Lulas Amazonas-Kurs zwischen sinkender Abholzung und politischem Druck
Brasilien hat gewählt: Luiz Inácio Lula da Silva bleibt Präsident. Für den Amazonas und den internationalen Klimaschutz ist das eine Nachricht mit Gewicht – auch wenn Umwelt- und Klimaschutz im aktuellen Wahlkampf nicht im Mittelpunkt standen.
Unter Lula sank die Abholzung im Amazonasgebiet und in anderen Regionen zuletzt deutlich. In den zwölf Monaten vor dem zugrunde liegenden Bericht wurde weniger Regenwald zerstört als in jedem früheren Jahr seit Beginn der Satellitenerfassung. Gegen illegale Abholzung setzte die Regierung unter anderem auf harte Sanktionen.
Weniger Wald, aber kein Selbstläufer
Neuere Daten zeichnen ein ähnliches Bild: Zwischen August 2025 und Juli 2026 wurden nach Angaben des Nationalen Instituts für Weltraumforschung etwa 2.874 Quadratkilometer Regenwald abgeholzt. Das entspricht einem Rückgang von rund 36 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum und dem niedrigsten Stand seit zehn Jahren. Präsident Lula bezeichnete die Entwicklung als „fantastisch“.
Eine andere Auswertung kommt auf 3335 Quadratkilometer gerodeten Wald im selben Zeitraum. Das wäre der niedrigste jährliche Wert seit Beginn der Aufzeichnungen im Jahr 1988 und gegenüber den 5731 Quadratkilometern des Vorjahres ein Rückgang von fast 42 Prozent. Umweltminister João Paulo Capobianco nannte ihn „absolut astronomisch“. Die Daten stammen aus Satellitenaufnahmen und werden vom brasilianischen Institut für Weltraumforschung, kurz Inpe, veröffentlicht.
Die unterschiedlichen Zahlen hängen mit den jeweiligen Auswertungen und Überwachungsprogrammen zusammen. Bereits im August 2026 hatten Behörden einen historischen Tiefstand gemeldet; diese Zahlen beruhten allerdings auf einem anderen Programm, das vor allem der schnellen Information zuständiger Stellen dient.
Auch die Waldbrände im Amazonasgebiet gingen zurück. Nach Angaben der Initiative MapBiomas waren im vergangenen Jahr rund 3,1 Millionen Hektar betroffen – etwa 80 Prozent weniger als im Vorjahr und die geringste betroffene Fläche seit Beginn der Aufzeichnungen 1983. Im brasilianischen Cerrado wurden ebenfalls weniger Flächen zerstört: 5517 Quadratkilometer, 24 Prozent weniger als im vorherigen Zwölfmonatszeitraum.
Pragmatiker statt Öko-Ikone
Seit seinem Amtsantritt Anfang 2023 stellt Lula Umwelt- und Klimaschutz wieder stärker in den Mittelpunkt. Bis 2030 soll die Abholzung im Amazonasgebiet vollständig beendet werden. Unter seinem Vorgänger Jair Bolsonaro hatten Abholzung und Brandrodung deutlich zugenommen; 2022 wurden mit 12.500 Quadratkilometern ein Höchststand erreicht. Bolsonaro schwächte unter anderem die Umweltkontrollen und betrachtete die Region vor allem als ungenutztes wirtschaftliches Potenzial.
Benno Pokorny von der Universität Freiburg hält Lula nicht für einen Klimawandelleugner, sondern für rational und für Argumente zugänglich. Deshalb gelte er als verlässlicher Partner bei internationalen Klimavereinbarungen. Als Öko sieht Pokorny ihn trotzdem nicht. Lula sei ein pragmatischer Machtpolitiker, bei dem neue Arbeitsplätze und wirtschaftliche Entwicklung weit oben auf der Agenda stünden.
Sinkende Entwaldung und wirtschaftliche Entwicklung müssten sich dabei nicht widersprechen, sagt Pokorny. Der wirtschaftliche Motor Brasiliens seien vor allem die Städte. Der ländliche Raum, in dem die Entwaldung stattfinde, trage dagegen nur einen kleinen Teil zur Wirtschaftsleistung bei. Waldschutz und Klimaschutz könnten zugleich die Beziehungen zu westlichen Industriestaaten verbessern.
Der Amazonas-Regenwald ist wegen seiner Aufnahme von Treibhausgasen für den Klimaschutz wichtig. Rund 60 Prozent des Amazonasgebiets liegen in Brasilien. Schon deshalb schaut die Welt ziemlich genau hin, wenn dort Rodungsmaschinen anrollen – oder eben nicht.
Rechte Mehrheiten, schwierige Entscheidungen
Leicht wird Lulas Kurs trotzdem nicht. Nach den Wahlen liegt das politische Gewicht im Kongress und in den Bundesstaaten deutlich rechts. Der brasilianische Soziologe und Nachhaltigkeitsforscher Eduardo Gonçalves Gresse warnt deshalb, eine nachhaltige Umwelt- und Klimapolitik sei kein Selbstläufer.
Die Regierung dürfte stärker auf die Interessen der Agrarlobby eingehen. Außerdem könnte sie die Öl- und Gasförderung ausbauen, um Wirtschaftswachstum und politische Handlungsfähigkeit zu sichern. Der Schutz der Wälder bleibe für die Regierung dennoch ein Thema. Beides zusammenzubringen – fossile Energie, Agrarinteressen und weniger Entwaldung – wird politisch wohl ein ziemlicher Spagat.
Nach Gresses Einschätzung hängt Lulas Erfolg beim Durchsetzen von Umweltmaßnahmen auch davon ab, ob er die breite Gesellschaft mobilisieren kann. Im Wahlkampf sei ihm das bereits gelungen. Gresse sieht einen Zusammenhang zwischen Klima- und Umweltschutz sowie Demokratie.
Pokorny hebt Lulas bisher glaubhaft vermitteltes Interesse an den Belangen der Bevölkerung und seine Empathie für marginalisierte Gruppen hervor. Dazu kommen Charisma und die Fähigkeit, Menschen für sich zu gewinnen. Das klingt nicht nach einem Detail am Rand: Für Maßnahmen, die tief in wirtschaftliche Interessen eingreifen, braucht es Rückhalt – sonst wird’s im Kongress und auf der Straße schnell eng.
Ein Wald unter politischem Druck
Lula setzt auf den Schutz des Amazonas und will die Abholzung bis 2030 vollständig stoppen. Bei der Präsidentschaftswahl im Oktober tritt er gegen Flávio Bolsonaro an, den Sohn seines Amtsvorgängers Jair Bolsonaro. Die politischen Fronten bleiben damit sichtbar, auch wenn die Zahlen aus den Satellitenbildern zunächst Hoffnung machen.
Von der Wahl könnten sowohl Ökosysteme und Klima als auch die Menschen in Brasilien profitieren – besonders dann, wenn wirtschaftliche Interessen und Nachhaltigkeit miteinander vereinbar sind. Die Umsetzung dieses Kurses dürfte allerdings schwieriger werden. In Freiburg, wo die Einschätzungen von Benno Pokorny diskutiert werden, klingt das nüchtern. Im Amazonas selbst riecht die Frage vermutlich eher nach Rauch, heißer Erde und dem Diesel der nächsten Maschine.
