Möglicher Laborunfall in Irkutsk: Wie gefährlich ist Lungenpest?
In der russischen Region Irkutsk am Baikalsee ist vergangene Woche eine 28-jährige Labormitarbeiterin eines Forschungsinstituts gestorben. Örtliche Medien berichteten, sie sei an Lungenpest erkrankt und habe sich möglicherweise bei der Arbeit infiziert. Im Gespräch war ein zerbrochenes Reagenzglas mit dem Erreger der Lungenpest. Die russischen Behörden weisen diese Darstellung zurück: Sie sprechen von einer Lungenentzündung unbekannter Ursache.
Die Weltgesundheitsorganisation schätzt das Risiko einer Ausbreitung der Pest nach Europa als sehr gering ein. Nach WHO-Angaben haben die russischen Behörden alle Kontaktpersonen der Verstorbenen identifiziert. Bisher habe niemand aus diesem Personenkreis Krankheitssymptome gezeigt. Das Onlinemedium „Menschen vom Baikal“ berichtete hingegen, bis zu 200 Kontaktpersonen seien unter Quarantäne gestellt worden.
Widersprüchliche Angaben aus Irkutsk
Die 28-Jährige soll am Institut zur Pestbekämpfung in Irkutsk gearbeitet haben. Der Gouverneur der Region, Igor Kobsew, erklärte, bei der Obduktion seien keine Anzeichen einer Pesterkrankung festgestellt worden. Eine Expertenkommission sei zu dem Ergebnis gekommen, dass die Todesursache eine Lungenentzündung unbekannter Ursache gewesen sei.
Kremlsprecher Dmitri Peskow forderte Journalisten auf, sich auf die offiziellen Erklärungen der russischen Verbraucher- und Gesundheitsaufsichtsbehörde Rospotrebnadsor zu stützen – nicht auf Gerüchte oder Spekulationen. US-Außenminister Marco Rubio sagte, die Vereinigten Staaten beobachteten die Lage. Es bestehe kein Anlass zur Beunruhigung, die Entwicklung müsse aber aufmerksam verfolgt werden, weil sich Krankheiten bei einer Verbreitung schnell ausweiten könnten. US-Präsident Donald Trump bot Russland Hilfe an.
Die Meldung wurde am 6. Oktober 2026 im Deutschlandfunk ausgestrahlt. Auch im Artikel zur Pest wird für Oktober 2026 von einer Laborantin im russischen Irkutsk berichtet, möglicherweise nach einem Reagenzglasunfall an Lungenpest gestorben.
Was bei Lungenpest gefährlich ist
Die Pest wird überwiegend durch das Bakterium Yersinia pestis verursacht; klassifiziert ist sie nach ICD-10 als A20 und nach ICD-11 als 1B93. Zu den Formen zählen Beulenpest, Pestsepsis, Lungenpest, Pestmeningitis und primäre Hautpest. Die Weltgesundheitsorganisation bezeichnet die Lungenpest als hochansteckend. Ohne umgehende Behandlung kann sie tödlich verlaufen.
Die klassische Pest ist eine Zoonose von Nagetieren wie Ratten, Murmeltieren und Eichhörnchen. Meist gelangt der Erreger durch den Biss eines infizierten Flohs zum Menschen. Bei Lungenpest ist aber auch eine direkte Übertragung von Mensch zu Mensch durch Tröpfchen möglich – ohne Zwischenwirt. Häufiger als Menschen sind infizierte Haustiere, insbesondere Katzen, die Infektionsquelle.
Die primäre Lungenpest entwickelt sich meist innerhalb von ein bis drei Tagen. Der Verlauf ist oft schneller und schwerer als bei Beulenpest, weil die Lymphknoten bei der direkten Infektion der Lunge umgangen werden. Atemnot, Husten, bläuliche Lippen und schmerzhaft abgehusteter schwarz-blutiger Auswurf können auftreten. Rasch drohen Lungenödem und Kreislaufversagen; der Tod tritt oft innerhalb von zwei bis fünf Tagen ein. Als kritischer Abstand gelten etwa 30 Zentimeter oder weniger, wobei Pestbakterien in der Luft rasch absterben. Im vorliegenden Artikel wird eine Sterblichkeitsrate von 95 Prozent genannt.
Das klingt nach Mittelalter, ist aber biologisch ziemlich nüchtern erklärbar: Eine Infektion kann perkutan, intravenös oder inhalativ erfolgen. Möglich ist auch Kontakt mit Körperflüssigkeiten lebender oder toter infizierter Tiere. Krankmachende Eigenschaften beruhen unter anderem auf Ekto- und Endotoxinen sowie einer Bakterienkapsel. Yersinia pestis entstand durch Mutation aus dem für Menschen meist weniger gefährlichen Yersinia pseudotuberculosis.
