Wenn Kunst und Astrophysik aufeinandertreffen, wird es schnell sehr groß: Es geht um Licht, Zeit, ferne Galaxien – und um die Frage, wie Menschen überhaupt erkennen, was da draußen ist. In Frankfurt widmet sich die Ausstellung „DEEP FIELD. Die Vermessung des Unvorstellbaren“ genau diesem Spannungsfeld.

Zu sehen ist sie vom 6. November 2026 bis 30. Mai 2027 im MGGU – Museum Giersch der Goethe-Universität. Die Pressekonferenz mit Einführung und Rundgang findet am Donnerstag, 5. November 2026, um 11 Uhr statt. Daran nehmen unter anderem Nina Caviezel, Hannah Elfner, Camilla Juul Hansen, Armin Linke, Katie Paterson, Direktorin Ina Neddermeyer sowie die Kurator:innen Katrin Kolk, Tim Pickartz und Max Zimmermann teil.

Licht als Material, Daten als Geschichte

Der Begriff „Deep Field“ bezeichnet lang belichtete Aufnahmen entfernter Himmelsbereiche. Dabei werden auch lichtschwache Galaxien sichtbar, die sonst im Dunkeln bleiben würden. Das erste Deep Field entstand 1995 mit dem Hubble-Weltraumteleskop. Heute ermöglicht auch das James-Webb-Weltraumteleskop solche Blicke in die Tiefe.

Die Ausstellung verbindet zeitgenössische Kunst mit aktueller astronomischer und astrophysikalischer Forschung. Beteiligt sind unter anderem die Künstler:innen Katie Paterson, Armin Linke, Nina Caviezel und Rashiyah Elanga, die Wissenschaftlerinnen Prof. Dr. Camilla Juul Hansen und Prof. Dr. Hannah Elfner sowie die Medienwissenschaftlerin Prof. Dr. Estelle Blaschke. Es geht um wissenschaftliche Erkenntnis, visuelle Wahrnehmung und künstlerische Interpretation – drei Zugänge, die sich nicht immer bequem zusammenlegen lassen.

Im ersten Obergeschoss stehen Arbeiten von Katie Paterson. Drei neue Werke entstanden in Zusammenarbeit mit Camilla Juul Hansen, Hannah Elfner und deren Forschungsgruppen. In „Night“ wird das Farbspektrum von rund 9.000 mit bloßem Auge sichtbaren Sternen zu einer leuchtenden Skulptur verdichtet. „Icarus“ übersetzt das Licht eines extrem weit entfernten Sterns in einen subtilen Blauton. Bei „Ideas“ leuchten poetische Satzfragmente kurz auf und verschwinden wieder; die Arbeit bezieht sich auf Quantenzustände im frühen Universum.

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Weitere Werke Patersons kreisen um Licht, Zeit und Himmelsbewegungen – als künstlerische Versuchsanordnungen, in denen man sich ruhig ein bisschen verlieren darf.

Eine Etage darüber zeigt Armin Linke die raumübergreifende Installation „Light, refracted“. Fotografien, Filme, Texte und wissenschaftliche Objekte dokumentieren astronomische Beobachtungsprozesse. Entstanden ist die Arbeit in Zusammenarbeit mit Camilla Juul Hansen, Estelle Blaschke und Nina Caviezel.

Linke verfolgt die Entstehung, Verarbeitung und Archivierung astronomischer Daten und fragt, wie daraus Wissen wird. Teleskope sammeln die Strahlung weit entfernter Himmelskörper. Spektralanalysen erlauben Rückschlüsse etwa auf die chemische Zusammensetzung und die Entwicklung astronomischer Objekte. Die Installation zeigt aber nicht nur Messwerte: Zu sehen sind auch die beteiligten Menschen, Observatorien, technischen Abläufe und die Entstehung wissenschaftlicher Bilder.

Satelliten im Osthafen und in der Studiengalerie

In Kooperation mit Atelierfrankfurt richtet das MGGU erstmals einen Ausstellungssatelliten im Frankfurter Osthafen ein. In der RAMPE im AF präsentiert Nina Caviezel vom 30. Oktober 2026 bis 11. Februar 2027 die Neuproduktion „From Dust to Data“. Fotografien, Archivmaterial und eine 22-minütige Videoarbeit beschäftigen sich mit Reinraumtechnologien und Datenprozessen, die Weltraumteleskope wie Hubble und James Webb überhaupt ermöglichen.

