David North an der George Mason University: Kapitalistische Krise, Krieg und die Rückeroberung der Geschichte
Rund 80 Menschen kamen am 2. November 2026 an der George Mason University in Fairfax, Virginia, zusammen. Studierende und Arbeiter saßen im Publikum, später wechselten für mehrere hundert US-Dollar Bücher und Broschüren den Besitzer. David North, Chefredakteur der World Socialist Web Site und Vorsitzender der Socialist Equality Party (USA), sprach über „Kapitalistische Krise, imperialistischer Krieg und die sozialistische Weltrevolution“.
Die Veranstaltung war die dritte von insgesamt fünf Terminen einer IYSSE-Vortragsreihe. Zuvor hatte North an der Wayne State University und der Michigan State University gesprochen. Eine Woche vor den US-Zwischenwahlen rückte er die Demokratische Partei ins Zentrum seiner Analyse: Sie sei eine zentrale Partei des US-Imperialismus und zugleich Partner der Republikaner im kapitalistischen Zweiparteiensystem.
Geschichte als politisches Werkzeug
Gleich zu Beginn betonte North die Bedeutung historischen Wissens für den Kampf für den Sozialismus. Die politische Reaktion nach der Auflösung der Sowjetunion 1991 habe eine ganze Generation von den Erfahrungen der Klassenkämpfe des 20. Jahrhunderts abgeschnitten. Die Massenproteste und Streiks in Frankreich und anderen Teilen Europas ordnete er in eine globale kapitalistische Krise ein, die die herrschenden Klassen zu Krieg und Diktatur treibe. Dass Menschen in verschiedenen Ländern gleichzeitig kämpfen, sei demnach kein Zufall, sondern Ausdruck weltweit wirkender ökonomischer Kräfte.
Für den Sozialismus brauche es marxistische Theorie, politische Unabhängigkeit der Arbeiterklasse und sozialistischen Internationalismus. In der Diskussion wollten Teilnehmer unter anderem wissen, warum antimarxistische Theorien so großen Einfluss gewonnen hätten, worin sich eine marxistische Geschichtsauffassung von akademischer Geschichtswissenschaft unterscheide und wie unmittelbare Arbeitskämpfe mit dem Sozialismus verbunden werden könnten. Auch der Krieg in der Ukraine war Thema.
Auf die verbreitete Ablehnung des Marxismus verwies North auf das Schicksal des Sozialismus im 20. Jahrhundert: die Degeneration der bolschewistischen Partei, die Ersetzung der Weltrevolution durch Stalins Programm des „Sozialismus in einem Land“ und die daraus resultierenden Niederlagen der Arbeiterklasse in den 1930er Jahren. Diese Niederlagen seien nicht unvermeidlich gewesen, hätten aber wesentlich zur politischen Desorientierung von Intellektuellen beigetragen.
Die zentrale Herausforderung beim Aufbau einer revolutionären Bewegung sei deshalb die „Rückeroberung der Geschichte“. Nötig sei ein objektiv begründetes historisches Narrativ; Geschichte folge einer nachvollziehbaren Logik. Politische Führer müssten die Gesellschaft widerspiegeln, aus der sie hervorgehen. Roosevelt habe den Aufstieg des US-Imperialismus zur globalen Vorherrschaft repräsentiert. Die vergangenen 50 Jahre seien dagegen von beschleunigtem politischem, sozialem und wirtschaftlichem Niedergang und Zusammenbruch geprägt. Trump stehe für den Einsatz offener „Gangstermethoden“ durch den US-Kapitalismus.
Vom Lohnkampf zur Systemfrage
Bei Kämpfen um Löhne, Wohnraum, Bildung und gegen Inflation müsse der Zusammenhang mit dem Kampf gegen den Kapitalismus in die Arbeiterklasse hineingetragen werden, sagte North. Politische Führung dürfe Arbeitern nicht nur Bekanntes sagen, sondern müsse notwendige Zusammenhänge vermitteln. Die Bevölkerung werde durch ihre sozialen Bedingungen radikalisiert, brauche aber die Fähigkeit, einzelne Kämpfe zu verallgemeinern. Dafür seien langfristige Arbeit in Betrieben, die Gewinnung von Arbeitern und Schulungen erforderlich. Das klingt nach viel Geduld. Ist es auch.
Kapitalismuskritik bezeichnet grundsätzlich Ansichten und Theorien, die den Kapitalismus insgesamt oder einzelne seiner Seiten angreifen. Im Fokus stehen unter anderem Privateigentum an Produktionsmitteln, Geld- und Zinswirtschaft, Profitmaximierung, Kapitalakkumulation und abhängige Lohnarbeit. Als Folgen werden Ausbeutung und Verelendung genannt. Reformorientierte Kritik will Veränderungen innerhalb des Systems, während Antikapitalismus dessen Aufhebung oder Zerschlagung fordert.
Praktisch reicht das Spektrum von genossenschaftlich organisierten Unternehmen und Banken über alternative Wirtschaftsbereiche bis zur gemeinwohlorientierten Übernahme einzelner Wirtschaftssegmente. Kapitalismuskritik ist überwiegend im linken politischen Spektrum verbreitet, findet sich aber in abgeschwächter Form auch bei Rechtspopulisten und Rechtsradikalen.