Flöhe, Ratten und ein kompliziertes Ökosystem
Der tropische Rattenfloh Xenopsylla cheopis gilt als klassischer Vektor, kommt wegen des kühlen Klimas jedoch nicht in Europa vor. Für historische Pestübertragungen wurden unter anderem der Menschenfloh Pulex irritans und Nosopsyllus fasciatus diskutiert. In Laborversuchen zeigte Nosopsyllus fasciatus eine hohe Übertragungseffektivität, während Pulex irritans deutlich weniger effektiv war. Untersuchungen in Marokko deuteten dennoch auf eine mögliche direkte Übertragung durch Menschenflöhe hin. In Nordamerika ist Oropsylla montana ein wichtiger Überträger von Tieren auf Menschen.
Wie wirksam ein Floh die Krankheit weitergibt, hängt davon ab, wie viele Flöhe infizierte Blutmahlzeiten aufnehmen, wie häufig sich ihr Verdauungstrakt durch Bakterien blockiert und wie oft sie die Infektion anschließend übertragen können. Ein infizierter Floh kann je nach Untersuchung etwa 25.000 bis 100.000 Yersinia-pestis-Bakterien pro Biss übertragen. Außerhalb des Wirtes, etwa in Nestern oder im Boden, können Flöhe sogar höhere Bakterienkonzentrationen aufweisen als Flöhe im Fell. Klima und Fressverhalten spielen ebenfalls hinein.
Mehr als 200 Säugetierarten können erkranken, darunter Hunde und Katzen. Neben Haus- und Wanderratten wurden Hausmäuse als mögliche Auslöser einzelner Epidemien beschrieben. Sie spielen allerdings eine untergeordnete Rolle, weil sie keine ausreichend hohe Bakterienkonzentration im Blut entwickeln und ihr Floh ein schlechter Überträger ist. Die Schwarze Ratte gilt als wichtigster Vermittler der Pestepidemien von Indien 1898 bis Madagaskar 1998.
Bei der Pest in Bombay erkrankten 1905 zunächst Wanderratten, etwa zehn Tage später Hausratten; der Höhepunkt der menschlichen Sterblichkeit folgte knapp einen Monat später. Flöhe verlassen einen Wirt, sobald dieser erkaltet ist. In Regionen, in denen Meerschweinchen gegessen werden, kommt es dadurch weiterhin zu einzelnen Infektionen. Natürliche Reservoire finden sich bei Präriehunden, Erdhörnchen und Murmeltieren. Bekannt sind infizierte Tierpopulationen aus dem Kaukasus, Russland, Südostasien, China, der Mongolei, Teilen Afrikas, Mittel- und Südamerika sowie dem Südwesten der USA. In Europa und Australien sind keine infizierten Tierpopulationen bekannt.
Nach Nordamerika gelangte der Erreger vermutlich während einer Pestepidemie in Südostasien ab 1894 über ein Handelsschiff. Dort kommt es weiterhin gelegentlich zu Übertragungen von Tieren auf Menschen, häufig bei Jägern. Auch Hauskatzen können sich bei infizierten Präriehunden anstecken und Lungenpest auslösen.
Von der Beule bis zur Sepsis
Bei der Beulenpest beträgt die Inkubationszeit wenige Stunden bis sieben Tage. Kopf- und Gliederschmerzen, Fieber und starkes Krankheitsgefühl stehen am Anfang. Später können Benommenheit und Bewusstseinsstörungen hinzukommen. Lymphknoten im Abflussgebiet des Bisses – besonders am Hals, in den Achselhöhlen und in der Leistengegend – schwellen stark an. Diese schmerzhaften Schwellungen heißen Bubonen oder Pestbeulen, können bis zu zehn Zentimeter groß werden und sich durch Einblutungen blau-schwarz verfärben. Nach eitrigem Einschmelzen können sie nekrotisch zerfallen.
Gelangen genügend Bakterien in die Blutbahn, kann eine Pestsepsis entstehen. Beim Absterben der Bakterien werden große Mengen toxischer Sekrete freigesetzt; Nieren und Leber können geschädigt werden, ein toxischer Schock ist möglich. Die primäre Pestsepsis beginnt direkt mit dem Eintritt in die Blutbahn, häufiger entwickelt sie sich als Komplikation einer anderen schweren Pestform – etwa wenn eine Pestbeule nach innen aufplatzt. Hohes Fieber, Schüttelfrost, Kopfschmerzen, Schwindel, später Schock sowie großflächige Haut- und Organblutungen sind möglich. Unbehandelt liegt die Lebenserwartung bei höchstens etwa 36 Stunden, ein Multiorganversagen kann folgen.
Bei Pandemien