Einen weiteren Satelliten zeigt die Studiengalerie 1.357 vom 4. November bis 9. Dezember 2026. Dort läuft Rashiyah Elangas 18-minütige Videoarbeit „Another dream under the Troposphere“. Die Handlung folgt der Astronautin Eli auf den Jupitermond Europa, wo sie Möglichkeiten menschlicher Besiedlung untersucht. Afrofuturismus und DIY-Ästhetik treffen auf Fragen nach Schwarzer Identität, Zugehörigkeit und kolonialen Kontinuitäten.

Begleitend erscheint ein sechsteiliger Podcast. Künstler:innen, Wissenschaftler:innen und das kuratorische Team sprechen über die Ausstellung, ihre Zusammenarbeit und unterschiedliche Zugänge zur Universumsforschung. Die Folgen sind vor Ort sowie über Spotify und Apple Podcasts verfügbar.

Eine Teaching Wall lädt Besucher:innen ein, Fragen und Gedanken zu hinterlassen. Beteiligte Wissenschaftler:innen der Goethe-Universität greifen diese regelmäßig auf und beantworten sie. Eine begleitende Website erklärt die Forschung, auf der die ausgestellten Werke aufbauen. Workshops für Schulklassen widmen sich Licht und Farbe im Kosmos sowie fotografischen Verfahren.

Was ein Deep Field tatsächlich zeigt

Ein konkretes Beispiel für diese Art des Sehens ist Webb’s First Deep Field, die erste veröffentlichte farbige Aufnahme des James-Webb-Weltraumteleskops nach Beginn seines wissenschaftlichen Betriebs. Das Bild zeigt einen etwa 2,4 Winkelminuten großen Himmelsausschnitt im Sternbild Volans, zentriert auf den Galaxienhaufen SMACS 0723.

Der Haufen ist etwa 4,6 Milliarden Lichtjahre entfernt und hat eine Rotverschiebung von 0,390. Aufgenommen wurde das Feld mit der Nah-Infrarotkamera NIRCam. Es handelt sich um eine Komposition aus mehreren Aufnahmen, die über insgesamt mehr als 12,5 Stunden bei verschiedenen Wellenlängen entstanden.

Die Galaxien des Haufens erscheinen überwiegend weiß, während Hintergrundgalaxien eher rötlich dargestellt werden. Die Masse von SMACS 0723 erzeugt außerdem einen Gravitationslinseneffekt: Weiter entfernte Galaxien werden mehrfach abgebildet, ihre Lichtbilder verzerrt und verstärkt. Dadurch reicht der Blick tiefer ins Universum, als es in einem vergleichbaren Himmelsfeld ohne Galaxienhaufen möglich wäre.

Vorgestellt wurde das Bild am 11. Juli 2022 vom damaligen US-Präsidenten Joe Biden. Die sichtbaren Lichtkreuze und Spikes um helle Punktquellen sind Beugungsartefakte des Teleskops. Insgesamt sind acht Spikes zu sehen: Sechs entstehen durch die Beugung an den Rändern der 18 sechseckigen Hauptspiegelsegmente, zwei schwächere horizontale Spikes durch die Streben des Sekundärspiegels.

Die drei Streben des Sekundärspiegels erzeugen durch Beugung sechs Spikes. Vier davon liegen auf den Spikes des Hauptspiegels und sind deshalb nicht separat sichtbar. Teleskope mit kreisförmigen Spiegeln oder Linsen erzeugen keine solchen Lichtkreuze, sondern konzentrische Ringe, die als Beugungsscheibchen bezeichnet werden.

Ein Teleskop, das kosmologische Modelle ins Wanken bringt

Wie aktuell solche Beobachtungen sind, zeigte sich im Juni 2026 bei Untersuchungen des Galaxienhaufens XLSSC 122. Forscher:innen beobachteten ihn mit dem James-Webb-Weltraumteleskop in einer Entfernung von rund 10,4 Milliarden Lichtjahren – zu einer Zeit intensiver Sternentstehung, dem sogenannten kosmischen Mittag.

XLSSC 122 besitzt schätzungsweise etwa 300 Billionen Sonnenmassen und ist ungewöhnlich massereich und stark strukturiert. Nach gängigen kosmologischen Modellen sollten sich derart große Strukturen im frühen Universum langsamer entwickeln. Der Haufen wirkt als Gravitationslinse: Seine Masse krümmt die Raumzeit und lenkt das Licht weiter entfernter Galaxien ab. Auf den Aufnahmen erscheinen diese Linseneffekte als blaue Lichtbögen.

Entdeckt wurde XLSSC 122 bereits 2014 mit dem Röntgenteleskop XMM