Am 1. Oktober 2026 haben Bundeskanzler Friedrich Merz und NATO-Generalsekretär Mark Rutte das 1. Deutsch-Niederländische Korps in Münster besucht. Dort ging es um den Krieg gegen die Ukraine, um Europas Sicherheit – und um die Frage, wie lange Russland die Geduld und Geschlossenheit des Bündnisses noch testen will.

Merz kritisierte Russlands fehlende Bereitschaft zu Verhandlungen. Der Krieg dauert seit mehr als viereinhalb Jahren und gefährdet nach seinen Worten nicht nur die Ukraine, sondern auch die Sicherheit im übrigen Europa. Rutte rief zu weiterer Unterstützung der Ukraine auf.

Warnungen aus Münster

Nach Ruttes Angaben prüft Russland die NATO inzwischen in ganz Europa: durch Verletzungen des Luftraums, Sabotage und hybride Angriffe. Das Bündnis müsse darauf vorbereitet sein, dass solche Aktionen gegen seine Verbündeten andauern. Kein angenehmer Gedanke – eher einer, der sich im Bauch festsetzt.

Das Korps in Münster ist eine gemeinsame militärische Führungszentrale Deutschlands und der Niederlande. Rund 1.100 Soldatinnen und Soldaten gehören ihm an. Seit Juli 2026 trägt die Einheit in der NATO-Verteidigungsplanung die Verantwortung für Landoperationen an der NATO-Ostflanke, insbesondere in Estland und Lettland.

Am Nachmittag nahm Rutte in Münster für die NATO den Westfälischen Friedenspreis entgegen. Begründet wurde die Auszeichnung damit, dass das westliche Verteidigungsbündnis in Zeiten globaler Unsicherheit Verlässlichkeit schaffe, Partnerschaften fördere und durch Stabilität Frieden ermögliche. Merz hielt die Laudatio.

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Ein möglicher Test in der Grauzone

Parallel sorgt ein Bericht über CIA-Direktor John Ratcliffe für Unruhe. Er soll Russland bei einem Besuch in Moskau vor einem Angriff auf einen NATO-Staat gewarnt haben. Bekannt wurde die Reise durch Flugbeobachter: Eine US-Militärmaschine flog über Riga nach Moskau, später wurden Fahrzeuge mit US-Diplomatenkennzeichen gesehen.

Laut „Wall Street Journal“, „Politico“ und CBS News ging es vor allem um Estland, Lettland und Litauen. Der Kreml bestätigte Gespräche zwischen Geheimdiensten. Wladimir Putin nahm nicht teil, wurde anschließend aber informiert. Die CIA äußerte sich nicht. US-Präsident Donald Trump bezeichnete die Reise als teilweise routinemäßig und bestritt einen Zusammenhang mit einem möglichen NATO-Angriff; sie könne auch den Bemühungen um ein Ende des Ukraine-Kriegs dienen.

Ein Besuch eines amtierenden CIA-Chefs in Moskau bleibt trotzdem ungewöhnlich. William Burns war zuletzt im November 2021 dort, um Putin von einem Angriff auf die Ukraine abzuhalten. Die Warnung hatte offenbar keinen Erfolg: Drei Monate später begann Russland den Angriff auf die Ukraine. Ob Ratcliffes mutmaßliche Warnung diesmal abschreckt, ist offen.

Eine neue Einschätzung US-amerikanischer Geheimdienste hält es für möglich, dass Russland zwischen Herbst 2026 und 2029 die Geschlossenheit der NATO testen könnte. Eine große bevorstehende Invasion wird nicht erwartet, ein begrenzter Bodentruppeneinsatz gilt derzeit als wenig wahrscheinlich. Wahrscheinlicher wären Cyberangriffe und verdeckte Aktionen – etwa der Einsatz nicht gekennzeichneter bewaffneter Gruppen oder ein begrenzter Vorstoß auf das Gebiet eines östlichen NATO-Mitglieds.

Für das Bündnis wäre schon ein kleiner Angriff politisch heikel. Eine zögerliche oder uneinheitliche Reaktion könnte die Glaubwürdigkeit des Bündnisschutzes schwächen; eine direkte Konfrontation soll zugleich vermieden werden. Russland könnte also versuchen, gerade in einer Grauzone zu bleiben: schwerwiegend genug, um Schaden anzurichten, aber unklar genug, um die Partner auseinanderzubringen.

