In Vancouver wurde die mögliche Schließung des medizinhistorischen Instituts der Goethe-Universität Frankfurt wahrgenommen. Der Sohn eines Auschwitz-Überlebenden, der die Zwillingsversuche Josef Mengeles überstanden hatte, wandte sich dazu in einem Leserbrief an die F.A.Z. Sein Vater war Häftling in Auschwitz gewesen. Mengele hatte zuvor am damaligen Frankfurter Institut für Erbbiologie und Rassenhygiene promoviert.

Der Leserbrief machte deutlich, warum die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der Geschichte und Ethik der Medizin nicht einfach aus dem Universitätsbetrieb verschwinden darf. Nach jüngsten Angaben steht eine Schließung des Instituts zwar nicht mehr zur Diskussion. Ruhe ist deshalb aber noch lange nicht eingekehrt: Eine mögliche Auslagerung der Bibliothek und die Verlegung der Institutsprofessur sorgen weiter für Unsicherheit.

Eine Bibliothek voller Spuren

Das Dr. Senckenbergische Institut für Geschichte und Ethik der Medizin liegt nahe der Uniklinik, in einem Altbau in der Paul-Ehrlich-Straße. Dort stehen rund 70.000 Bücher, darunter ein medizinisches Fachbuch aus dem Jahr 1491. Zum Bestand gehören außerdem mehr als 2.000 originale Glasdias aus dem Besitz des Rassenhygienikers Ottmar von Verschuer.

Von Verschuer lehrte am 1935 in Frankfurt gegründeten Institut für Erbbiologie und Rassenhygiene. Er war der Doktorvater Josef Mengeles, des späteren Lagerarztes von Auschwitz. Die Sammlung steht Studierenden und weiteren Interessierten offen. Sie ist also kein staubiges Hinterzimmer, in dem Geschichte unter Glas liegt, sondern Arbeitsgrundlage für Forschung und Lehre.

Institutsleiter Michael Sachs warnt, dass eine Umstrukturierung oder Auflösung Forschung und Lehre schaden könnte. Auf Universitätsebene laufen Gespräche über die künftige Organisation. Einzelne Aufgaben könnten nach Sachs’ Einschätzung an andere Fachbereiche oder an andere hessische Universitäten übertragen werden. Das würde die Lehre am Fachbereich Medizin nicht verbessern und faktisch zur Schließung des Instituts in seiner bisherigen Form führen. Eine Stellungnahme des Dekanats lag zum Zeitpunkt des Berichts noch nicht vor.

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300.000 Euro für ein breites Aufgabenfeld

Der Etat ist über Jahre gekürzt worden, zugleich wurden Stellen abgebaut. Das Jahresbudget beträgt derzeit etwa 300.000 Euro. Neben Sachs arbeiten eine Bibliothekarin und drei wissenschaftliche Mitarbeiter am Institut – sämtliche Stellen sind Teilzeitstellen. Damit seien die in der Approbationsordnung vorgeschriebenen Aufgaben in Lehre und Forschung kaum noch zu bewältigen, sagt Sachs.

Zum Angebot gehören Lehrveranstaltungen für Medizin- und Zahnmedizinstudierende zur Geschichte der Medizin und zur Medizinethik. Das Institut forscht außerdem zu ethischen Fragen in der Altenpflege und bietet Ethikfallberatungen an. Ein stark verkleinerter Institutsrest oder eine Forschungsstelle mit geringem Budget stehen deshalb als Befürchtung im Raum.

Sachs macht dem Dekanat und den übrigen Universitätsgremien keine Vorwürfe. Sie müssten die im Hochschulpakt vorgesehenen Einsparungen umsetzen. Die hessischen Hochschulen prüfen derzeit, auf welche Studiengänge und Forschungsbereiche sie verzichten können. An der Goethe-Universität wird unter anderem über die Zusammenlegung von Fachbereichen nachgedacht, um die Verwaltung effizienter zu machen.

Parallel steht die Entscheidung an, ob Frankfurt gemeinsam mit Mainz und Darmstadt den Titel „Exzellenzuniversität“ erhält. Das Ergebnis dieses Wettbewerbs könnte beeinflussen, wie Ressourcen künftig innerhalb der Universität verteilt werden. Eine Universität muss nicht jedes Fachgebiet anbieten – bei knappen Mitteln gilt eine Überprüfung des Studien- und Forschungsangebots als möglich. Gerade die Medizingeschichte wird dabei als gesellschaftlich relevantes Fachgebiet eingeordnet.

Frankfurter NS-Medizin im Blick

Frankfurts Kultur- und Wissenschaftsdezernentin Ina Hartwig (SPD) erklärte, die Stadt arbeite kontinuierlich an der Erforschung und Aufarbeitung der NS-Verbrechen in Frankfurt und ihrer Verbindung zur Medizin. Aktuell läuft eine fachwissenschaftliche Recherche zu Frankfurter Opfern der NS-Euthanasie.

Nach Einschätzung der Stadt ist dieses Kapitel der Wissenschaftsgeschichte noch nicht vollständig aufgearbeitet. Hartwig hofft, dass die Bedeutung der Forschung nicht gegenüber finanziellen Erwägungen zurückgestellt wird. Das passt zu den Fragen, denen sich die Medizingeschichte grundsätzlich stellt: Wo liegen die Grenzen des medizinisch und technisch Machbaren? Wie wird mit Norm und Abweichung im wissenschaftlichen Diskurs und in der medizinischen Praxis umgegangen? Und was verändert sich, wenn man diese Fragen historisch betrachtet?

Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf der Geschichte der Psychiatrie. In der medizinhistorischen Forschung kooperiert das Institut mit deutschen und internationalen Universitäten. Ziel ist es, zentrale Dokumente der NS-Medizinverbrechen aufzufinden, die über Archive, Kliniken, Universitäten und Sammlungen verteilt sind. Vor allem die Opfer der sogenannten „Euthanasie“ im „Dritten Reich“ sollen vor dem Vergessen bewahrt werden.

Zu den Forschungsschwerpunkten gehören die Aufarbeitung der Medizinverbrechen im Nationalsozialismus – einschließlich ihrer Voraussetzungen, Dynamik und Nachwirkungen –, die Entwicklung einer Erinnerungskultur zu diesen Verbrechen sowie die Rekonstruktion der Wechselwirkungen zwischen Medizin und Krieg. Untersucht wird außerdem die medizinische Zeitgeschichte von den 1960er- bis zu den 1990er-Jahren.

Während an der Universität also über Strukturen, Professuren und Budgets gerechnet wird, liegen in der Paul-Ehrlich-Straße Bücher, Dias und Akten, die diese Entscheidungen mit einer unbequemen Vergangenheit verbinden. Und irgendwo dazwischen sitzt die praktische Frage: Was bleibt übrig, wenn ein Institut offiziell weiterbesteht, aber Bibliothek, Personal und Aufgaben Stück für Stück anderswo landen?

Stand: 30.09.2026

Quelle 1: F.A.Z.
Quelle 2: Journal Frankfurt
Quelle 3: Technische Universität München