Goethe-Universität plant Strukturumbau mit 60 gefährdeten Professuren
Am Dienstagvormittag ist es an der Goethe-Universität Frankfurt unruhig geworden. Bei der Infoveranstaltung „Goethe let’s talk“ des Präsidiums ging es um den Status der Universität als Exzellenzuniversität, geplante Kürzungen und eine umfassende Umstrukturierung. Rund 300 Menschen nahmen nach Angaben von Teilnehmenden teil – Beschäftigte und Studierende nutzten den Termin zugleich für Protest.
Im Saal hielten Mitglieder des „No Cuts“-Bündnisses und des Mittelbaus im Fachbereich Gesellschaftswissenschaften DIN-A4-Blätter hoch. Einzelne Buchstaben, nebeneinandergehalten, ergaben: „Keine Kürzungen“. Beschäftigte riefen nach Angaben von Teilnehmenden „neu verhandeln“. Zum Mittelbau gehören wissenschaftliche Beschäftigte ohne Professur.
Sieben Fachbereiche statt 16
Auslöser des Protests ist ein 59-seitiges Rahmenkonzept des Präsidiums für die Entwicklung der Stiftungsuniversität ab 2031. Die Zahl der Fachbereiche soll von 16 auf sieben sinken. Eigenständige Fakultäten würden zusammengelegt, die Medizin als einziger Fachbereich eigenständig bleiben. Aus fünf geisteswissenschaftlichen Fachbereichen sollen zwei werden.
Institute sollen künftig jeweils acht bis 16 Professuren umfassen. Einrichtungen mit nur einer oder zwei Professuren könnten abgeschafft, zusammengelegt oder ganz entfallen. Von derzeit mehr als 600 Professuren gelten rund 60 als gefährdet. Die Dekanate der neuen Fachbereiche sollen dem Präsidium angegliedert werden und gemeinsam mit ihm ein „erweitertes Präsidium“ bilden.
Außerdem will die Goethe-Universität Synergien mit den Universitäten Mainz und Darmstadt nutzen, mit denen sie einen Exzellenzcluster bildet. Nach Berichten der FAZ und der Frankfurter Rundschau sollen die Veränderungen im kommenden Jahr beschlossen und ab 2028 umgesetzt werden. Präsidium und Senat sollen gemeinsam entscheiden.
Eine Person aus dem Mittelbau sagte bei der Veranstaltung, das Präsidium habe keine Perspektive für befristet Beschäftigte aufgezeigt. Viele würden deshalb in den kommenden Monaten ihre Stellen verlieren, weil Verträge nicht verlängert würden. Der Senat der Goethe-Universität hat die Pläne bereits abgelehnt.
Streit über Geld und Verantwortung
Die Universität begründet den Veränderungsbedarf mit erheblichen Kürzungen der Landesregierung und zugleich steigenden Kosten. Im Mittelpunkt steht der Hochschulpakt der schwarz-roten Landesregierung in Hessen für die Jahre 2026 bis 2031. Für 2026 sind an den hessischen Hochschulen Einsparungen von insgesamt rund 30 Millionen Euro vorgesehen. Die Goethe-Universität hat sich verpflichtet, durchschnittlich zehn Prozent ihres jährlichen Budgets einzusparen. 2025 verfügte sie bei mehr als 40.000 Studierenden über knapp 837 Millionen Euro.
Wissenschaftsminister Timon Gremmels (SPD) widerspricht jedoch der Darstellung, der Hochschulpakt sei die Ursache der umfassenden Strukturüberlegungen. Für 2026 sehe der Pakt wegen der Haushaltslage zunächst eine einmalige Kürzung um rund 1,3 Prozent vor. 2027 solle die Finanzierung wieder das Niveau von 2025 erreichen, ab 2028 seien jährliche Steigerungen von insgesamt 48 bis 100 Millionen Euro für die Hochschulen geplant. Welche strukturellen Veränderungen die Universität daraus ableite, liege in ihrer Verantwortung.
Die Grünen im hessischen Landtag sehen das anders. Nina Eisenhardt, hochschulpolitische Sprecherin der Fraktion, erklärte, die geplante Streichung von 60 Professuren stehe offensichtlich mit den Kürzungen der Landesfinanzierung in Zusammenhang.
Das Präsidium verweist zusätzlich auf Veränderungen in der Wissenschaft – auf den demografischen Wandel, Künstliche Intelligenz und Digitalisierung. Das Papier sei ein erster Entwurf und enthalte Vorschläge, betont die Hochschulleitung. Zugleich seien „mutige strukturelle Veränderungen“ als Reaktion auf die Landeskürzungen notwendig.
„Von oben geplant“
Die Hochschulleitung kündigt an, das Dokument in den kommenden Monaten in einem Beteiligungsprozess zu einem Entwicklungskonzept auszuarbeiten. Alle zuständigen Universitätsgremien sollen einbezogen werden. Vertreter des Mittelbaus kritisieren allerdings, dass das Präsidium die 60-seitige Diskussionsgrundlage trotz angekündigter Dialogbereitschaft erst einen Tag vor der Veranstaltung bereitgestellt habe.
Nikolaus Müller-Schöll, Professor und Senatsmitglied, erklärte, er sei erst kurzfristig informiert worden. Das Ausmaß der Pläne habe er erst durch Presseberichte erkannt. Eine eigentlich von unten kommende Reform werde von oben geplant, kritisierte er. Die vorgesehenen Zusammenlegungen seien nicht sinnvoll, die Betroffenen nicht einbezogen. Nach seinen Angaben arbeiten die Fachbereiche bereits an eigenen Lösungsansätzen, die durch das Präsidiumspapier infrage gestellt würden.
Auch der AStA erklärte, erst aus der Presse von dem Papier erfahren zu haben. Mathilde Henning bezeichnete das Vorgehen ohne Einbeziehung der Studierenden als autoritär und undemokratisch. GEW-Landesvertreterin Simone Claar warnte vor einem Qualitätsverlust im Studium und zusätzlicher Arbeit für die Beschäftigten. Die Frankfurter Linken-Politikerin Heike Leitschuh forderte einen demokratischen Austausch sowie Mitbestimmung von Lehrpersonal und Studierenden.
Der Widerstand reicht über Frankfurt hinaus. In mehreren hessischen Universitätsstädten gibt es Protest gegen den Hochschulpakt. Studierende in Gießen veranstalteten dazu eine Kundgebung; am selben Tag trafen sich dort Wissenschaftsminister Gremmels und Vertreter der hessischen Hochschulen. In Frankfurt bleiben derweil die Buchstaben auf den Blättern klar lesbar: „Keine Kürzungen“.
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Quelle 1: Frankfurter Rundschau
Quelle 2: tagesschau.de
Quelle 3: pedocs.de
