Uni Europa, 6.11.2026 – Ohne Kobalt, Nickel und Seltene Erden laufen weder moderne Chips noch Windkraftanlagen, Batterien oder fortschrittliche Waffensysteme. Auch Smartphones, Autos, Gebäude und Dünger hängen an Metallen, Mineralien und anderen natürlichen Ressourcen. Für die grüne und digitale Transformation Europas sind sie damit unverzichtbar – und für die Industriepolitik eine ziemlich harte Nuss.

Die EU bezieht viele dieser Rohstoffe aus einzelnen Staaten oder wenigen Lieferländern: 77 Prozent der Gallium-Importe kommen aus China, 79 Prozent der Lithium-Versorgung aus Chile, 98 Prozent der EU-Borate aus der Türkei und 97 Prozent des Magnesiums ebenfalls aus China. Lithium, Kobalt und Nickel stecken unter anderem in Batterien für Elektroautos, Smartphones und Powerbanks. 73 Prozent des weltweiten Kobalts werden in der Demokratischen Republik Kongo abgebaut. Handelsbeschränkungen, Konflikte oder Naturkatastrophen können solche Lieferketten schnell ins Wanken bringen.

Gold als Türöffner für andere Rohstoffe

Die EU unterscheidet dabei zwischen strategischen und kritischen Rohstoffen. Strategische Rohstoffe sind für wirtschaftliche und sicherheitspolitische Interessen besonders wichtig. Kritische Rohstoffe zählen zu dieser Gruppe, sind aber zusätzlich stark durch mögliche Versorgungsunterbrechungen gefährdet. Die aktuelle EU-Liste umfasst 34 kritische Rohstoffe, 17 davon gelten auch als strategisch; mindestens alle drei Jahre wird sie aktualisiert.

Das Gesetz über kritische Rohstoffe trat im Mai 2024 in Kraft. Es soll Gewinnung, Verarbeitung und Wiederverwertung in Europa stärken und die Abhängigkeit von einzelnen Lieferländern verringern. Der Critical Raw Materials Act sieht bis 2030 vor, zehn Prozent des jährlichen EU-Bedarfs innerhalb der Union zu fördern, 40 Prozent in der EU zu verarbeiten und 25 Prozent durch Recycling zu decken. Höchstens 65 Prozent des jährlichen Verbrauchs eines strategischen Rohstoffs sollen aus einem einzigen Drittstaat stammen.

Eine mögliche Lösung führt über Gold. In Goldlagerstätten finden sich häufig auch kritische Rohstoffe, die als Nebenprodukte gewonnen werden könnten. Die Einnahmen aus dem Goldabbau würden dann helfen, deren Förderung mitzufinanzieren. Wirtschaftlich klingt das zunächst schlüssig – im Stollen wird die Sache allerdings rasch komplizierter.

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Finnland steht besonders im Fokus. Dort liegen die zwei größten bekannten Goldlagerstätten Europas; außerdem gibt es Vorkommen von Kupfer, Seltenen Erden und Kobalt. Als EU-Mitglied muss das Land hohe Umweltauflagen einhalten. Kinderarbeit, wie sie in manchen anderen Abbauregionen vorkommt, gibt es dort nicht.

Das finnische Gold steckt überwiegend in sogenannten orogenen Lagerstätten: winzige Goldkörner, eingeschlossen im Gestein. Um sie herauszubekommen, müssen riesige Erzmengen zermahlen werden. Weltweit werden pro Jahr rund 3.600 Tonnen Gold gewonnen. Dafür wird Gestein im Volumen eines mittleren Alpenbergs pulverisiert – eine Vorstellung, bei der einem schon vom Lesen der Staub zwischen den Zähnen knirscht.

Schon die Suche nach einer wirtschaftlich nutzbaren Lagerstätte ist ein Glücksspiel mit hohem Aufwand. Nach Einschätzung des Geochemikers Jochen Kolb können 100 bis 1.000 Projekte nötig sein, um überhaupt eine passende Lagerstätte zu finden.

Lappland zwischen Hoffnung und Protest

In Lappland protestieren Bürgerinitiativen gegen neue Bergbauprojekte. Noora Ahola, Chefin des dort tätigen Unternehmens Mawson Finland Ltd., berichtet von Drohanrufen und Morddrohungen gegen ihre Kinder. Kritiker werfen dem Unternehmen vor, die finnische Natur zu zerstören.

