In Serbien entscheidet sich am 25. Oktober 2026, ob eine Studentenbewegung aus Protesten gegen Korruption und staatliche Gewalt den Sprung ins Parlament schafft. Auslöser war der Einsturz des Bahnhofsvordachs in Novi Sad am 1. November 2024. 16 Menschen starben. Seitdem reißen die Demonstrationen nicht ab – erst in Novi Sad und Belgrad, später im ganzen Land.

Was als Studentenprotest begann, wurde zu einer Massenbewegung: für Rechtsstaatlichkeit und Demokratie, gegen Korruption, Machtmissbrauch, Wahlbetrug, Einschränkungen unabhängiger Medien und das autoritäre politische System von Präsident Aleksandar Vučić. Ihr Slogan lautet: „Entweder Serbien oder die Mafia“. Versprochen wird ein grundlegender politischer und gesellschaftlicher „Reset“.

Von besetzten Fakultäten zur Wahlliste

Ende 2024 besetzten Studenten staatliche Fakultäten. Im Folgejahr organisierten sie Fußmärsche durch Serbien und die größten Massenproteste der Landesgeschichte. Im Dezember 2024 demonstrierten in Belgrad gleichzeitig mehr als 100.000 Menschen – der größte Protest in Serbien seit dem Sturz Slobodan Miloševićs im Jahr 2000.

Die Bewegung zwang mehrere Politiker zum Rückzug. Der Bürgermeister von Novi Sad, Milan Đurić, trat zurück. Ministerpräsident Miloš Vučević kündigte am 28. Januar 2025 seinen Rücktritt an; das Parlament bestätigte ihn am 19. März. Bis zum 16. April blieb Vučević geschäftsführend im Amt.

Auch die Medien gerieten mitten hinein. In der Nacht zum 11. März 2025 blockierten Protestierende den Sitz des staatlichen Fernsehsenders RTS in Belgrad, nachdem eine Moderatorin sie in einer Livesendung gemeinsam mit Vučić als „Mob“ bezeichnet hatte. Die Polizei ging mit Schlagstöcken gegen die friedlich Demonstrierenden vor. Danach blockierten Protestierende den staatlichen Sender RTV in Novi Sad. Der Sender unterbrach seinen regulären Betrieb für einen Tag und zeigte stattdessen Spielfilme. In Kragujevac wurde das Gebäude des Lokalsenders RTK blockiert.

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Am 15. März 2025 versammelten sich in Belgrad schätzungsweise 275.000 bis 325.000 Menschen. Es war die größte Demonstration in der Hauptstadt und der vorläufige Höhepunkt der Proteste. Sicherheitsbehörden setzten dabei nach Einschätzung verschiedener Berichte wahrscheinlich eine Schallkanone gegen friedliche Demonstrierende ein.

Polizei und regierungsnahe Schlägertrupps gingen gegen Studenten vor. Ihnen wurden unter anderem Staatsstreich und Terrorismus vorgeworfen. Vučić und regimetreue Medien bezeichneten sie als Terroristen, Verräter und ausländische Söldner. Vučić machte pauschal „die Kroaten“ sowie angeblich kroatische Geheimdienste und Medien aus dem Kosovo für die Protestbewegung verantwortlich. Die serbische Regierung wies mehrere kroatische Teilnehmer einer NGO-Konferenz aus und verweigerte der Sängerin Severina die Einreise.

Im Mai 2026 wurde die Studentenbewegung als Bürgergruppe registriert. Im September reichte sie die erforderlichen Unterstützungsunterschriften für die Wahl ein. Antreten will sie mit der Liste „Studentenliste – Studenten siegen“.

250 Namen, kein Student

Auf der Liste stehen 250 Kandidaten für die 250 Parlamentssitze – aber kein einziger Student. Ausgewählt wurden sie von den Studenten: Professoren, Lehrer, Ärzte, Wissenschaftler, Ingenieure, Juristen, Landwirte und Arbeiter. Niemand ist Berufspolitiker; die meisten waren zuvor landesweit kaum bekannt, hatten sich aber lokal zivilgesellschaftlich engagiert.

Die Fakultätsplenen aller fünf serbischen Universitäten hatten bei der Auswahl ein Vetorecht. Trotz dieses basisdemokratischen Verfahrens einigten sich die Studenten auf eine gemeinsame Liste. Listenplatz eins belegt Ilija Srdanović, ein Kardiologe und Aktivist aus Novi Sad. Er bezeichnet sich als „Erster unter Gleichen“.

