An der Uni Flensburg geht es am 2. November 2026 um eine Frage, die längst nicht mehr nur Bildungspolitiker beschäftigt: Wer steht künftig vor den Klassen? In Schleswig-Holstein soll eine „Allianz für Lehrkräftebildung“ dem Lehrkräftemangel entgegenwirken. Ihr Ziel: mehr Absolventinnen und Absolventen für Lehramtsstudiengänge gewinnen, damit künftig ausreichend Lehrkräfte da sind und der Unterricht an den Schulen gewährleistet bleibt.

Bildungsministerin Dorit Stenke (CDU) hat nach vier Jahren eine erste Bilanz gezogen. Die 2022 gegründete Allianz besteht aus Expertinnen und Experten und berät das Bildungsministerium bei der Ausbildung und Gewinnung von Lehrkräften. In den vergangenen vier Jahren wurden 28 Maßnahmen gestartet. Darunter sind neue Studiengänge, zusätzliche Beratung und gezielte Unterstützung – vor allem in Mathematik und den Naturwissenschaften.

Erste Fortschritte, aber Streit über die Zahlen

Stenke sieht darin erste Erfolge. In einigen Fächern sei die Zahl der Studienanfänger um bis zu zehn Prozent gestiegen. Das klingt zunächst nach Rückenwind. Die SPD bewertet die Entwicklung allerdings deutlich negativer: Landesweit sei die Zahl der Lehramtsanfänger seit 2022 um fast 37 Prozent gesunken. Außerdem werde die Wirksamkeit vieler Maßnahmen nicht ausreichend überprüft.

Auch die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, kurz GEW, hält die Ansätze grundsätzlich für gut. Gleichzeitig kritisiert sie zunehmend schlechtere Studienbedingungen, die aus der Unterfinanzierung der Hochschulen entstehen. Mehr Beratung und neue Studiengänge helfen eben nur begrenzt, wenn Seminare aus allen Nähten platzen oder Geld für gute Betreuung fehlt.

Die Landesregierung will trotzdem an ihrem Kurs festhalten und bis 2029 bis zu 10,5 Millionen Euro investieren. Seit 2023 flossen insgesamt 16 Millionen Euro in die Projekte der Allianz.

Hier könnte Ihr Advertorial stehen
Ein Advertorial bietet Unternehmen die Möglichkeit, ihre Botschaft direkt im redaktionellen Umfeld zu platzieren

Ein bundesweites Problem mit regionalen Schieflagen

Schleswig-Holstein steht damit nicht allein da. In Deutschland herrscht Lehrkräftemangel, mehrere Bundesländer können offene Stellen nur schwer besetzen. Häufig werden Seiteneinsteiger eingestellt, also Menschen ohne formale Lehramtsausbildung. 2024 besaß in Brandenburg und Sachsen-Anhalt fast die Hälfte der neu eingestellten Lehrkräfte keine solche Ausbildung.

Die Kultusministerkonferenz, KMK, prognostizierte für 2024 rund 17.400 fehlende Lehrkräfte. Die Lücke zwischen Angebot und Nachfrage werde sich nur langsam verringern. Erst 2033 könnte es deutschlandweit erstmals einen leichten Überschuss an Lehrkräften geben – sofern sich die Entwicklung wie erwartet fortsetzt.

Wie stark Quer- und Seiteneinsteiger eingesetzt werden, unterscheidet sich von Land zu Land erheblich. In einigen Bundesländern entfällt inzwischen mehr als jede vierte Neueinstellung auf Personen ohne formale Lehramtsqualifikation. Andere Länder greifen nur selten auf Seiteneinsteiger zurück, weil dort genügend ausgebildete Lehrkräfte verfügbar sind. Besonders häufig kamen sie 2024 in beruflichen Fächern wie Metalltechnik, Elektrotechnik und Sozialpädagogik zum Einsatz, außerdem in naturwissenschaftlichen Fächern und im Deutschunterricht.

Die Gesamtzahl der Lehrkräfte in Deutschland ist in den vergangenen Jahren zwar gestiegen. Zugleich ist der Lehrkräftebestand jünger geworden, wodurch die Zahl zunächst gehalten oder sogar weiter erhöht werden könnte. Vor allem ostdeutsche Bundesländer bilden eine Ausnahme, insbesondere Sachsen-Anhalt und Thüringen: Dort steht eine Pensionierungswelle bevor, die viele Neueinstellungen nötig machen wird.