Beim Herauslösen von Gold aus dem Erz kommt giftige Cyanidlauge zum Einsatz. Sie darf keinesfalls in den Boden gelangen. Viele Erze enthalten zusätzlich Schadstoffe wie Arsen. Wie schnell aus einem Versprechen auf Rohstoffsicherheit ein Umweltproblem werden kann, zeigte die finnische Mine Laiva Gold: Ihr wurde im April 2025 die Betriebsgenehmigung entzogen, nachdem Boden und Wasser verschmutzt worden waren.

Der Europäische Rechnungshof bezweifelt deshalb, dass der Critical Raw Materials Act die Abhängigkeit der EU ausreichend senken kann. Die Ziele seien unverbindlich, die Daten zu kritischen Rohstoffen veraltet und die Genehmigungsverfahren für Bergbauprojekte dauerten zu lange.

Auch das Zehn-Prozent-Ziel für heimische Förderung sei zu pauschal. Bei einigen Rohstoffen liefern europäische Bergwerke bereits heute deutlich mehr als zehn Prozent des Bedarfs. Bei Seltenen Erden dagegen gibt es praktisch keine europäische Förderung. Die Deutsche Rohstoffagentur hält zudem die geplanten staatlichen Fördermittel für unzureichend. Die USA haben im Rahmen ihrer beiden jüngsten größeren Förderprogramme knapp 30 Milliarden US-Dollar für Rohstoffprojekte und Lieferketten angekündigt oder teilweise bereits investiert. Der deutsche Rohstofffonds verfügt dagegen über Millionen- bis niedrige Milliardenbeträge – im Rohstoffsektor gilt das als wenig.

Recycling, Partnerschaften und 46 neue Projekte

Die EU setzt deshalb nicht nur auf neue Minen. Kritische Rohstoffe sollen stärker aus Abfällen und Bergbauabfällen zurückgewonnen werden, der Anteil recycelter Materialien in der Produktion soll steigen. Auch die Recyclingfähigkeit von Permanentmagneten aus Seltenen Erden soll besser werden. Recycling kann die Ressourceneffizienz Europas deutlich erhöhen, den gesamten Bedarf der Industrie aber nicht decken.

Parallel arbeitet die EU bilateral, regional und multilateral an breiteren Lieferketten. Strategische Rohstoffpartnerschaften bestehen mit 16 Ländern, darunter Kanada, Chile, Norwegen und die Ukraine. Kooperationen gibt es außerdem unter anderem mit Japan, Brasilien und der Afrikanischen Union. Die EU will internationale Zusammenarbeit und nachhaltige Investitionen ausbauen, globale Lieferketten mit gleichgesinnten Ländern stärken, unfaire Handelspraktiken bekämpfen und Partner beim Aufbau nachhaltiger Wertschöpfungsketten unterstützen. Am Ende sollen sichere, widerstandsfähige, bezahlbare und ausreichend diversifizierte Lieferketten stehen.

Im Oktober 2026 wählte die Europäische Kommission 46 neue strategische Projekte aus. Sie stärken Wertschöpfungsketten für Batterien, Verteidigung, Luft- und Raumfahrt sowie Permanentmagnete. Projekte zu Lithium, Nickel, Kobalt, Mangan und Graphit unterstützen die Batterieproduktion; Magnesium und Wolfram werden für Verteidigungs- und Raumfahrtindustrie gebraucht. Vorhaben zu Seltenen Erden zielen auf Permanentmagnete, wie sie etwa in Windkraftanlagen eingesetzt werden.

Der Bedarf wächst in Europa und weltweit – wegen der Klima- und Digitalziele bis 2030, aber auch wegen der industriellen Wettbewerbsfähigkeit und der wirtschaftlichen Sicherheit. Ein Windrad, ein Elektroauto oder ein Halbleiter beginnt eben nicht erst in der Fabrik, sondern viel früher: im Erz, im Abfall, in einem Hafen, in einer Mine. Und manchmal in einer finnischen Landschaft, in der neben Bohrgeräten auch die Frage steht, wie viel Natur für eine unabhängige Rohstoffversorgung weichen darf.