Eine zentrale Führung gibt es nicht. Die Bewegung setzt auf kollektive Entscheidungen der Studenten. Einen Kandidaten für das Amt des Ministerpräsidenten oder für einzelne Ministerposten hat sie nicht benannt. Auch nach einem Wahlsieg sollen die Studenten die politische Richtung bestimmen; ihre Abgeordneten und gegebenenfalls Regierungsmitglieder sollen die Beschlüsse der Studenten umsetzen.

Ihr Programm sieht vor, Korruption zu bekämpfen, staatliche Institutionen „zurückzuerobern“ und Amtsträger auf Amtsmissbrauch und Menschenrechtsverletzungen zu überprüfen. Eine Koalition mit etablierten Oppositionsparteien schließt die Bewegung aus. Intern nennt sie als Gründe die seit 14 Jahren erfolglose Opposition gegen Aleksandar Vučić, die fehlende Unterscheidbarkeit zwischen echter und regimetreuer Opposition sowie das verlorene Vertrauen in die Oppositionspolitiker.

Ein Duell mit offenem Ausgang

Die etablierten Oppositionsparteien blieben uneinig. Einige stellten keine eigenen Kandidaten auf und überließen der Studentenliste ihre Wahlkampflogistik, andere treten selbst an. Parteien, die an der Drei-Prozent-Hürde scheitern, werden bei der Sitzverteilung nicht berücksichtigt; davon könnten unter anderem die Regierungsparteien profitieren. Bestimmte Minderheitenparteien sind von dieser Hürde ausgenommen.

Im Zentrum steht der Zweikampf zwischen den Blöcken „Aleksandar Vučić – Vereintes Serbien“ und der Studentenliste. Umfragen sehen wechselweise die Studentenliste oder Vučićs Lager vorn. Die Wahl gilt als Referendum über das bestehende politische System. Beide Seiten stellen einen Sieg der jeweils anderen als Gefahr für Serbien dar.

Im Sommer 2026 kündigte Vučić vorgezogene Neuwahlen für den 25. Oktober 2026 an. Im September 2026 trat er als Präsident zurück. Als Grund wird genannt, dass er bei der Wahl als Kandidat für das Amt des Premierministers antreten kann. Vučić will den Wahlkampf seiner Serbischen Fortschrittspartei, der SNS, führen und Regierungschef werden.

Russland und Wladimir Putin unterstützten Vučić öffentlich. Als vergleichbares Modell wurde Putins Machtwechsel vom Präsidenten zum Regierungschef im Jahr 2008 genannt. Vučićs politischer Führungsstil ist stark auf seine Person ausgerichtet – ganz anders als das kollektive Modell der Studenten.

Das Regierungslager kündigt an, den Studenten keinen politischen Sieg zu überlassen. Vučić erklärte bereits vor der Wahl seinen Sieg und bezeichnet Zweifler als Staatsfeinde. Die Studenten betonen dagegen, trotz möglicher Widerstände nicht zurückzuweichen und den Wählerwillen verteidigen zu wollen.

Ein Land unter Spannung

Serbien ist stark gespalten. Täglich kommt es zu teils gewaltsamen Auseinandersetzungen, Analysten warnen vor einer möglichen Eskalation. Die Proteste werden den weltweiten Gen-Z-Protesten zugerechnet, haben aber längst eine eigene, serbische Wucht entwickelt: nasse Straßen, lange Märsche, blockierte Eingänge und Fakultätsplenen, in denen bis spät in die Nacht abgestimmt wird.

Der Einsturz in Novi Sad bleibt dabei der wunde Punkt. Die Demonstrierenden machen Korruption für das Unglück verantwortlich und fordern Rechtsstaatlichkeit. Dass ausgerechnet ein Bahnhofsvordach zum Ausgangspunkt einer landesweiten Bewegung wurde, klingt fast zu symbolisch – ist aber der konkrete Beginn dieser politischen Erschütterung.

Der Artikel von SWR Kultur wurde erstmals am 16. August 2025 veröffentlicht und zuletzt am 20. August 2025 aktualisiert. Am 17. Oktober 2026, wenige Tage vor der Wahl, ist die Lage noch immer offen. Die Studenten haben Kandidaten, Unterstützungsunterschriften und eine gemeinsame Liste. Vučić hat Erfahrung, ein eng geführtes politisches Lager und öffentlich bereits den Sieg verkündet.