In Frankreich sind Proteste gegen hohe Lebenshaltungskosten und Missstände im Bildungssystem in landesweite Ausschreitungen gekippt. Brennende Rathäuser, geplünderte Geschäfte, zerstörte Autos und Angriffe auf Polizisten prägten die Bilder. Am Samstag gingen laut dem Artikel mindestens 550.000 Menschen auf die Straße; mehr als 1.800 Personen wurden festgenommen, Hunderte Einsatzkräfte verletzt. Nach Regierungsangaben nannte der WDR dagegen 1.200 Festnahmen und 150 verletzte Polizisten.

Ursprünglich hatten Gewerkschaften zu den Demonstrationen aufgerufen. Die überwiegende Mehrheit der Teilnehmenden protestierte friedlich. Doch laut Berichten mischten sich politisch motivierte Linksautonome und Jugendliche unter die Menge, die Zerstörung unabhängig von politischen Forderungen suchten. So entwickelte die Gewalt eine Eigendynamik. Die Krawalle gingen am Sonntag weiter, unter anderem in Paris, Marseille und Lyon.

Brände, Plünderungen und ein zerstörtes Rathaus

In Paris, Lyon und Marseille wurden Gebäude und Autos angezündet, Geschäfte geplündert und Straßenkämpfe mit der Polizei ausgetragen. Bürgermeister Emmanuel Grégoire sagte, ganze Straßen in Paris seien „methodisch verwüstet“ worden. ARD-Korrespondentin Carolin Dylla, die seit vier Jahren aus Paris berichtet, erklärte, eine solche Intensität der Gewalt habe sie in Frankreich bislang nicht erlebt.

Besonders stark blieb das Bild aus Limoges hängen: Vermummte setzten das historische Rathaus nach dem Sturm durch Demonstrierende in Brand. Das mehr als 140 Jahre alte Gebäude war mit der französischen Résistance verbunden und wurde zerstört; sein Turm stürzte ein. Protestforscher Florian Staudt von Team Direct Europa sagte, in der öffentlichen Wahrnehmung bleibe vor allem dieses brennende Rathaus zurück.

Die Folgen sind auch politisch spürbar. Bilder von Feuer, Plünderungen und Angriffen auf die Polizei könnten dazu führen, dass die Forderungen nach bezahlbaren Lebenshaltungskosten und einem besseren Bildungssystem kaum noch beachtet würden. Ebenso drohe die Kritik an der Einsatztaktik der Polizei während der Schülerproteste in den Hintergrund zu geraten. Französische Medien berichteten laut Staudt vor allem über die Gewalt und weniger über die Anliegen von Studierenden, Gewerkschaften, Landwirten und Taxifahrern. Viele Tausende hätten friedlich demonstriert.

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Wie groß ist die Gefahr für Deutschland?

Der Extremismusforscher Ahmad Mansour erklärte, Schülerproteste seien von linksradikalen und migrantischen Gruppierungen instrumentalisiert und übernommen worden. Er hält ein Übergreifen der Gewalt auf Deutschland für möglich. Linksradikale Gruppen würden seit Tagen versuchen, ähnliche Proteste nach Deutschland zu tragen; aus friedlichen Schulprotesten könne schnell eine Eskalation werden.

Die Islamwissenschaftlerin Susanne Schröter führte die Gewalt in Frankreich unter anderem auf die französische Migrationspolitik zurück. Ähnliche Ausschreitungen in Deutschland seien aus ihrer Sicht möglich, falls sich die Migrationspolitik nicht ändere. Schröter sagte, Linksradikale mobilisierten seit Jahren gemeinsam mit Islamisten gegen die französische Gesellschaft. Größere Stadtviertel stünden, so ihre Behauptung, unter Kontrolle von Salafisten.

Mansour nannte daneben eine Ablehnung westlicher, demokratischer Gesellschaften als Faktor. Dadurch sinke die Hemmschwelle für Gewalt. Der Politikwissenschaftler Jérôme Fourquet beschreibt in Frankreich eine weit verbreitete Endzeitstimmung: Viele Menschen sähen überfällige Investitionen bei leeren öffentlichen Kassen und fühlten sich abgehängt.

Die sozialen Belastungen ähneln sich teilweise auf beiden Seiten des Rheins: steigende Lebenshaltungskosten, knapper und teurer Wohnraum, Einsparungen bei öffentlichen Leistungen, wirtschaftliche Probleme und Stellenabbau. Auch in Italien kam es laut dem Artikel zu Ausschreitungen; Mailand glich teilweise einem Schlachtfeld.

Eine vergleichbare Eskalation bei Demonstrationen in Deutschland hält Florian Staudt derzeit allerdings nicht für denkbar. Unzufriedenheit äußere sich hier eher in Wahlergebnissen. Die politischen Ränder würden stärker, darin zeige sich der Unmut über politische Institutionen. Eine Gewaltspirale wie in Frankreich sehe er bei Demonstrationen in Deutschland derzeit nicht.

