US-Demokraten gewinnen beide Kongresskammern und wecken Kiews Hoffnung auf mehr Unterstützung
Die US-Demokraten haben bei den Zwischenwahlen 2026 in beiden Kammern des Kongresses die Mehrheit gewonnen. Für die Ukraine verbindet sich damit eine konkrete Hoffnung: Präsident Wolodymyr Selenskyj rechnet mit stärkerer Unterstützung aus Washington – mit Geld und Waffen. Das sagte er in einem Interview mit Jan Böhmermann für die Sendung „ZDF Magazin Royale“.
Selenskyj erklärte, er sei den Republikanern dankbar. Die Demokraten seien bei ihrer Unterstützung der Ukraine jedoch noch eindeutiger. Außerdem sprächen sie von einer Erneuerung der Beziehungen zwischen den USA und Europa. Sollte der US-Kongress die Ukraine ähnlich wie Europa unterstützen, werde dies den russischen Präsidenten Wladimir Putin unter Druck setzen, sagte Selenskyj.
Mehrheit für die Demokraten, viele offene Fragen
Bei den Kongresswahlen eroberten die Demokraten die Mehrheit im Repräsentantenhaus und im Senat von den Republikanern von US-Präsident Trump zurück. Teilweise gewannen sie Senatssitze, die seit mehreren Generationen republikanisch besetzt waren. Welche Auswirkungen der Machtwechsel auf die US-Außenpolitik haben wird, ist allerdings unklar.
In Europa geht die Sorge um, Trump könnte auf internationaler Ebene noch aggressiver auftreten. Im Oktober hatte er vom Kongress beschlossene Sanktionen gegen Russland per Dekret ausgesetzt und war dafür auch von Republikanern kritisiert worden. Das deutsch-amerikanische Verhältnis gilt seit Beginn seiner zweiten Amtszeit ohnehin als angespannt. Bundeskanzler Friedrich Merz sagte, das transatlantische Verhältnis habe seine Selbstverständlichkeit verloren. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier sprach von einem „Wertebruch“.
Die Bundesregierung wollte zunächst keine Bewertung abgeben. Ein Regierungssprecher erklärte, Deutschland werde die enge Zusammenarbeit mit den USA unabhängig von der neuen Mehrheitsverteilung im Kongress fortsetzen. Berlin werde weiterhin für eine stabile internationale Ordnung, regelbasierten Handel und eine starke NATO eintreten.
Berlin tastet sich vor
Merz sagte, Trump habe in den vergangenen zwei Jahren weitgehend am Kongress vorbei regiert und vor allem mit Executive Orders gearbeitet. Eine grundlegende Änderung seiner Regierungsweise erwartete der Kanzler deshalb nicht. Veränderungen seien vor allem bei der Budgetplanung und bei der Planung der Streitkräfte zu erwarten.
Außenminister Johann Wadephul betonte die enge Zusammenarbeit mit der US-Regierung und dem Kongress. Die Kooperation könne breiter und umfangreicher werden. Sein Verhältnis zu US-Außenminister Marco Rubio sei „vollkommen intakt“, sagte Wadephul. Die Gespräche mit Kongressabgeordneten wolle er weiter intensivieren. Nach den Wahlen erwartete er außerdem mehr parteiübergreifende Gespräche über die Unterstützung der Ukraine. Seiner Einschätzung nach hatten sich Unterstützer der Ukraine im Wahlkampf in beiden Parteien zurückgehalten.
Bundesbildungsministerin Karin Prien nannte das Ergebnis einen „Morgen der Zuversicht“ und ein kraftvolles Votum für die liberale Demokratie. Bayerns Ministerpräsident Markus Söder sprach von einem „erdrutschartigen“ Sieg. Er sah darin eine Chance für einen Neuanfang in den Beziehungen. Deutschland und Europa seien an mehr Kooperation mit den USA interessiert; Bayern bleibe transatlantisch, prowestlich und proamerikanisch.
CDU-Außenpolitiker Norbert Röttgen bezeichnete die US-Demokratie als robust. Die Wähler hätten eine deutlichere Richtungsentscheidung getroffen, als Umfragen erwarten ließen. Einschüchterungsversuche habe es nicht gegeben, und die Wählerschaft habe sich nicht von Großspendern wie Elon Musk beeinflussen lassen. Röttgen zeigte sich überrascht, dass Trump das Ergebnis anerkannte, statt es anzufechten.
Ukraine, Handel und der Blick auf den Iran-Krieg
Vizekanzler Lars Klingbeil gratulierte den Demokraten und verband den Wahlausgang mit der Erwartung, dass sich politische Entwicklungen verbessern könnten. Er forderte Gespräche mit Demokraten und gemäßigten Republikanern über eine Handelspolitik ohne Zölle, ein Ende des Iran-Kriegs, den Schutz der Ukraine und die Wiederherstellung der Energiesicherheit. Die Hand der SPD und der transatlantischen Kräfte sei ausgestreckt.
Arbeitsminister Alexander Schweitzer warnte allerdings vor überhöhten Erwartungen. Auch frühere US-Regierungen hätten eine stark protektionistische Wirtschaftspolitik betrieben. Die Tonlage könne sich verbessern, die Welthandelspolitik werde sich aber nicht grundlegend umkehren.
