Junge Proteste in Europa: Gegen Kürzungen, Wohnungsnot und fehlende Zukunftsperspektiven
Heute, am 21. Oktober 2026, ziehen sich Proteste durch Europas Städte. Vor allem junge Menschen gehen auf die Straße: Schülerinnen und Schüler, Studierende, Lehrkräfte und weitere Unterstützer. Ihre Auslöser liegen nah am Alltag – marode Schulen, fehlende Lehrkräfte, hohe Lebenshaltungskosten, Wohnungsnot, teure Ausbildung, Sparmaßnahmen, Korruption und die Sorge, beruflich kaum Fuß zu fassen.
Mal bleiben die Demonstrationen friedlich, mal kippt die Stimmung. Dann fliegen Steine, Geschäfte werden geplündert, Autos und Mülltonnen brennen. In mehreren Städten kam es zu Zusammenstößen mit der Polizei, Brandstiftungen und Sachschäden. Oliver Nachtwey, Professor für politische Soziologie an der Universität Basel, ordnet die Proteste als Ausdruck einer wachsenden Unzufriedenheit junger Menschen in Europa ein.
Von Frankreich bis Serbien
Die Proteste reichen von Frankreich, Belgien, Italien, Portugal, Spanien, Griechenland, Österreich und Albanien bis nach Deutschland, in die Niederlande, nach Serbien und Irland. Eine einheitliche europaweite Organisation oder zentrale Steuerung ist laut den geprüften Quellen allerdings nicht belegt. Ähnliche Bilder – Transparente, Blockaden, Zelte, Polizeiketten – bedeuten nicht automatisch gemeinsame Absprachen.
In Frankreich nahm die Bewegung Mitte September am Lycée Antoine-de-Saint-Exupéry in Créteil nahe Paris ihren Ausgang. Lehrkräfte protestierten gegen Stellenabbau und chronische Unterfinanzierung, Schüler schlossen sich an. Landesweit gingen nach offiziellen Angaben mindestens 550.000 Menschen auf die Straße. Gefordert wurden bessere Lernbedingungen und ausreichend Lehrkräfte, später auch höhere Investitionen in öffentliche Leistungen, bezahlbare Wohnungen und Entlastung bei den Benzinkosten.
In mehreren Städten mischten sich vermummte Gewalttäter unter die Demonstrierenden. Geschäfte wurden geplündert, Autos und Mülltonnen angezündet. In Limoges brannte das historische Rathaus aus dem Jahr 1883 nieder, in Lyon wurde das Tourismusbüro angezündet. In Paris versuchten Menschen, in den Élysée-Palast einzudringen; in Marseille und Avignon richteten sich Angriffe gegen eine Polizeiwache beziehungsweise eine Präfektur.
Rund 1.800 Menschen wurden festgenommen. Mehr als 500 Polizisten und Feuerwehrleute beziehungsweise nach einer weiteren Angabe 150 Einsatzkräfte wurden verletzt. Präsident Emmanuel Macron kündigte die strafrechtliche Verfolgung der Verantwortlichen an, die Regierung stellte wegen der Ausschreitungen lokale Ausgangssperren in Aussicht. Der Spielraum ist ohnehin knapp: Frankreich kämpft mit einem hohen Haushaltsdefizit und Staatsverschuldung, der Haushaltsentwurf sieht Einsparungen von rund 45 Milliarden Euro vor.
Justizvertreter berichteten laut ARD von organisierten, politisch motivierten Randalierern sowie von Gruppen, die das Chaos zum Plündern nutzten. Die Pariser Staatsanwaltschaft konnte eine pauschale Zuordnung zur linksextremen Szene zunächst nicht bestätigen. Das Rathaus von Limoges wurde schwer beschädigt – eine einheitliche Erklärung für alle Taten ergibt sich daraus trotzdem nicht.
In Belgien begannen die jüngsten Aktionen mit Schulblockaden am 1. Oktober in Lüttich. Gewerkschaften riefen für den 9. Oktober zu einem landesweiten Streik und einer Großdemonstration in Brüssel auf; weitere Kundgebungen folgten am 12. und 17. Oktober in Lüttich und Brüssel. Jugendliche stießen mit der Polizei zusammen, Tränengas und Wasserwerfer kamen zum Einsatz. Hintergrund sind geplante Einsparungen der Regierung von rund zehn Milliarden Euro. Im frankophonen Bildungswesen sollen bis 2029 insgesamt 500 Millionen Euro gekürzt werden, außerdem stehen höhere Studiengebühren und das Aus für günstige Jugend-Bustickets im Raum.
Italien erlebte am 17. Oktober in Mailand bei einer Kundgebung gegen Kriege und Inflation schwere Ausschreitungen. Maskierte Demonstranten plünderten Geschäfte, warfen Pflastersteine auf die Polizei und setzten Barrikaden in Brand. Bürgermeister Giuseppe Sala nannte die Protestgründe verständlich, Gewalt gegen die Polizei und schwere Sachschäden aber nicht gerechtfertigt. In Teilen Süditaliens blockierten Lkw-Fahrer aus Protest gegen hohe Dieselpreise Autobahnzufahrten. Die als friedlich beschriebenen Aktionen behinderten Lieferungen, regional blieben Supermarktregale leer.
