Ein Webcam-Foto vom 28. September 2026 zeigt das 4478 Meter hohe Matterhorn bei Zermatt nahezu schneefrei. Für diese Jahreszeit ist das ungewöhnlich: Normalerweise trägt der Gipfel Ende September längst eine weiße Decke. Diesmal wirken die steilen Felswände fast blank – ein Anblick, bei dem man zweimal hinschaut.

Der Grund liegt im außergewöhnlich warmen und trockenen Sommer 2026. Nach Angaben von MeteoSchweiz war es in der Schweiz von April bis September so warm und trocken wie in den vergangenen 160 Jahren nicht. Gletscher gingen stark zurück, neuer Schnee blieb weitgehend aus. Meteorologe Dominik Jung bezeichnete das Foto als echt und als Folge eines extremen Jahres in den Alpen. Der Geograf Jan Blöthe erklärte, Schnee Ende September auf über 4000 Metern sei normalerweise zu erwarten.

Eine Nullgradgrenze fast am Gipfel

Entscheidend war die ungewöhnlich hohe Nullgradgrenze. Sie lag zuletzt bei etwa 4300 Metern. Das Matterhorn ist 4478 Meter hoch – selbst am Gipfel blieb dadurch kaum dauerhaft Schnee liegen. Niederschlag fiel häufig als Regen oder taute direkt wieder weg. An den steilen Felswänden hält sich ohnehin wenig Schnee.

Auch der September reiht sich in diese Wetterlage ein. Nach provisorischen Daten war er der zweitwärmste September in der Schweiz seit Messbeginn 1864. Die landesweite Mitteltemperatur lag bei 13,7 °C und damit 3,2 °C über dem Referenzwert der Jahre 1991–2020. Nur der September 2023 war noch wärmer. An fünf Messstationen mit langen Messreihen wurden neue Septemberrekorde registriert, darunter 21,3 °C Mitteltemperatur in Lugano TI und 8,8 °C am Grossen St. Bernhard VS.

In höheren Lagen fiel die Abweichung gegenüber der Referenzperiode größer aus als in tieferen Regionen. Gleichzeitig lagen die Niederschlagsmengen landesweit unter dem Durchschnitt. Regional wurden weniger als 20 % der für September üblichen Regenmenge gemessen, besonders trocken war es im Mittelland und im Jura. Die Sonne legte ebenfalls Überstunden ein: In der gesamten Schweiz lag die Sonnenscheindauer über dem Durchschnitt, örtlich bei mehr als 150 % der Norm.

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Die Zahlen sind noch nicht endgültig, weil die Prognose bis zum Monatsende berücksichtigt wurde. Meteoschweiz veröffentlicht die definitiven Daten am 10. Oktober. Nach den bisherigen Angaben war das Sommerhalbjahr von April bis September 2026 dennoch das wärmste und trockenste seit Beginn der Aufzeichnungen vor mehr als 160 Jahren.

Mehr als ein kurioses Kamerabild

Für den Wasserhaushalt und die Gletscher sind solche Bedingungen erheblich. Wärmere Sommer beschleunigen den Gletscherrückgang, der Permafrost taut schneller auf. Alpenforscher Werner Bätzing ordnete die Situation als ungewöhnlich, aber nicht als Katastrophe ein. Er sieht darin einen Ausdruck der sich beschleunigenden Klimaerwärmung.

Am Matterhorn kann die Erwärmung außerdem mehr Steinschlag begünstigen. Deshalb wurde die Besteigung im Sommer zeitweise eingestellt. Das klingt am Schreibtisch schnell nach einer Randnotiz, ist am Berg aber eine Frage von Sekunden, losem Gestein und sehr wenig Spielraum.

Kurzfristig zeichnet sich keine deutliche Wetteränderung ab. Ein Hochdruckgebiet über Südwesteuropa sorgt weiterhin für mildes und trockenes Wetter; bis Anfang Oktober wird kaum nennenswerter Niederschlag erwartet. Für eine schnelle Schneebedeckung wären eine kräftige Kaltfront oder eine Nordstaulage mit feuchter Luft nötig. Dann könnte die Schneefallgrenze innerhalb eines Tages um etwa 2000 Meter sinken.

