015 promovierte sie im Cotutelle-Verfahren an der Humboldt-Universität zu Berlin und der Universität Lyon in Politikwissenschaft. Ihre Dissertation befasste sich mit der Entwicklung des privaten Pflegesektors und intersektionaler Geschlechtergleichheit in Frankreich und Deutschland.

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Von 2007 bis 2011 arbeitete sie zu Menschenrechtsfragen bei Amnesty International Deutschland, bei der Internationalen Arbeitsorganisation der UN in Tansania und Uganda sowie bei der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit in Kambodscha. Zwischen 2011 und 2015 hatte sie Lehraufträge zu Intersektionalitätstheorie, Postcolonial Studies, Critical Race Theory sowie internationalem und europäischem Recht. Ab 2015 lehrte sie im Social Justice Study Abroad Program der DePaul University in Chicago, seit 2019 war sie Adjunct Faculty an der Hertie School in Berlin. Außerdem war sie Projektleiterin beim Deutschen Dachverband der Migrantinnenorganisationen (DaMigra).

2020 wurde Roig Fellow der US-amerikanischen Non-Profit-Organisation Ashoka Deutschland. 2024 war sie Research Fellow am Käthe Hamburger Kolleg für Apokalyptische und Postapokalyptische Studien der Universität Heidelberg. Seit Dezember 2024 ist sie Fellow der Stiftung Mercator und forscht zu globaler systemischer Ungleichheit, Wiedergutmachung und psychedelischer Gerechtigkeit.

Bücher, Preise und Streitfragen

Ihr erstes Buch, „Why We Matter. Das Ende der Unterdrückung“, erschien 2021. Darin beschreibt Roig anhand ihrer Familiengeschichte aus intersektionaler Perspektive Machtverhältnisse und Unterdrückungssysteme. Das Buch wurde in die Sachbuch-Bestenliste für März 2021 von Deutschlandfunk Kultur, ZDF und „Die Zeit“ aufgenommen, erreichte im Februar 2021 Platz 14 der Spiegel-Bestsellerliste und gehörte im März 2021 zu den fünf besten Büchern des Monats der „Süddeutschen Zeitung“.

2023 veröffentlichte sie „Das Ende der Ehe: Für eine Revolution der Liebe“. Roig plädierte darin für die schrittweise Abschaffung der Ehe und anderer rechtlich geregelter Paarbeziehungen. Als Alternativen nannte sie unter anderem eine Dezentralisierung der Sexualität, queere Familienstrukturen, Polyamorie und Co-Parenting. Zu ihren weiteren Veröffentlichungen zählen „Uttering ‘race’ in colorblind France and post-racial Germany“ (2016), „Unlearn Patriarchy 2“ (2024), bei dem sie Mitherausgeberin war, sowie „Lieben“ (2024) und „Lieber Sohn oder So rettest du die Welt“ (2026).

Roig war 2019 Jurymitglied beim 25 Women Award der Edition F und 2020 beim Deutschen Sachbuchpreis. Ende 2021 war sie Teil der Kampagne „Lesbische Sichtbarkeit“ des Berliner Senats. 2022 wurde sie beim Impact of Diversity Award zur „Most Influential Woman of the Year“ gewählt. Im selben Jahr erhielt sie den Hauptpreis des Impact of Diversity Award; bereits 2021 hatte sie den Edition F Award in der Kategorie „Gesellschaft“ bekommen.

Ihre politischen Aussagen zu Israel und dem Gazastreifen haben wiederholt Widerspruch ausgelöst. Nach dem Hamas-Angriff auf Israel 2023 und der anschließenden israelischen Bombardierung des Gazastreifens bezeichnete Roig Israels Vorgehen als „Genozid“ und „Besatzung“. Nicole Deitelhoff, Barbara Behrendt und Dana von Suffrin kritisierten diese Positionen; von Suffrin warf Roig Antisemitismus vor.

Bei einer Veranstaltung im Dezember 2023 sagte Roig, Zionismus sei kein integraler Bestandteil des Judentums, sondern eine Ideologie des 20. Jahrhunderts. Sie erklärte, sich als nichtzionistische jüdische Stimme in Deutschland unterdrückt und diffamiert zu fühlen. In einem Streitgespräch mit Philip Peyman Engel verteidigte sie ihre Kritik an der israelischen Regierung und sagte, für die Feststellung von Menschenrechtsverletzungen müsse sie Israel nicht besucht haben.

Mirna Funk warf Roig 2023 im Zusammenhang mit „Why We Matter“ Geschichtsrevisionismus und Antisemitismus vor. Roig wies die Vorwürfe zurück. Im Januar 2024 sagte die Region Hannover einen für Februar geplanten Frauenneujahrsempfang mit Roig als Rednerin wegen ihrer Aussagen zu Israel ab. Jüdische Organisationen und Medien kritisierten im Juli 2024 einen Vortrag Roigs an der Freien Universität Berlin zum Thema „Ist Antizionismus antisemitisch?“. Im September 2024 kritisierte Andrea Kiewel Außenministerin Annalena Baerbock dafür, Roig und Alena Jabarine zu einem Abendessen eingeladen zu haben.

Roig ist Mutter eines Sohnes, geschieden, lebt in Berlin und bezeichnet sich als queer. Nach dem Erfurter Auftakt folgen im Dezember ein Vortrag der österreichischen Politikwissenschaftlerin Natascha Strobl und im Januar 2027 ein Beitrag des Politikwissenschaftlers und ehemaligen WZB-Direktors Wolfgang Merkel. Weitere Informationen sollen rechtzeitig im Veranstaltungskalender veröffentlicht werden.

Eine Studie liefert den Hintergrund

Der Eintritt zur Ringvorlesung ist frei. Eine Anmeldung unter www.thueringer-allgemeine.de/ringvorlesung wird erbeten. Dass der Titel nicht aus der Luft gegriffen ist, zeigen die Ergebnisse der Leipziger Autoritarismus-Studie 2024, die am 13. November 2024 erschien.

Die repräsentative Langzeiterhebung untersucht, wie sich rechtsextreme und autoritäre Einstellungen, Vorurteile und Ressentiments sowie die Haltung zur Demokratie in Deutschland entwickeln. Forschende der Universität Leipzig analysieren diese Veränderungen seit 2002, zunächst im Rahmen der „Mitte-Studie“, seit 2018 unter dem Namen „Autoritarismus-Studie“. Herausgeber sind Oliver Decker, Johannes Kiess, Ayline Heller und Elmar Brähler. Unterstützt wird die Studie von der Heinrich-Böll-Stiftung und der Otto Brenner Stiftung.

Im Mittelpunkt der Ausgabe 2024 stehen Antisemitismus, Sexismus und Antifeminismus, Demokratieverdrossenheit, soziale Bedingungen von Ressentiments, Antiamerikanismus und Antikapitalismus, Transfeindlichkeit sowie postkolonialer und antizionistischer Antisemitismus.

Die Zufriedenheit mit der Demokratie in Deutschland ist zurückgegangen. In Ostdeutschland war sie so niedrig wie zuletzt 2006. Als häufigste Gründe für Unzufriedenheit nannten Befragte Verdrossenheit gegenüber Parteien und Politikern sowie fehlende Möglichkeiten politischer Teilhabe. In Westdeutschland nahm die Zustimmung zu ausländerfeindlichen Aussagen deutlich zu und näherte sich damit dem