Neulatein zwischen Renaissance und KI: Innsbrucker SFB erschließt Europas vergessene Gelehrtensprache
Latein ist tot? Nicht ganz. An der Universität Innsbruck bekommt die alte Sprache jedenfalls ein neues Zuhause: Am 10. März 2026 wird dort der Spezialforschungsbereich (SFB) „Neo-Latin in the Modern World“ vorgestellt. In Betrieb ist er bereits seit Januar 2026. Das Projekt führt die Forschung des im Dezember 2024 ausgelaufenen Ludwig Boltzmann Instituts (LBI) für Neulateinische Studien weiter.
Im Mittelpunkt steht die Verwendung und Bedeutung des Lateinischen in der Neuzeit. Untersucht werden Texte weiblicher Autorinnen, die Rolle neulateinischer Schriften als Standardwerke und der mündliche Gebrauch der Sprache. Florian Schaffenrath ist Sprecher des vom österreichischen Wissenschaftsfonds FWF finanzierten SFB. 21 Mitarbeiter:innen aus sieben Staaten arbeiten daran mit – eine internationale Runde, die Kooperationen mit Neulatein-Forschungsgruppen in Europa erleichtern soll.
Eine Sprache zwischen Schule, Alltag und Gelehrtenwelt
Das Fachgebiet des Projekts liegt in Linguistik und Literaturwissenschaft; als Schlagwörter nennt der FWF Neulatein und Digital Humanities. Gemeint ist die lateinische Sprache und Literatur der Frühen Neuzeit, etwa von 1400 bis 1800. Latein war damals keine Muttersprache mehr, wurde aber von allen gebildeten Menschen in der Schule gelernt. Es funktionierte als gemeinsame Sprache Europas – ungefähr so, wie heute Englisch.
Die überlieferte Textmenge aus dieser Zeit ist deutlich größer als jene aus Antike und Mittelalter. Lateinische Texte waren ein wichtiger Teil der europäischen Literatur, und Sprache wie Literatur dieser Epoche werden heute zusammenfassend als Neulatein bezeichnet. Die neulateinische Literatur reicht dabei vom Frühhumanismus in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts über die folgenden Epochen bis in die Gegenwart.
Ganz sauber lässt sich die Grenze nicht ziehen. Im 14. und 15. Jahrhundert bestanden mittel- und neulateinische Literatur nebeneinander. Bis ins späte 15. Jahrhundert entstanden weiterhin Werke, vor allem Dichtungen, die der mittellateinischen Literatur zugerechnet werden. Als neulateinisch gelten für diese Zeit vor allem Texte von Autoren, die sich selbst als Humanisten verstanden.
Diese Autoren orientierten sich stärker am klassischen Latein, schrieben aber gerade in der frühen Neuzeit keineswegs immer vollständig klassisch. Schreibweisen blieben uneinheitlich – etwa bei „i“ und „y“ oder bei foemina/femina und conditionalis/condicionalis. Auch die Grammatik wich teilweise von der klassischen ab, unter anderem bei bestimmten Formen der u-Deklination und beim Futurpassiv-Imperativ. Gleichzeitig entstanden neue Wörter wie bomba atomica und bomba nuclearis für Atombombe, aeroplanum für Flugzeug oder postpositio für Postposition beziehungsweise Nachwort.
Sieben Projekte, eine digitale Plattform
Die Neulateinforschung gibt es erst seit wenigen Jahrzehnten und hat in dieser Zeit kräftig aufgeholt. Zwei Hürden bleiben jedoch: Die kulturelle und alltägliche Einbettung des Neulateins sowie seine vielen Funktionen sind noch nicht ausreichend erforscht. Und die meisten Texte bleiben Forschenden anderer Disziplinen ohne Lateinkenntnisse schwer zugänglich. Der interdisziplinäre Einfluss des Fachs war deshalb bisher begrenzt.
Der geplante Sonderforschungsbereich – im Englischen Special Research Area, SRA – soll beide Probleme angehen. Ein Forschungsprogramm mit sieben Teilprojekten untersucht die Wechselwirkungen zwischen Neulatein und zentralen Bereichen der frühneuzeitlichen Kultur und des Alltags. William Barton widmet sich dem Verhältnis von Neulatein und Altgriechisch, Martin Korenjak dem mündlichen Latein und Johanna Luggin dem Neulatein unter Frauen.
Weitere Projekte behandeln Neulatein als Übersetzungssprache (Federica Rossetti), als Sprache der Eingliederung in die katholische Kultur (Patryk Ryczkowski), die Entstehung verschiedener Kanones (Florian Schaffenrath) sowie die Rezeption neulateinischer Sprache und Literatur bis in die Gegenwart (Stefan Tilg). Die Vorhaben überschneiden sich und ergänzen einander. So soll sichtbar werden, wie eng Neulatein in die frühneuzeitliche Gesellschaft eingebettet war und wie intensiv es mit anderen Lebens- und Kulturbereichen wechselwirkte.
