In Flensburg könnte ein neuer Ort der Erinnerung an die NS-Zeit entstehen – ausgerechnet in einem Gebäude, das selbst tief mit der Geschichte des Nationalsozialismus verbunden ist. Der Historiker Prof. Gerhard Paul schlägt vor, im Polizeipräsidium an den Norderhofenden einen NS-Erinnerungsort einzurichten.

Paul lehrte Geschichte an der Universität Flensburg und hat das Ende der NS-Herrschaft in Flensburg intensiv erforscht. Gemeinsam mit mehreren Mitstreitern legte der emeritierte Flensburger Geschichtsprofessor nun ein Konzept sowie einen offenen Brief vor. Darin fordert er, die bevorstehende Veränderung bei der Polizei für einen Erinnerungsort zu nutzen.

Ein Gebäude mit belasteter Vergangenheit

Während der NS-Zeit befanden sich in dem Gebäude das Polizeipräsidium und der Sitz der Gestapo. Im dortigen Saal traf sich die SS-Führung unter Reichsführer Heinrich Himmler letztmals. Im Hinterhof führten britische Besatzer im Mai 1945 den verhafteten Hitler-Nachfolger Karl Dönitz der Presse vor.

Die Polizei will ihre Direktion 2031 verlassen. Für Paul öffnet sich damit ein Zeitfenster, das nicht einfach verstreichen sollte. Er befürchtet, dass ein Investor das denkmalgeschützte Gebäude erwerben könnte. Dann wäre womöglich vieles schwieriger – oder gleich ganz vom Tisch.

Sein Vorschlag beginnt bewusst niedrigschwellig: Das Gebäude soll zunächst mit geringem finanziellem Aufwand zugänglich gemacht werden, ergänzt durch Schautafeln. Langfristig hält Paul eine Ausstellung über die letzten Tage des NS-Regimes in Flensburg für möglich. Nach seiner Einschätzung könnte sie bundesweite Bedeutung erlangen und vom Bund finanziert werden.

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Deutsches Haus bleibt städtischer Plan

Die Stadt Flensburg hält weiterhin an einem Vermittlungszentrum im Deutschen Haus fest. Geplant ist es im Bibliotheksflügel; die Ratsvertretung hat dafür bereits einen Grundsatzbeschluss gefasst.

Damit ist der Standort an den Norderhofenden allerdings nicht automatisch ausgeschlossen. Der Grundsatzbeschluss zum Vermittlungszentrum im Deutschen Haus schließt zusätzliche Erinnerungsorte ausdrücklich nicht aus. Zwei Orte, zwei Funktionen – oder am Ende doch eine Konkurrenz um Geld, Aufmerksamkeit und Publikum? Genau dort wird es vermutlich knifflig.

Die Stadt warnt vor hohen Sanierungskosten und organisatorischen Hürden. Ein denkmalgeschütztes Gebäude zugänglich zu machen, Schautafeln aufzustellen und später eine größere Ausstellung einzurichten, klingt auf dem Papier einfacher, als es in der Praxis sein dürfte.

Eine offene Frage für Flensburg

Die Debatte berührt damit mehr als die Wahl eines Ausstellungsortes. Es geht um ein Gebäude, in dem zentrale Akteure der NS-Herrschaft agierten, und um die letzten Tage des Regimes in Flensburg. Pauls Konzept setzt auf den konkreten historischen Ort; das geplante Vermittlungszentrum im Deutschen Haus soll die NS-Zeit an einem anderen zentralen Standort vermitteln.

Von der Universität Flensburg aus, an der Paul lange Geschichte lehrte, ist die Diskussion jedenfalls nicht weit entfernt. Noch ist offen, wie die Stadt mit dem Vorschlag umgeht, welche Rolle das Polizeigebäude nach dem Auszug der Polizei 2031 spielen kann und ob aus den ersten Schautafeln tatsächlich eine Ausstellung mit bundesweiter Ausstrahlung wird.