Nach Einschätzung von Jung könnte das Matterhorn ab Mitte Oktober wieder leicht eingeschneit sein. Eine dauerhafte Wintereindeckung werde voraussichtlich erst im November erreicht.

Die Alpen reagieren schneller

Die Schweizer Alpen gelten als besonders empfindlich gegenüber Temperaturveränderungen, weil Gletscher und Schneedecken schneller reagieren als tiefer gelegene Regionen. Gletscher schmelzen, Schneedecken werden kürzer, Lawinengefahr und Störungen des Wasserhaushalts nehmen zu. Gefährdet sind dadurch nicht nur Bergwege, sondern auch Menschen, Siedlungen und Infrastruktur – vor allem in Tourismusorten und Tälern, wo vieles dicht beieinanderliegt.

Das Abschmelzen verändert das Landschaftsbild und verringert die Wasserreserven für Trockenperioden. In ausgeprägten Sommern kann daraus Wasserknappheit entstehen. Langfristig belasten weiter schmelzende Gletscher die Trinkwasserreserven und die Wasserversorgung. Wärmere Temperaturen führen zudem zu häufigerem Schneeschmelzen und instabileren Schneedecken, wodurch die Lawinengefahr steigt und Menschenleben sowie Infrastruktur bedroht werden.

Auch Pflanzen und Tiere bekommen den Wandel zu spüren. Veränderte Niederschlagsmuster und höhere Temperaturen verschieben die alpinen Ökosysteme: Einige Arten können in höheren Lagen nicht mehr überleben, andere wandern aus wärmeren Regionen ein. Pflanzen- und Tierwelt ordnen sich neu, die Artenvielfalt der alpinen Lebensräume gerät unter Druck.

Das Bundesamt für Umwelt, BAFU, und MeteoSchweiz beobachten die Entwicklung unter anderem anhand von Gletschervolumen, Schneehöhen und Extremwetterereignissen. Die Daten klingen nüchtern. Hinter jeder Messreihe stecken allerdings Täler, Wege, Häuser und Wasserleitungen.

Schutz, Anpassung und viel Zusammenarbeit

Die Schweiz baut erneuerbare Energien aus, insbesondere Solarenergie, Windkraft und Wasserkraft. Ziel ist, den CO₂-Ausstoß zu senken und die Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen zu verringern. Technische und ökologische Schutzmaßnahmen reichen von Deichen und Dämmen gegen Überschwemmungen bis zu Renaturierungsprojekten zum Schutz der ökologischen Vielfalt. Auch die Wasserwirtschaft muss an sinkende Gletscherreserven angepasst werden.

Ob das funktioniert, hängt stark davon ab, wie konsequent Kantone und Gemeinden die Maßnahmen umsetzen. Der Alpenraum macht es dabei nicht gerade leicht: Er erstreckt sich über mehrere Länder, und Klimarisiken halten sich nicht an Landesgrenzen. Internationale Zusammenarbeit ermöglicht die gemeinsame Nutzung von Ressourcen und Fachwissen, Erfahrungsaustausch und einen effizienteren Einsatz finanzieller Mittel. Außerdem stärkt sie die Verhandlungsposition gegenüber anderen Ländern und Organisationen.

Die Alpenkonvention bildet den völkerrechtlichen Rahmen für die Abstimmung von Maßnahmen und den Erfahrungsaustausch zwischen der Schweiz und den anderen Alpenstaaten. Auch das Pariser Klimaabkommen schafft einen internationalen Rahmen für Klimaschutzmaßnahmen. Lösungen, die in der Schweiz erprobt werden, können teilweise auf andere Gebirgsregionen übertragen werden.

Und im Alltag? Öffentliche Verkehrsmittel nutzen, den eigenen Energieverbrauch senken und umweltfreundliche Initiativen unterstützen – das sind die Möglichkeiten, die Einzelpersonen laut den genannten Empfehlungen haben. Am Matterhorn bleibt derweil der Fels sichtbar, wo normalerweise Schnee liegen sollte. Von der Uni Freiburg aus wirkt das weit weg. Die Messwerte tun es nicht.