Herzstück der technischen Seite ist eine digitale Plattform mit einem umfangreichen Textkorpus, Programmen zur Transkription und Übersetzung sowie Werkzeugen zur Textanalyse. Dazu kommt ein auf neulateinische Themen spezialisierter Chatbot. Der SFB errichtet damit die bisher größte fachspezifische Datenbank zur Neulatein-Forschung; ein KI-gestützter Chatbot soll sie einer interessierten Öffentlichkeit niedrigschwellig zugänglich machen. Forschende zur Frühen Neuzeit sollen erstmals eigenständig neulateinische Texte für ihre jeweiligen Fragen auswerten können. Das könnte das Potenzial der Literatur für andere Disziplinen erschließen, die Neulateinforschung stärker in die allgemeine Frühneuzeitforschung einbinden und den Blick auf die Epoche verbreitern.
Am Projekt beteiligt sind unter anderem Raf Van Rooy von der Katholieke Universiteit Leuven in Belgien, Lucie Claire, François Ploton-Nicollet von der ENS de Lyon, Birgit Emich von der Goethe-Universität Frankfurt am Main, Peter Burschel von der Herzog August Bibliothek und Colette Nativel von der International Association for Neo-Latin Studies in Deutschland. Aus Italien kommen Pietro Daniel Omodeo von der Universität Ca’ Foscari Venedig, aus Litauen Mintautas Ciurinskas vom Institute of Lithuanian Literature and Folklore und Ina Kazuro von der Vilnius University. Ebenfalls genannt werden Philipp Rölli aus der Schweiz, Teresa Grant, Alex Tadel, Brenda Hosington und Ingrid De Smet von der University of Warwick, Gesine Manuwald vom University College London, Sara Miglietti von der University of London sowie Stephen Harrison von der University of Oxford.
Auf der Homepage des SFB sollen Forschungsergebnisse und weitere Meilensteine veröffentlicht werden. Geisteswissenschaft und moderne Technik sitzen hier also am selben Tisch. Ein bisschen ungewöhnlich, ja – aber genau darin liegt der Reiz.
Vom Humanismus bis zur lateinischen Wikipedia
Der frühe Buchdruck zeigt, welche Reichweite Latein einmal hatte. Von etwa 30.000 Wiegendrucken erschienen 21.123, also rund 70 Prozent, auf Latein. Zum Vergleich: 3.303 waren deutsch, 2.433 italienisch, 1.782 französisch, 571 niederländisch, 437 spanisch, 240 englisch und 154 hebräisch. Bis ins 18. Jahrhundert übertraf die neulateinische Literatur nach Umfang und Zahl der veröffentlichten Bücher die Literaturen anderer europäischer Sprachen.
Die Renaissance gilt auf literarischem Gebiet als Wiederbelebung der antiken Latinität. Frühhumanisten wie Petrarca und Boccaccio wandten sich vom als unelegant empfundenen Mittellatein und besonders von der scholastischen Fachsprache ab; ihr Maßstab waren Cicero und andere klassische Autoren. Nördlich der Alpen setzte sich dieser Stil ebenfalls durch, wobei Erasmus von Rotterdam eine wichtige Rolle spielte. Die Debatte über den Ciceronianismus kreiste um Möglichkeiten und Grenzen der Nachahmung klassischer Vorbilder.
Reformation und Gegenreformation stärkten die Stellung des Lateins. Philipp Melanchthon verfasste Lehrbücher und Lehrpläne für evangelische Gymnasien, mit dem Ziel einer aktiven Beherrschung der Sprache. Briefe an Nicolaus Copernicus dokumentieren den Übergang zu einer neulateinischen Gelehrtensprache im zweiten und dritten Jahrzehnt des 16. Jahrhunderts: Johannes Sculteti schrieb 1521 noch vergleichsweise schwerfälliges mittelalterliches Latein, Gemma R. Frisius verwendete 1541 bereits ein klareres und bildhafteres Neulatein.
Jesuiten brachten Latein mit ihren Schultheateraufführungen auch dem einfachen Volk nahe. Jakob Balde (1604–1668) gilt als bedeutender deutschsprachiger Barockdichter, der auf Latein schrieb. Seit 1658 lernten Generationen von Kindern mit Comenius’ deutsch-lateinischem Bilderbuch Orbis sensualium pictus. Erst mit dem Erstarken der Nationalsprachen ab dem 17. Jahrhundert verlor Latein zunehmend an Boden. In Deutschland erschienen 1681 erstmals mehr Bücher auf Deutsch als auf Latein. Lateinische Belletristik wurde danach zur Ausnahme; ein Beispiel ist Ludvig Holbergs Roman Nicolai Klimii iter subterraneum von 1741.
In der Wissenschaft blieb die Sprache trotzdem ein internationales Verständigungsmittel. Nicolaus Copernicus, Johannes Kepler und Galileo Gal