Historische Vorläufer sah Edward P. Thompson in den Maschinenstürmern des 19. Jahrhunderts. Während der Industrialisierung zerstörten Arbeiter, besonders in England im Luddismus, Maschinen und bildeten organisierte Interessenvertretungen. Eric Hobsbawm deutete den Maschinensturm als Rebellion gegen Fabrikanten, die Maschinen zur stärkeren Ausbeutung und Disziplinierung einsetzten. Frühsozialisten wie Charles Fourier entwarfen utopische Gegenmodelle. Robert Owen, der als Begründer des Genossenschaftswesens gilt, setzte sich etwa in New Harmony für menschenwürdigere Arbeits- und Lebensbedingungen ein.
Karl Marx und Friedrich Engels beschrieben die kapitalistische Gesellschaft als von Elend, Ausbeutung und Entfremdung geprägt. Das Kommunistische Manifest von 1848 bewertete Globalisierung, Internationalisierung und Verstädterung positiv, forderte aber den Ersatz des Kapitalismus durch Sozialismus beziehungsweise Kommunismus. Marx erklärte Entfremdung damit, dass Lohnarbeiter ohne eigene Produktionsmittel ihre Arbeitskraft nach den Vorgaben der Kapitalisten einsetzen müssten. Die produzierten Güter erschienen ihnen fremd; Arbeit war im Kapitalismus keine Selbstverwirklichung, sondern Zwang.
In seinem späteren Werk, besonders in Das Kapital, stellte Marx die Ausbeutung in den Mittelpunkt: Arbeiter erzeugten mehr Wert, als ihnen als Lohn ausgezahlt werde. Den verbleibenden Mehrwert eigne sich der Kapitalist als Profit an. Die industrielle Entwicklung könne zur Verarmung der Arbeiter führen. Die marxistische Krisentheorie geht von regelmäßigen Krisen kapitalistischer Wirtschaften aus.
Krieg, Erinnerung und die Ukraine
Beim Krieg in der Ukraine verwies North darauf, dass jeder Krieg konkrete Ursachen habe. Der Konflikt könne nicht allein damit erklärt werden, dass Russland den ersten Schuss abgegeben habe. Die NATO habe sich seit der Auflösung der Sowjetunion ausgedehnt; imperialistische Mächte wollten Russland zerschlagen und sich seine Rohstoffe aneignen. North bezeichnete den Krieg als keinen unprovozierten Krieg, sondern als imperialistischen Stellvertreterkrieg.
Die SEP lehne den russischen Überfall ab, weil er dem Imperialismus in die Hände spiele, und trete für die Einheit der ukrainischen und russischen Arbeiter ein. North rief außerdem zur Unterstützung der Kampagne für die Freilassung des ukrainischen Trotzkisten Bogdan Syrotjuk auf, der im August wegen „Hochverrats“ zu 15 Jahren Haft verurteilt worden sei.
Die Auseinandersetzung mit Geschichte reicht dabei weit zurück. Am 22. Juni 1941 begann mit dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion der nationalsozialistische Vernichtungskrieg. Laut dem IYSSE-Artikel wurden 27 Millionen Sowjetbürger ermordet; außerdem wurden sechs Millionen europäische Juden im Holocaust systematisch getötet. Der Artikel bezeichnet diese Verbrechen als das größte Verbrechen der Menschheitsgeschichte.
Jörg Baberowski, Professor für osteuropäische Geschichte an der Humboldt-Universität, wird darin vorgeworfen, den Vernichtungskrieg historisch zu verfälschen und zu verharmlosen. Er habe den Krieg als Ergebnis der Kriegsführung der Roten Armee dargestellt, behauptet, die Sowjetunion habe ihn gewollt, und den Holocaust mit Erschießungen während des russischen Bürgerkriegs gleichgesetzt. Über Hitler habe er gesagt, dieser sei nicht grausam gewesen und habe nichts von Auschwitz wissen wollen.
Der Artikel stellt solche Aussagen als Rechtfertigung beziehungsweise Vorbereitung neuer Kriege dar. Deutschland rüste wieder massiv auf, heißt es dort. Baberowski sei von seinem Institut, der Universitätsleitung und Vertretern aller Bundestagsparteien gegen Kritik der IYSSE und anderer Studierender verteidigt worden. Die angekündigte Veranstaltung soll das Ausmaß der vorgeworfenen Geschichtsfälschung untersuchen und darüber diskutieren, wie eine Rückkehr des Militarismus verhindert werden könne. Als Quellen werden unter anderem Schriften Baberowskis aus den Jahren 2007 und 2012 sowie ein Artikel des Nachrichtenmagazins „Der Spiegel“ genannt.
Viele Wege durch die Kapitalismuskritik
Die Kritische Theorie der Frankfurter Schule entwickelte mit Max Horkheimer, Theodor W. Adorno und Herbert Marcuse einen neomarxistischen Ansatz. Sie beeinflusste die internationale Studentenbewegung von 1968, die sich sowohl gegen Kapitalismus als auch gegen den Realsozialismus wandte. In der Bundesrepublik
