Koblenzer Pflegewissenschaftlerin erhält internationales Fellowship für neue Theorie der Vulnerabilität
Eine Koblenzer Pflegewissenschaftlerin erhält internationale Anerkennung: Dr. Miriam Läpple vom Institut für Pflegewissenschaft der Universität Koblenz wurde als eine von vier Fellows weltweit für das Fellowship-Programm 2026/27 des Center for Nursing Philosophy (CNP) an der University of California, Irvine, ausgewählt. Das CNP zählt zu den führenden Institutionen für Philosophie und kritische Theorie in der Pflege.
Im Mittelpunkt von Läpples Fellowship steht ein Begriff, der im Pflegealltag oft nach Risiko, Schwäche oder Schutzbedürftigkeit klingt: Verletzlichkeit. In ihrem Publikationsprojekt entwickelt sie eine neue Definition von Vulnerabilität als mögliche Grundlage professioneller Pflege. Sie versteht Verletzlichkeit dabei nicht primär als Defizit oder Gefahr, die vermieden oder verringert werden muss.
Verletzlichkeit als Beziehungsgeschehen
Stattdessen untersucht Läpple Vulnerabilität affirmativ und relational – als Gegenstand der Pflegewissenschaft und zugleich als Perspektive, die das Gedeihen menschlicher und nicht-menschlicher Akteurinnen und Akteure in komplexen Versorgungssituationen ermöglichen kann. Ihre eigenen Vorarbeiten, in denen sie Vulnerabilität als dynamischen und verteilten Aspekt pflegerischer Versorgungskontexte betrachtet, bilden dafür eine wichtige Grundlage.
Theoretisch stützt sich das Projekt auf Rosi Braidottis Konzepte der nomadischen Subjektivität und der affirmativen Ethik. Braidotti versteht Identität nicht als starr und einheitlich. Das Subjekt ist bei ihr ständig in Bewegung, wandelbar und in Beziehungen zu anderen verankert. Verletzungen, Leiden, Trauer, Melancholie und Schmerz sollen in ihrer affirmativen Ethik nicht einfach ausgeblendet werden; aus ihnen können neue Perspektiven und Handlungsmöglichkeiten entstehen.
Aus diesen Ansätzen soll ein pflegephilosophischer Rahmen hervorgehen. Vulnerabilität wäre darin ein Ausgangspunkt für kollektive Transformation, für situative Räume des Wachstums und für die Gestaltung von Versorgung. Das klingt zunächst theoretisch, berührt aber sehr konkrete Situationen: Menschen, Körper, technische Systeme, Angehörige und Fachkräfte treffen in der Pflege aufeinander – nicht immer planbar, oft unter Druck.
Braidottis „Big Yes“
Eine ausführlichere Einordnung liefert Braidottis Beitrag „The Philosophy of the Big Yes: Affirmative Ethics Today“, erschienen 2024 in der Harvard Review of Philosophy, Band 31, auf den Seiten 21–37. Darin beschreibt sie affirmative Ethik als Antwort auf die in der zeitgenössischen Philosophie verbreitete Negativität. Verankert ist dieser Ansatz im posthumanistischen und neomaterialistischen Denken.
Braidotti kritisiert den cartesianischen Dualismus und betont stattdessen die Verbundenheit aller Lebewesen und Entitäten. Ausgehend von Spinozas Konzept des conatus rücken Beziehungen und Veränderungsprozesse in den Mittelpunkt. Die sogenannte „posthumane Konvergenz“ wird dabei von technologischen Fortschritten, ökologischen Krisen und sozioökonomischen Ungleichheiten geprägt.
Ihre Fallstudien zu Technologie, Klimawandel und politischem Populismus prüfen vorherrschende Denkmodelle. Kritik übt Braidotti unter anderem am Transhumanismus, wenn dieser ausschließende politische Strukturen und menschlichen Exzeptionalismus verstärkt, sowie am Populismus, sofern er auf Ausgrenzung beruht. Affirmative Ethik soll der Negativität mit Wachstum, Widerstandsfähigkeit und geteilter Verantwortung begegnen.
Gefordert ist ein demokratischer, gemeinschaftsorientierter Dialog über posthumane Herausforderungen. Einen exklusiven Humanismus und destruktiven Individualismus lehnt der Ansatz ab. Zugleich schreibt er keine einzige Zukunft des Posthumanen fest, sondern lässt unterschiedliche Entwicklungsmöglichkeiten zu. Ihre Gestaltung, so Braidottis Perspektive, braucht anhaltende kollektive Anstrengungen; Beziehungen und wechselseitige Abhängigkeit werden zu zentralen Ansatzpunkten für den Umgang mit gegenwärtigen Krisen und für eine inklusivere Zukunft.
Mentoring bis zur Einreichung
Das CNP begleitet Läpple im akademischen Jahr 2026/27 mit Mentoring und einem zehnwöchigen Kurs zum kritisch-konzeptuellen Schreiben. Bis zum Ende des Fellowships soll das fertige Manuskript beim peer-reviewten Fachjournal Nursing Philosophy eingereicht werden. Der Austausch über Pflegephilosophie soll damit nicht im Seminarraum bleiben, sondern international weitergetragen und in der Pflege gestärkt werden – genau das gehört zu den Zielen des Centers.
Die Nachricht wurde am 28.10.2026 in Uni Frankfurt eingeordnet. Wissenschaftlicher Kontakt ist Dr. Miriam Läpple, Universität Koblenz, Universitätsstraße 1, 56070 Koblenz. Telefonisch ist sie unter 0261 287 2133 erreichbar, per E-Mail unter mlaepple@uni-koblenz.de.
