Kapitalismus wirkt oft wie ein abstraktes System aus Zahlen, Märkten und Diagrammen. Sven Beckert holt ihn aus dieser trockenen Ecke heraus. In seinem Buch „Kapitalismus. Geschichte einer Weltrevolution“ erzählt der in Offenbach geborene Historiker, wie der Kapitalismus entstand, sich über alle Kontinente ausbreitete und bis heute Lebens- und Arbeitsweisen, gesellschaftliche Vorstellungen und politische Organisation prägt.

Beckert lehrt Amerikanische Geschichte an der Harvard University. Seine zentrale Perspektive: Der Kapitalismus war nicht einfach ein europäisches Exportprodukt. Er entstand global, durch ein international vernetztes Wirtschaftssystem und durch zahlreiche Akteure in unterschiedlichen Weltregionen. Arabische Kaufleute gehören in diese Geschichte ebenso wie indische Weber, versklavte Afrikaner auf karibischen Zuckerplantagen, Amsterdamer Finanziers und Stahlindustrielle im Saarland.

Lesung im Historischen Museum

Am Donnerstag, 12. November 2026, liest Beckert im Historischen Museum Frankfurt aus seinem Werk vor. Doreen Mölders moderiert den Abend, der zur Reihe „Geschichte Jetzt!“ gehört. Diese Reihe ist eine Kooperation des Historischen Museums Frankfurt mit dem Historischen Seminar der Goethe-Universität Frankfurt und stellt weitere Neuerscheinungen aus der Geschichtswissenschaft vor.

Die Buchvorstellung findet im Leopold-Sonnemann-Saal des Historischen Museums Frankfurt, Saalhof 1, 60311 Frankfurt, statt. Der Eintritt kostet 4 Euro, ermäßigt 2 Euro. Vor der Lesung kann außerdem die Sonderausstellung „Die Welt im Geld. Globale Ereignisse im Spiegel Frankfurter Finanzobjekte“ besucht werden. Ein kurzer Abstecher durch die Ausstellung, dann hinein in die Weltgeschichte des Wirtschaftens – kann man machen.

Beckerts Buch ist für den Wirtschaftsbuchpreis des „Handelsblatts“ nominiert; beim Rowohlt Verlag wird es als für den Deutschen Wirtschaftsbuchpreis 2026 nominiert geführt. Das Werk umfasst 1.280 Seiten und versteht sich als Globalgeschichte des Kapitalismus für das 21. Jahrhundert. Es geht also nicht nur um Börsen, Fabriken und Wachstum, sondern auch darum, wie sich wirtschaftliche Veränderungen in den Alltag einschreiben.

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Wachstum, Ausbeutung und Klimakrise

Neben dem durch die kapitalistische Revolution ermöglichten Wirtschaftswachstum behandelt Beckert Imperialismus und Kolonialismus, globale Ungleichheit und Ausbeutung. Auch die Zerstörung natürlicher Lebensgrundlagen im Zeitalter der Klimakrise gehört zu seiner Darstellung. Der Blick bleibt dabei über große Zeiträume und verschiedene Weltregionen hinweg gespannt.

Das Buch will ein Gesamtbild der Geschichte des Kapitalismus vermitteln und zugleich Anregungen geben, über seine Zukunft nachzudenken. Henry Louis Gates Jr. bezeichnete es als eine kontinentübergreifende Darstellung, die das Verständnis des Kapitalismus als sich entwickelnde und umkämpfte menschliche Schöpfung neu strukturiere. Der Ökonom Thomas Piketty nannte es ein „Standardwerk der Globalgeschichte des Kapitalismus“ und „absolute Pflichtlektüre“.

Ein Buch mit Freiburger Vorgeschichte

Am 17. November 2025 stellte der Harvard-Historiker und FRIAS-Alumnus Beckert sein neues Buch vor. Das Freiburg Institute for Advanced Studies spielte nach seinen eigenen Angaben während der COVID-Jahre und danach eine zentrale Rolle bei der Entstehung des Werks. Beckert war im akademischen Jahr 2008/09 Fellow an der FRIAS School of History, forschte 2019 als Marie-S.-Curie-Fellow am FRIAS und kehrte über das FRIAS-Alumni-Programm mehrfach zu Forschungsaufenthalten nach Freiburg zurück.

Im Sommersemester 2026 tritt Beckert außerdem im Rahmen des Studium Generale an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg auf. An der Harvard University ist er Laird Bell Professor für Geschichte. Seine Forschung und Lehre konzentrieren sich auf die Geschichte der Vereinigten Staaten im 19. Jahrhundert sowie auf wirtschaftliche, soziale, politische und globale Dimensionen des Kapitalismus.

In Frankfurt wird es am 12. November nicht bei einer rein akademischen Rückschau bleiben. Wenn Beckert von Kaufleuten, Webern, Plantagenarbeitern, Finanziers und Industriellen erzählt, liegt darin auch eine Frage an die Gegenwart: Wer gestaltet wirtschaftliche Systeme – und wer trägt ihren Preis?