Protest als Forschungsfeld

Wie Protest entsteht, warum er friedlich bleibt oder kippt und welche Rolle digitale Vernetzung spielt, untersucht das Institut für Protest- und Bewegungsforschung, kurz ipb. Der Zusammenschluss umfasst mehr als 200 Forschende. Sie befassen sich mit aktuellen und vergangenen Protesten sowie sozialen Bewegungen, tauschen sich in Arbeitskreisen, Workshops und Konferenzen aus und tragen Forschungsergebnisse in die Öffentlichkeit.

Untersucht werden unter anderem Ursachen und Formen von Protest und Widerstand, die Bedingungen für Erfolg oder Scheitern von Demokratiebewegungen, die Auswirkungen digitaler Vernetzung auf politische Organisationen sowie der Beitrag von Engagement zu demokratischer Kultur oder Diskriminierung. Das ipb wurde gegründet, um die als episodisch und lückenhaft beschriebene sozialwissenschaftliche Protestforschung im deutschsprachigen Raum zu ergänzen. Es versteht sich als dauerhafter Forschungszusammenhang zur „Politik von unten“ und verbindet Forschende aus Deutschland, Europa und anderen Teilen der Welt.

Die Gründungsinitiative ging von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus, die dafür den Verein für Protest- und Bewegungsforschung gründeten. Im Frühjahr 2013 nahm die Institutsinitiative gemeinsam mit dem Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung und der Technischen Universität Berlin ihre Arbeit auf. Das Institut informiert über Termine, Veranstaltungen, Publikationen, Projekte, Arbeitskreise, Mitglieder und den Verein.

Am 13. November 2026 ist an der Technischen Universität Berlin ein Workshop zu „Policing Activism“ im Diskursfeld Israel-Palästina-Konflikt und Antisemitismus angekündigt. Zu den aktuellen Beiträgen gehören eine Übersicht zum Forschungsstand über Proteste in Westasien und Nordafrika, verbunden mit der Forderung nach einer zeitlichen, räumlichen und thematischen Erweiterung der Perspektive, sowie eine Buchvorstellung von Michael Zellers Werk „Demobilising the Far Right: How Societal Actors Counter Far-Right Social Forces“ aus dem Jahr 2026.

Weitere Beiträge beschäftigen sich mit den jüngsten Entwicklungen der Klimaproteste in Deutschland und dem Potenzial von Klimaklagen. In Medienbeiträgen ging es außerdem um die Protestbewegung „M1llion“ und ihre Einordnung in das Vorfeld der extremen Rechten; laut Bastian Stock gebe es programmatische Überschneidungen mit Positionen der AfD. Behandelt wurden auch die Mobilisierungsfähigkeit von Gewerkschaften bei Sozialprotesten, autoritäre Männlichkeit und gesellschaftliche Emanzipation, die Entwicklung der Klimabewegung nach Straßenblockaden und Klimacamps sowie Proteste gegen Sozialabbau und der Umgang sozialer Bewegungen mit Parteien, insbesondere der AfD.

Auch die Blockaden der Gruppe „Widersetzen“ gehören dazu. Laut Simon Teune beruhen sie auf einem etablierten Aktionskonsens und einer Tradition massenhaften zivilen Ungehorsams. Andere Beiträge fragen nach genossenschaftlichen Modellen als Alternative in der Wirtschafts- und Nachhaltigkeitsbewegung oder nach der Bedeutung demokratischer Alltagskultur – freier Kritik, innerbetrieblichen Debatten, Protesten und Petitionen. Vorschläge zur Bewältigung der Demokratiekrise setzen auf stärkere Beteiligung der Bürgerinnen und Bürger.

Das Forschungsfeld reicht bis zu digitalem Antisemitismus auf TikTok, wo scheinbar harmlose Inhalte mit antisemitischen oder rassistischen Chiffren kombiniert werden können. Analysiert wird außerdem die Verwendung des Faschismusbegriffs zur Untersuchung von Wahlverhalten, Mobilisierung, Kommunikation und Affekten. Verglichen werden die Protestbedingungen während der Hartz-Gesetzgebung mit der heutigen Situation.

Eine Rolle spielen ebenso Selbstwirksamkeitserfahrungen, Vereine, Nachbarschaftsprojekte, Bürgerforen und lokale Initiativen im Umgang mit Rechtsextremismus. Friedlicher, lautstarker und disruptiver Protest wird als Bestandteil demokratischer Auseinandersetzung betrachtet. Weitere Themen sind die Veränderungen der Friedensbewegung seit dem russischen Einmarsch in die Ukraine 2014 und dem erneuten Einmarsch 2022, rechtsextreme Schmierereien und Propagandamaterial als bewusste Verwendung entsprechender Zeichen und Botschaften sowie die Zivilgesellschaft als wichtige Säule einer wehrhaften Demokratie und als Raum demokratischer Selbstwirksamkeit.

Verbände, Initiativen und Vereine prägen dabei Beteiligung und gesellschaftliche Gemeinschaft. Von der Uni Frankfurt aus wirkt der Blick nach Frankreich gerade ziemlich nah: Protest beginnt mit Forderungen, bekommt durch soziale Spannungen Tempo – und kann, wenn sich unterschiedliche Gruppen dazumischen, sehr schnell eine eigene Richtung einschlagen.