Wohnen, Studium, Zukunft
Portugal sieht Zehntausende gegen steigende Lebenshaltungskosten und die Wohnungsmarktkrise auf der Straße. Laut EU-Kommission stiegen die Immobilienpreise seit 2013 nominal um 130 Prozent. Mieten für neue Verträge lagen nach Angaben des nationalen Statistikamts 10,2 Prozent über dem Vorjahresniveau. Gewerkschaftliche Forderungen mischten sich mit dem Wohnungsprotest: Die Pflegegewerkschaft SEP verlangte am 17. Oktober höhere Löhne, bessere öffentliche Leistungen und Maßnahmen gegen die gestiegenen Kosten. Protestcamps forderten mehr öffentliches Wohneigentum; die portugiesische Wohnungsbewegung bezog sich laut taz teilweise auf Spanien.
Dort wurde der Fall der 87-jährigen Maricarmen Abascal zum Symbol. Am 23. September musste sie nach 70 Jahren ihre Wohnung in Madrid verlassen, nachdem ein Investor die Miete um 275 Prozent erhöht hatte. Eine spätere Einigung sollte ihr die Rückkehr ermöglichen, die Miete sollte höchstens 30 Prozent ihres Einkommens betragen. Abascal starb am 7. Oktober, zwei Wochen nach der Zwangsräumung. Seither besetzen Hunderte Menschen den Madrider Platz Puerta del Sol.
Nach der parlamentarischen Ablehnung von Maßnahmen zum Mieterschutz kündigte Ministerpräsident Pedro Sánchez vorgezogene Neuwahlen an. Als Wahltermin wurde der 29. November genannt. Sánchez begründete den Schritt mit dem Bedarf an einer breiteren parlamentarischen Mehrheit für weitere Reformen.
In Albanien demonstrieren in Tirana seit Monaten Tausende. Ausgangspunkt war die „Flamingo“-Bewegung gegen ein großes Luxus-Tourismusprojekt an der Südküste. Daraus entwickelte sich eine Anti-Regierungsbewegung, die den Rücktritt des sozialistischen Ministerpräsidenten Edi Rama fordert. Studierende protestieren zusätzlich gegen hohe Ausbildungskosten und fehlende berufliche Perspektiven. Am Samstag warfen Demonstranten Steine, Benzinbomben, Leuchtraketen und Feuerwerk auf die Polizei; diese setzte Tränengas, Wasserwerfer und Schlagstöcke ein.
Ein weiterer Konflikt betrifft ein geplantes Luxusresort in einem Naturschutzgebiet, das mit Jared Kushner und Ivanka Trump in Verbindung gebracht wird. Kritisiert werden mangelnde Transparenz und mögliche Korruption. Solche Vorwürfe sind von nachgewiesenen Rechtsverstößen zu unterscheiden.
Griechische Studierende mehrerer Athener Hochschulen errichteten am 13. Oktober vor dem Parlament ein Zeltlager. Die Organisatoren verwiesen laut Medien ausdrücklich auf die Proteste in Frankreich und Spanien. Für den 21. Oktober riefen Lehrergewerkschaften, Studierende, Verwaltungsbeschäftigte und Elternverbände zu einem landesweiten Streik und Demonstrationen in zahlreichen Städten auf.
In Österreich gingen am 13. Oktober laut der Österreichischen Hochschülerinnen- und Hochschülerschaft rund 6.000 Studierende sowie Lehr- und Forschungskräfte auf die Straße. Sie protestierten gegen mögliche Kürzungen im Universitätsbudget. Befürchtet werden überfüllte Hörsäle, weniger Lehrpersonal, stärkere soziale Selektion sowie Einschnitte bei Forschung und Infrastruktur. Eine Online-Petition der ÖH gegen Kürzungen sammelte 60.000 Unterschriften. Im nächsten Hochschul-Dreijahresbudget stehen mögliche Einsparungen von rund einer Milliarde Euro im Raum.
Serbien erlebt seit fast zwei Jahren anhaltende Studentenproteste. Auslöser war der Einsturz eines Bahnhofsvordachs in Novi Sad, bei dem 16 Menschen starben. Seither richten sich die Studierenden landesweit gegen Korruption unter der Serbischen Fortschrittspartei. Präsident Aleksandar Vučić rief für den 25. Oktober vorgezogene Neuwahlen aus. Während Vučić seine Macht konsolidieren will, strebt die Studentenbewegung einen politischen Wechsel an.
Auch Energie und Forschung geraten in Bewegung
Parallel zu den Straßenprotesten laufen Entwicklungen, die weniger laut daherkommen, aber ähnlich grundsätzliche Fragen berühren. In Armenien soll trotz jahrelanger Proteste und laufender Klagen die größte Goldmine des Landes in Betrieb gehen. Regierung und Betreiber verweisen auf Investitionen und zusätzliche Einnahmen. Umweltverbände warnen dagegen vor erheblichen Risiken für Wasserressourcen, Landwirtschaft und Tourismus – die Mine liegt in einer ökologisch sensiblen Region.
Der globale Kohleverbrauch steigt unterdessen auf knapp neun Milliarden Tonnen und erreicht damit einen Höchststand. Als Haupt