Verteidigungsminister Boris Pistorius gratulierte den Demokraten zu einem „historischen Sieg“. Die amtierende US-Regierung bleibe jedoch unverändert. Deutschland werde den Kontakt zu Demokraten und Republikanern suchen.
AfD-Chefin Alice Weidel bewertete eine Niederlage der Republikaner bei Midterms als grundsätzlich nicht ungewöhnlich, das Ausmaß jedoch als bemerkenswert. Sie führte es vor allem auf die Folgen des Iran-Kriegs zurück. Trump habe eine nicht interventionistische Außenpolitik versprochen; der Bruch dieses Versprechens habe den Republikanern geschadet. AfD-Außenpolitiker Markus Frohnmaier nannte den Iran-Krieg ebenfalls als einen Hauptgrund und bezeichnete das Ergebnis als ernsten Rückschlag für die Republikaner. An den politischen Übereinstimmungen mit US-Partnern ändere es zugleich nichts.
Grünen-Fraktionschefin Katharina Dröge stellte den Wahlausgang in eine Reihe mit Niederlagen rechtsextremer oder autoritärer Politiker in anderen Ländern. Für sie zeigt sich darin, dass solche Politiker in Demokratien Wahlen verlieren können – ein Moment der Hoffnung über die USA hinaus. Grünen-Chefin Franziska Brantner sprach von hoffnungsvollen Nachrichten. Viele Wähler hätten Trumps Politik abgelehnt, progressive demokratische Mehrheiten könnten zurückgewonnen werden. Die frühere Grünen-Vorsitzende Ricarda Lang bezeichnete das Ergebnis auch als Sieg gegen den Einfluss Elon Musks.
Die Linke erklärte, die Menschen seien wegen hoher Preise und Trumps Politik unzufrieden. Arbeitende Menschen hätten deutlich gemacht, dass das Leben wieder bezahlbar werden müsse.
FDP-Europaabgeordnete Marie-Agnes Strack-Zimmermann sagte, die US-Demokratie lebe. Die Demokraten hätten in beiden Kongresskammern nun die Möglichkeit, Trump Grenzen zu setzen. Das Ergebnis sei ein Stoppsignal an das Weiße Haus und stärke die Gewaltenteilung. Europa dürfe sich dennoch nicht zurücklehnen: Die Außen- und Sicherheitspolitik werde weiterhin vom US-Präsidenten bestimmt. Europa müsse unabhängig vom Wahlausgang in Washington verteidigungsfähig sein und seine Interessen selbstbewusst vertreten.
Warum Senat und Vorstädte so entscheidend sind
Der Senat steht traditionell besonders im Fokus, weil er nicht nur an der Gesetzgebung beteiligt ist, sondern auch Präsidentschaftskandidaten bestätigt. Besonders umkämpfte Rennen wurden in Georgia, Michigan, Maine und Alaska erwartet. Mehrere republikanisch gehaltene Sitze waren trotz einer zunächst für die GOP günstigen Wahlkarte gefährdet. Die Kandidaten versuchten, über ihre Parteibasis hinaus unabhängige Wähler zu gewinnen. Vom Ergebnis hängt maßgeblich ab, ob die nächste Regierung ihre Gesetzesagenda umsetzen und wichtige Positionen besetzen kann.
Im Repräsentantenhaus wird die Kontrolle häufig in wenigen Vorstadt- und Wechselwählerbezirken entschieden, insbesondere in Arizona, Michigan, Pennsylvania und New York. Die Demokraten galten dort als besser positioniert, die Kammer zurückzugewinnen. Neuzuschnitte der Wahlkreise in Texas und Florida könnten den Republikanern helfen, gefährdete Sitze zu halten.
In den engsten Rennen geht es um Lebenshaltungskosten, Grenzsicherheit und die lokale Wirtschaft. Entscheidend ist dabei oft weniger der nationale Parteitrend als die Frage, wie die eigene Haushaltslage im jeweiligen Bezirk eingeschätzt wird. Das klingt trocken, landet aber direkt am Küchentisch.
Auch die Zollpolitik ist wichtiger geworden. Wähler wägen höhere Importkosten gegen Lieferkettensicherheit und Ziele der heimischen Produktion ab. Mehr als 65 Prozent der Befragten einer Umfrage waren der Ansicht, Zölle hätten Alltagsausgaben wie Lebensmittel, Wohnen, Transport und Gesundheitsversorgung weniger erschwinglich gemacht – und zwar über Parteigrenzen hinweg. Einer weiteren Umfrage zufolge lehnten 60 Prozent der Amerikaner die jüngsten Zollerhöhungen ab. Etwa die Hälfte erwartete negative Auswirkungen auf die USA und den eigenen Haushalt.
Viele Wähler verbinden Zölle zunehmend mit höheren Kosten und wachsendem Druck auf die Lebenshaltungskosten. Der effektive US-Zollsatz stieg 2025 sprunghaft auf knapp 28 Prozent und wurde für 2026 auf 11,8 Prozent geschätzt. Ein republikanischer Wahlsieg könnte zusätzliche Beschränkungen gegenüber China, Anreize für die Rückverlagerung von Produktion in die USA und eine stärker industrieorientierte Politik begünstigen.</p