Mehr Kinder, mehr Druck auf Schulen

Ein wesentlicher Grund für den erwarteten Mangel liegt bei den Schülerzahlen. Der Geburtenanstieg der 2010er-Jahre erreicht bereits die Grundschulen. 2023 und 2024 wurden so viele Kinder eingeschult wie seit 2003 nicht mehr. Im weiteren Verlauf dieses Jahrzehnts werden die steigenden Schülerzahlen auch die weiterführenden Schulen erreichen.

Bis 2035 erwartet die KMK einen Anstieg der Schülerzahlen insgesamt um mehr als neun Prozent. In der Sekundarstufe I könnte die Zahl sogar um fast zwölf Prozent wachsen. Dazu kommen weitere Faktoren: leistungsschwächere Schülerinnen und Schüler sollen stärker gefördert werden, auch um pandemiebedingte Lernrückstände auszugleichen. Ein steigender Anteil von Kindern bleibt länger in der Schule und erwirbt die Hochschulreife, was den Bedarf in der Sekundarstufe II erhöht. Zuwanderung, etwa infolge des Kriegs in der Ukraine, kann den Bedarf zusätzlich vergrößern.

Der Engpass betrifft allerdings nicht alle Schulformen und Lehrämter gleichermaßen. Laut KMK sind besonders die Sekundarstufe I und berufliche Schulen betroffen. An Grundschulen könnte sich die Lage im Laufe der 2020er-Jahre entspannen; für Grundschulen und die Sekundarstufe II erwartet die KMK in den kommenden Jahren sogar ein Überangebot an Lehrkräften.

Eine im Januar 2024 veröffentlichte Studie der Bertelsmann Stiftung kam zu dem Ergebnis, dass der Engpass an Grundschulen bereits 2024 überwunden werde. Bis 2035 könnten dort rund 45.800 ausgebildete Grundschullehrkräfte mehr verfügbar sein als benötigt werden. Während also in einem Bereich Entspannung möglich ist, brennt es andernorts weiter. Genau diese Verschiebungen machen die Planung so mühsam.

Das lange Echo verpasster Ausbildung

Die Lehrkräftelücke wird im Wesentlichen auf ein langjähriges Ausbildungsdefizit zurückgeführt. In der Vergangenheit hätten deutlich mehr Menschen ein Lehramtsstudium aufnehmen müssen. Eine länderübergreifende Koordination der Lehrkräfteausbildung fehlte bislang. Jedes Bundesland legt selbst fest, wie viele Studienplätze für künftige Lehrkräfte angeboten werden – und mehrere Länder bilden derzeit nicht genügend Fachkräfte aus, um ihren eigenen Mindestbedarf zu decken.

Ein Blick ins Saarland zeigt, wie weit Angebot und Bedarf auseinanderliegen können: 2023 wurden dort fast doppelt so viele Personen in den Vorbereitungsdienst aufgenommen, wie im selben Jahr die erste Lehramtsprüfung absolvierten. 2024 war die Zahl der Neueinstellungen im Schuldienst deutlich mehr als doppelt so hoch wie die Zahl der Absolventen des Vorbereitungsdienstes.

Die Allianz in Schleswig-Holstein versucht, an einem früheren Punkt anzusetzen: bei Studieninteressierten, bei Beratung und bei den Fächern, in denen der Nachwuchs besonders knapp ist. Ob die Maßnahmen dauerhaft tragen, wird sich nicht an einer einzelnen Bilanz ablesen lassen. Und zwischen Hörsaal, Praktikum und Klassenzimmer liegen bekanntlich ein paar lange Semester.

Die zugrunde liegende Statista-Übersicht wurde am 17. Dezember 2025 von Bruno Urmersbach veröffentlicht. Sie wird als Basisinformation bezeichnet; für Richtigkeit und Vollständigkeit wird keine Gewähr übernommen. Statistiken können wegen unterschiedlicher Aktualisierungszeitpunkte einen neueren Datenstand haben.

Quelle: Schleswig-Holsteinischer Zeitungsverlag · Quelle: NDR · Quelle: Statista