Was hybride Kriegsführung bedeutet

Hybride Kriegsführung verbindet militärische und nichtmilitärische, offene und verdeckte Mittel. Dazu zählen Cyberangriffe, Sabotage, Desinformation, wirtschaftlicher Druck und irreguläre Kampfverbände. Entscheidend ist, ob verschiedene Aktionen einem gemeinsamen politischen Ziel dienen – etwa Entscheidungen zu verzögern, Misstrauen zu säen oder Gesellschaften zu spalten.

Die Verschleierung macht die Zuordnung der Urheber schwierig und kann Reaktionen verzögern. Sicherheitsexperte Christian Mölling hält die Trennung zwischen hybriden und konventionellen Angriffen deshalb für künstlich: Russland betrachte verschiedene Mittel als zusammenhängendes Instrumentarium. Generalinspekteur Carsten Breuer sagte, Russland teste die Reaktionen westlicher Staaten und gewinne daraus Erkenntnisse für mögliche spätere Konflikte.

Für Transatlantikexpertin Heather Conley ist besonders wichtig, wie die USA reagieren würden. Ein möglicher Test könnte somit weniger auf militärische Stärke als auf politische Nerven zielen. Und genau dort wird es schnell kompliziert.

Im Mittelpunkt steht Artikel 5 des NATO-Vertrags: Ein bewaffneter Angriff auf ein Mitglied gilt als Angriff auf alle. Nach NATO-Angaben können auch schwere Cyberangriffe oder andere hybride Operationen die Schwelle zum Bündnisfall erreichen. Ob Artikel 5 angewendet wird, entscheidet die NATO im Einzelfall.

Der Bündnisfall führt außerdem nicht automatisch zu einer Kriegserklärung. Jedes Mitglied muss Unterstützung leisten, entscheidet aber selbst über deren Form. Für Moskau könnte gerade diese Spielraum-Frage interessant sein.

Warum das Baltikum im Fokus steht

Estland und Lettland grenzen an Russland. Litauen grenzt an die russische Exklave Kaliningrad und an Belarus. Alle drei Staaten sind auf eine schnelle und glaubwürdige NATO-Reaktion angewiesen. Das Baltikum gilt deshalb als besonders geeignet für einen Test – geografisch nah, politisch sensibel, militärisch eng mit dem Bündnis verbunden.

Der lettische Geheimdienst SAB berichtet über russische Sabotage, Cyberangriffe und Informationsoperationen gegen die westliche Unterstützung der Ukraine. Russland beobachte demnach die Reaktionen auf Drohnenflüge und Störungen kritischer Infrastruktur, auch wenn es selbst nicht als Urheber feststeht. Aus solchen Vorfällen könne Moskau Erkenntnisse über Reaktionszeiten und politische Konflikte gewinnen.

Laut SAB bleibt die Ukraine Russlands Priorität, weil der seit mehr als vier Jahren andauernde Krieg erhebliche russische Kräfte bindet. Das erklärt auch, warum ein großer Angriff auf NATO-Gebiet derzeit nicht erwartet wird. Kleine Nadelstiche sind etwas anderes.

Auch Deutschland betroffen

Deutschland ist laut Bundesregierung und Sicherheitsbehörden ebenfalls von hybriden Aktivitäten betroffen. Bundeskanzler Friedrich Merz bezeichnete Sabotage, Spionage und Angriffe auf Datennetze als hybride Kriegsführung. Verteidigungsminister Boris Pistorius warnte bereits im Februar 2025 vor weiteren hybriden Angriffen Russlands.

Der Verfassungsschutz bewertet Spionage, Sabotage, transnationale Repression und Cyberangriffe weiterhin als hohe Bedrohung. Die meisten nachrichtendienstlichen Aktivitäten gingen 2025 von Russland, China und Iran aus. Russische Dienste setzten zunehmend kurzfristig angeworbene Helfer ein; die Auftraggeber blieben hinter Mittelsmännern und verschleierten Befehlsketten verborgen.

Das macht die Lage so zäh: Ein beschädigtes Kabel, ein Angriff auf ein Datennetz oder eine Kampagne im Netz wirkt zunächst vielleicht wie ein einzelner Vorfall. Erst die Verbindung der Ereignisse kann zeigen, ob dahinter ein gemeinsames politisches Ziel steckt. Der lesbare Nachrichtenartikel aus der als dritte Quelle angegebenen PDF war nicht auswertbar und enthielt keine zusätzlichen Informationen.

In Münster ging der Tag derweil mit einer Preisverleihung zu Ende. Zwischen Friedenspreis, Korpsführung und Warnungen vor Sabotage liegt allerdings kein bequemer Abstand. Eher ein schmaler Grat – und dahinter die Frage, wie lange die NATO auf Provokationen reagieren kann, ohne sich auseinanderziehen zu lassen.